Nationale Strategiekonferenz „Innovationen in der Medizintechnik“

Große Fortschritte im Strategieprozess

Etwa 180 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesundheitswesen nahmen an der 2. Nationalen Strategiekonferenz "Innovationen in der Medizintechnik" am 31. Mai 2016 in Berlin teil.

Quelle: VDI TZ / Leo Seidel

Dass der Nationale Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“ in den vergangenen zwei Jahren große Fortschritte erzielt hat, zeigte sich auf der Nationalen Strategiekonferenz 2016 in Berlin. Rund 180 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesundheitswesen folgten am 31. Mai zum zweiten Mal nach 2014 der Einladung der Bundesregierung. Das Bundesforschungsministerium stellte auf der Veranstaltung ein Fachprogramm Medizintechnik vor, dass auf Grundlage der Handlungsempfehlungen des Strategieprozesses die Innovationsförderung des Bundes neu aufstellt. Die Staatssekretäre des Bundesforschungs-, Bundesgesundheits- und Bundeswirtschaftsministeriums diskutierten mit den Teilnehmern über das Thema Digitalisierung und andere aktuelle Herausforderungen der Branche. von Tim Gabel

BMBF-Staatssekretär Dr. Georg Schütte begleitet den Nationalen Strategieprozess schon seit Beginn an.

Quelle: VDI TZ / Leo Seidel

Die Nationale Strategiekonferenz war für Innovatoren der Medizintechnik-Branche in diesem Jahr Rückschau, Meilenstein und Ausblick gleichzeitig. 2011 hatte die Bundesregierung mit der Initialisierung des Strategieprozesses „Innovationen in der Medizintechnik“ auf die großen Herausforderungen reagiert, die auf die Medizintechnik-Branche zukommen: Der demografische Wandel, knapper werdende finanzielle Ressourcen und gestiegene Anforderungen an die Sicherheit von Produkten haben den Innovationsprozess in den vergangenen Jahren immer komplexer werden lassen.

„Ich begleite den Prozess seit Beginn an und kenne daher viele der Akteure, die auch heute wieder hier vertreten sind. Wir haben gemeinsam diskutiert, unterschiedliche Meinungen und Positionen sind deutlich geworden. Gemeinsames Ziel war von vornherein, Wege aufzuzeigen, um die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Branche zu steigern und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit der Gesundheitsversorgung weiter auszubauen“, sagte Staatssekretär Dr. Georg Schütte zur Begrüßung der Teilnehmer in Berlin.

Fachprogramm Medizintechnik der Öffentlichkeit präsentiert

Bei einem Presse-Hintergrundgespräch erörterte Schütte die neue Förder- und Forschungsstrategie des BMBF im Bereich Medizintechnik.

Quelle: VDI TZ / Leo Seidel

Kurz vorher verkündete er vor Fachjournalisten einen Meilenstein des Strategieprozesses. Er stellte das aktuelle BMBF Fachprogramm Medizintechnik vor. Bei der ersten Ausgabe der Nationalen Strategiekonferenz im Jahr 2014 hatten die Teilnehmer Handlungsempfehlungen erarbeitet, die sich an Politiker, Branchenvertreter und andere Verantwortliche im Gesundheitssystem richteten. Das BMBF hat nun auf die Handlungsempfehlungen reagiert und seine neue Forschungs- und Förderstrategie für die nächsten zehn Jahre festgeschrieben. Die Innovationspolitik wird sich stärker als je zuvor am Versorgungsbedarf ausrichten und soll der Branche dabei helfen, schneller anwendungsfähige Innovationen zum Wohle der Patienten hervorzubringen.

„Bereits im Entwicklungsprozess von Medizinprodukten muss künftig erkennbar sein, dass sie die Hürden zur Integration in die Versorgung überspringen können. Dazu will die Innovationsförderung des Forschungsministeriums die nötige Basis bieten: Die Forschung in und mit Unternehmen – als Motor für Innovationen in der Medizintechnik – braucht dafür nicht nur die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Klinikern, sondern einen ebenso engen Austausch mit Patienten, Versorgungsforschern und Gesundheitsökonomen“, sagte Schütte zu den Journalisten im dbb-Forum in Berlin. Für vielversprechende Projekte und einen besseren Zugang zu Versorgungswissen will das BMBF in den nächsten Jahren bis zu 240 Millionen Euro ausgeben.

