Barmer kooperiert mit Entwicklern der Akustik-App "Mimi"

Die Brille für das Ohr

Wenn es nach der Barmer geht, sollen ihre Versicherten Musik in Zukunft am besten "mimified" hören. Das bedeutet, dass die Musik durch eine App ans individuelle Hören angepasst wird. Dadurch wird die Musik bei geringer Lautstärke als voller wahrgenommen. Das soll Hörschäden vorbeugen.

Quelle: Mimi Hearing Technologies GmbH

Neue Untersuchungen zeigen, dass nicht mal jeder Sechste der über 60-Jährigen in Deutschland ein intaktes Gehör hat. Gleichzeitig wächst die Zahl der Jugendlichen mit Hörschäden. Die Barmer-Versicherung will deshalb dem Musiklärm aus Kopfhörern den Kampf ansagen und finanziert die Testphase einer Medical App, die Musikgenuss individualisiert und damit die Dezibel-Zahl minimiert. von Tim Gabel

Viele Deutsche hören schlecht und diese Entwicklung wird sich in Zukunft verschärfen. Bei einer sogenannten Hörtour der Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH) ließen 2016 deutschlandweit rund 24.000 Passanten in mobilen Messstationen ihr Gehör untersuchen. Demnach leiden 85 Prozent der über 60-Jährigen unter einem Hörverlust. Da Menschen immer länger leben, leben sie dementsprechend auch länger mit einem schlechten Gehör. Aber auch bei jüngeren Menschen zwischen 21 und 40 Jahren erreichen fast ein Drittel der Untersuchten schon nicht mehr die optimale Hörleistung. Neben Stress und einer genetischen Vorbelastung, ist vor allem eine starke Lärmbelastung Ursache für bleibende Schäden im Innenohr und damit einhergehende Hörprobleme, konstatieren die Experten aus deutschen Hörakustik-Betrieben, die hinter der FGH stehen.

"Zu lautes Musikhören über Kopfhörer ist schon jahrzehntelang eine Gefahrenquelle für Hörschäden. Durch die ständige Verfügbarkeit der Musik auf dem Smartphone nimmt das natürlich noch zu", sagt Dr. Mani Rafii, Vorstandsmitglied der Barmer. Die gesetzliche Krankenversicherung reagiert auf die Entwicklung, die natürlich auch ein Kostentreiber ist. So stieg die Zahl der 15- bis 35-jährigen Barmer-Versicherten, die auf Hörhilfen angewiesen sind, zwischen den Jahren 2010 und 2015 um fast ein Drittel. Zum Welttag des Hörens am 3. März starten Barmer und Mimi Hearing Technologies GmbH nun gemeinsam eine Initiative zur Früherkennung und Prävention von Hörschäden. Mit den von Mimi entwickelten Apps „Mimi Hörtest“ und „Mimi Music“ können Nutzer einen Hörtest machen und später die Musik auf ihrem Smartphone an das eigene Gehör anpassen. Dadurch sollen Nutzer bei geringerer Lautstärke mehr Details hören und dadurch Hörschädigungen vorbeugen.

Liebe zum Detail statt hoher Lautstärke

Dr. Henrik Matthies, Geschäftsführer der Mimi Hearing Technologies GmbH

Quelle: Mimi Hearing Technologies GmbH

"Unsere Hörtest-App ist CE-zertifiziert und funktioniert zunächst mal nach dem selben Prinzip wie ein Hörtest beim Akustiker oder HNO-Arzt", erklärt Dr. Henrik Matthies, Geschäftsführer der Mimi Hearing Technologies GmbH. Der Nutzer drückt auf seinen Bildschirm, sobald er den Ton einer bestimmten Frequenz auf einem Ohr hört. Mimi Hörtest berechnet daraus ein Höralter. "Auch wenn keine Hörschädigungen vorliegen, nimmt die Hörleistung mit dem Alter sukkzessive ab. Mimi errechnet für jeden Nutzer, für welches Alter seine Hörleistung typisch wäre", so Matthies. Das anschauliche Ergebnis soll die Nutzer dazu veranlassen sich über ihren Hörverlust bewusst zu werden. "Junge Leute reden nicht gerne über Prävention und fühlen sich unverwundbar. Wir müssen sie heute über andere Kanäle erreichen, vor allem über das Smartphone. Mit den Mimi-Apps setzen wir unsere digitale Strategie fort“, sagt Dr. Mani Rafii.

Die Ergebnisse sollen aber auch genutzt werden, um direkt auf die Nutzergewohnheiten von Musikhörern Einfluss zu nehmen. Mit einer weiteren App, Mimi Music, lässt sich der Klang des Smartphones auf die individuelle Hörleistung des Nutzers anpassen. "Um Musik in der gesamten Breite genießen zu können, müssen Nutzer dank der Technologie von Mimi die Lautstärke nicht mehr voll aufdrehen. In Zukunft wird das individuelle Hören die wichtigere Rolle für ein gutes Klangerlebnis spielen“, sagt Dr. Henrik Matthies. Der Clou bei Mimi Music ist, dass gerade die Frequenzen, die der Nutzer nicht mehr optimal hört von der App verstärkt werden. "Die Nutzer neigen dazu, ihre Musik so laut zu machen, bis sie auch die schlechten Frequenzen optimal hören können. Das ist ein Teufelskreis, weil durch die höhere Lautstärke wieder Hörschädigungen verursacht werden", so Matthies.

Vorläufer einer neuen Hörgeräte-Technologie

Mit Mimi Music soll dieser Teufelskreis unterbrochen werden und das beim Hören der gesamten Lieblingsmusik, egal ob die als MP3 auf dem Handy vorliegt oder über Spotify & Co live gestreamt wird. Die App greift auf sämtliche Musikquellen des Smartphones zu. Ab dem 3. März werden die beiden Apps im Apple App Store für Nutzer gratis zur Verfügung stehen. Android-Nutzer müssen noch etwas länger warten, können aber auf eine abgespeckte Version zugreifen, die keine individuellen Hörtests anbietet, aber die Musik auf Grundlage von Alter und Geschlecht umrechnet.

Die Barmer finanziert die wissenschaftliche Begleitforschung, die an der Charité von Manfred Gross, dem Direktor der Klinik für Audiologie und Phoniatrie, durchgeführt wird. "Die jüngere Generation ist sehr offen für die zusätzlichen Funktionen die Smartphones bieten, ganz im Gegensatz zur älteren Generation. Als Folge davon wird sich die Wahrnehmung von Hörgeräte-Technologie ändern, von einer starken Stigmatisierung hin zu einer attraktiven personalisierten Lösung für die Verbesserung der alltäglichen Hörerfahrung“, sagt der Forscher. Die anonymisierten Ergebnisse der Hörtests und Nutzerdaten sollen Aufschluss darüber geben, ob das Ziel erreicht wird, das Nutzerverhalten nachhaltig positiv zu beeinflussen. Die Entwickler um Henrik Matthies sind sich sicher, dass sie ihren Nutzern neben der Lautstärke eine "zweite Dimension" zum Erreichen des optimalen Hörerlebnisses bieten. "Im Prinzip ist unsere Entwicklung eine akustische Brille für das Ohr."

Mehr im Internet:

Homepage von Mimi

© Medizintechnologie.de/ga

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