Industrie-in-Klinik-Plattformen

Grünes Licht für Aufbau von Betreibergesellschaften

Die Gewinner der Industrie-in-Klinik-Plattformen (v.l.r.): Dr. Markus Müschenich vom MHI Berlin, Christoph Monfeld vom NeuroTechGate Bochum, Staatssekretär Dr. Georg Schütte vom BMBF, Prof. Dr. Ruth Krischner-Hermanns vom Mec-ABC Bonn, Dr. Simon Weidert vom M3i München und Dr. Michael Buschemöhle vom Kizmo Oldenburg.

Quelle: Leo Seidel

Staatssekretär Georg Schütte vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zeichnete auf der Nationalen Strategiekonferenz "Innovationen in der Medizintechnik" die fünf Gewinner der Ausschreibung zum Aufbau von Industrie-in-Klinik-Plattformen aus. Diese fünf Verbünde aus Kliniken und Unternehmen werden ab Oktober Betreibergesellschaften aufbauen. Ihr Ziel: Bedarfsorientierter und schneller innovieren. von Matthias Lehmphul

Unternehmen erhalten künftig die Möglichkeit, verstärkt in Kliniken an neuen Produkten forschen und entwickeln zu können. Das Bundesministerium für Forschung und Entwicklung wird den Aufbau von sogenannten Industrie-in-Klinik-Plattformen unterstützen. Fünf von 17 ausgewählten Verbünden aus der ersten Förderphase - in der sie Konzepte entwickeln sollten - wurden auf der heute stattfindenden Nationalen Strategiekonferenz in Berlin ausgezeichnet.

Die Gewinner sind das Klinische Innovationszentrum für Medizintechnik Oldenburg (KIZMO), das Münchner Modell Medizininnovation (M3i), die Industrie-in-Klinik Plattform „Medical Care and Product Development in Aachen – Bonn – Cologne (MEC-ABC)“, der Mental Health Inkubator (MHI) und das NeuroTechGate. Damit können diese nun so genannte Betreibergesellschaften und entsprechende Dienstleistungen mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aufbauen – um anschließend erste Modellprojekte durchzuführen. Startschuss für den Aufbau der Plattformen ist der 1. Oktober 2016. Insgesamt werden die fünf Verbünde zusammen mit bis zu 15 Millionen auf insgesamt 3 bis 5 Jahre gefördert.

Das Grundprinzip der Industrie-in-Klinik-Plattformen ist einfach: Die Betreiber stellen die notwendige Infrastruktur, Logistik und auch klinisches Fachwissen bereit, um Innovationsprozesse in der Medizintechnik durch ein koordiniertes Zusammenwirken von Entwicklern und Klinikern zu beschleunigen. Dazu zählt auch die Möglichkeit, dass Hersteller zeitweilig Räume in den jeweiligen Kliniken anmieten, um ihre Ideen und Produkte in der Praxis zu erproben. Dabei profitieren die Ingenieure vor allem von der Expertise des medizinischen Fachpersonals vor Ort und von der Nähe zum Versorgungsalltag. Ziel der Förderung von Industrie-in-Klinik-Plattformen ist es, die bedarfsorientierte Entwicklung von Medizinprodukten in Zusammenarbeit mit Klinikern zu etablieren beziehungsweise zu professionalisieren.

Entwicklung von Hörtechnik in Oldenburg

Das Klinische Innovationszentrum für Medizintechnik Oldenburg (KIZMO) wurde am Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg eingerichtet. Schwerpunkt der Plattform sind Werkzeuge für Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation, die von Ärzten und Klinikpersonal in den Spezialgebieten HNO-Heilkunde, Neurochirurgie und Phoniatrie verwendet werden – etwa grafische, taktile und akustische User-Interfaces.

Innovativer OP in München

Das Münchner Modell Medizininnovation (M3i) ist ein Dienstleister, der am Klinikum der Universität München (KUM) arbeitet. Im Fokus stehen chirurgische Anwendungsgebiete im Bereich der Muskuloskelettal- und Viszeralchirurgie sowie der interventionellen Kardiologie.

Praxistest für Rehaprodukte in Aachen, Bonn und Köln

Die Industrie-in-Klinik Plattform „Medical Care and Product Development in Aachen – Bonn – Cologne (MEC-ABC)“ begleitet die Entwicklung von Produkten im Bereich der Neuro-Rehabilitation. Schwerpunkt sind Dienstleistungen zur Anpassung von Produkten an klinische Anforderungen oder an den Patientenalltag. Zum anderen werden Erstattungsstrategien frühzeitig entworfen.

Digitale Produkte für die Therapie

Der Mental Health Inkubator (MHI) unterstützt Unternehmen, die neuartige digitale Anwendungen zur Diagnose und Therapie von psychoneurologischen Erkrankungen entwickeln. Der MHI bietet ein 24-monatiges Intensivprogramm, in dem diese zu erfolgsrelevanten Aspekten – etwa Markteintrittsstrategie, Company Building Healthcare, Regulations, Klinische Studien, Personalmanagement, Versorgungsrelevanz, Vertrieb, IP - individuell zugeschnittene Dienstleistungspakete in Anspruch nehmen können.

Behandlung von Störungen des Nervensystems

NeuroTechGate soll Unternehmen unterstützen, die Technologien für Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems entwickeln. Im Zentrum der Plattform steht ein „aus einer Hand“-Management. Es soll industriell-technische Innovationen in klinische Forschungs- und Versorgungskontexte einbetten und darüber langfristig angelegte klinisch-industrielle Partnerschaften realisieren.

Die Idee, Industrie-in-Klinik-Plattformen aufzubauen, stammt aus dem Nationalen Strategieprozess Medizintechnik und wurde erstmals im Strategiebericht 2013 so ausformuliert. Kooperation zwischen Unternehmen und Medizinern spielt im Innovationssystem Medizintechnik eine zentrale Rolle. Diese bewährte Kooperationsform wird am Standort Deutschland aus unterschiedlichen Gründen zunehmend erschwert. Auf Seiten der Mediziner steigt die Auslastung in der Patientenversorgung und sinkt die Zeit zur Beteiligung an Forschungs- und Entwicklungsvorhaben. Zugleich nimmt die Komplexität des Versorgungsalltags erheblich zu. Auf Seiten der Industrie nimmt die klinische Bewertung in der Entwicklung wachsenden Raum ein. Insbesondere wird es immer wichtiger, Produktideen von Anbeginn nach ihrem Nutzen für die Patientenversorgung zu bewerten und hierzu während der Entwicklung einen steten Dialog mit den klinischen Anwendern aufrechtzuhalten. Von den Industrie-in-Klinik-Plattformen sollen vor allem kleine und mittelständische Unternehmen profitieren.

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