Industrie-in-Klinik-Plattformen ausgezeichnet

Eine konkrete Fördermaßnahme konnte Schütte den Medienvertretern gleich vor Ort vorstellen. Er zeichnete in Berlin die fünf Gewinner der Ausschreibung zum Aufbau von Industrie-in-Klinik-Plattformen aus. Diese Plattformen stellen die notwendige Infrastruktur, Logistik und auch klinisches Fachwissen bereit, um Innovationsprozesse in der Medizintechnik durch ein koordiniertes Zusammenwirken von Entwicklern und Klinikern zu beschleunigen.  Die fünf vom BMBF für die erste Förderphase ausgewählten Verbünde  werden ab Oktober mit Fördermitteln des Ministeriums Betreibergesellschaften aufbauen. Ihr Ziel: bedarfsorientierter und schneller innovieren.

Im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion stand ein brandheißes Thema: die Digitalisierung des Gesundheitssystems.

Quelle: VDI TZ / Leo Seidel

Bei der Digitalisierung den Anschluss nicht verpassen

Auf der Podiumsdiskussion wurde der Blick dann noch weiter nach vorne gerichtet. Die Teilnehmer auf der Bühne diskutierten über die Patientenversorgung der Zukunft und die Chancen und Risiken der Digitalisierung. Der Medizinprodukte-Hersteller Christoph Miethke betonte, dass es eine große Herausforderung für viele Firmen wird, die digitalen Potenziale zu heben. „Ich fürchte mich trotzdem nicht vor Google & Co. Wir haben das Know-How im Medizintechnikbereich. Da wird ein gleichberechtigter Lernprozess in Gang gesetzt“, so Miethke.

Als eine Grundvoraussetzung für einen schleunigen digitalen Wandel im Gesundheitssektor bezeichnete Staatssekretär Lutz Stroppe vom Bundesgesundheitsministerium die Telematik-Infrastruktur. Er appellierte an die beteiligten Akteure, „die ambitionierten Fristen auch wirklich einzuhalten“. Zu mehr Geschwindigkeit drängte auch der Notfallmediziner und Kardiologe Professor Markus Ferrari: „Innovationen müssten es gerade in Zeiten der Digitalisierung innerhalb eines Jahres in die Klinik schaffen“, so seine Forderung.

Datensicherheit ist ein Thema mit Konfliktpotenzial

Datensicherheit auf der einen, Innovationsförderung auf der anderen Seite - das sei von Zeit zu Zeit ein "Tanz auf dem Drahtseil", stellte BMWi-Staatssekretär Matthias Machnig fest.

Quelle: VDI TZ / Leo Seidel

Aber auch Ärzte und Krankenkassen müssen laut Barmer GEK-Chef Dr. Christoph Straub stärker daran arbeiten, durch Digitalisierung die Bürokratie im Gesundheitswesen abzubauen. „Wir können mit digital optimierten Formularen die Arbeitsprozesse im Gesundheitswesen deutlich vereinfachen. Davon würden alle profitieren, die Patienten zuerst, aber auch Ärzte, andere Gesundheitsberufe und die Krankenkassen“, sagte Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK. Außerdem sei die Unterstützung von innovativen Projekten und Start-ups wichtig, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Die Frage „Wem gehören die Daten?“ wird im Zeitalter der Digitalisierung eine zentrale gesellschaftliche Frage, gerade im Gesundheitsbereich. Darauf wies in der Diskussion der Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums, Matthias Machnig, hin. „Wir brauchen einen Ordnungsrahmen für diese Fragestellung.“ Es könne nicht sein, dass so manche App mit zweifelhaftem Datenschutz Informationen sammelt, die Rückschlüsse auf das Risikoprofil einzelner Patientengruppen oder gar Individuen ermöglichen würden, so Machnig. Gleichzeitig sei übertriebener Datenschutz eine Innovationsbremse. „Das ist ein Tanz auf dem Drahtseil.“

Konzentration vor dem Abschlussplenum: Dort präsentierten Vertreter aus den einzelnen Arbeitsgruppen die Diskussionsergebnisse des Tages.

Quelle: VDI TZ / Leo Seidel

Von A wie Auslandsexporte bis Z wie Zertifizierung

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hatten die Teilnehmer der Veranstaltung Gelegenheit, in Arbeitsgruppen vertiefend über einzelne Aspekte des Innovationssystems zu sprechen. Von  „Innovativen Kooperationsmodellen in Forschung und Versorgung“ bis hin zu „Internationalen Innovationssystemen im Wandel“ konnten die Besucher eine breite Palette an Zukunftsthemen diskutieren. Auf dem Abschlussplenum bekräftigten die Akteure ihr großes Interesse an einer Fortsetzung des Strategieprozesses „Innovationen in der Medizintechnik“.

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