BMWI Gesamtrechnung 2016

Gesundheitswirtschaft im Fünfjahreshoch

Die Nephrologie ist eine Fachabteilung in Kliniken, deren Behandlung von Dialysgeräten abhängt. Diese müssen gewartet, ersetzt oder komplett neu angeschafft werden.

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Die Gesundheitswirtschaft kann die vergangenen fünf Jahre auf ein solides, ja sogar überdurchschnittliches Wachstum zurückblicken. 2016 überflügelt sie erneut die Gesamtwirtschaft. Und sie baut ihren Exportüberschuss weiter aus. Die Medizintechnik zeichnet sich durch eine hohe Wertschöpfung aus. An deutschen Kliniken kaufen vor allem drei Fachabteilungen fleißig Großgeräte ein - mit teilweise riesigen Zuwachszahlen. von Matthias Lehmphul

„Eine gute Gesundheitsversorgung ist auch gut für die deutsche Wirtschaft. Nur wenn die Leute gesund sind, können sie am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen“, sagt Matthias Machnig (SPD). Am vergangenen Montag legte der Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die aktuellen Zahlen zur deutschen Gesundheitswirtschaft in Berlin vor. Sie verdeutlichten, so die Autoren des Berichtes, dass die „Querschnittsbranche von hoher und weiter zunehmender Bedeutung für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ist".

Ein Trend scheint sich zu verfestigen: Die Wertschöpfung steigt seit 2005 durchschnittlich um 3,8 Prozent pro Jahr. Selbst im Jahr der letzten Finanzkrise, das war 2009, wuchs die Gesundheitswirtschaft um 1,8 Pozent während die Gesamtwirtschaft ein Minus von 4,2 Prozent verzeichnete. In den vergangenen fünf Jahren wuchs die Gesundheitswirtschaft sogar deutlich stärker als die Gesamtwirtschaft. 2016 waren es 4,1 Prozent. Die Unternehmen erwirtschaften in demselben Jahr eine  Bruttowertschöpfung von 336 Milliarden Euro. Das sind 12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. 

Hohe Wertschöpfung in der Medizintechnik

Die Bruttowertschöpfung von Medizinprodukten und Medizintechnik lag 2016 bei 13, 2 Milliarden Euro. Innerhalb der vergangenen zwölf Jahre ist sie vergleichsweise moderat gestiegen – jährlich etwa um 2,5 Prozent. 2005 lag die Bruttowertschöpfung noch bei 10 Milliarden Euro.   

Allerdings erzeugten „indirekte und induzierte Effekte“ durch die Verflechtung in der Gesundheitswirtschaft eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von insgesamt 14,2 Milliarden Euro. Mit anderen Worten ausgedrückt: Die Medizintechnik ist von einer hohen Wertschöpfung geprägt. Denn jeder Euro in der Medizintechnik erzeugt einen weiteren Euro. Alles zusammengerechnet ergibt sich den Autoren des Berichtes zufolge dann auch eine Bruttowertschöpfung von 27,4 Milliarden Euro.

Innerhalb der Branche gibt es ein erhebliches Gefälle zwischen den Unternehmen hinsichtlich der Verteilung des Umsatzes. Gerade einmal 0,6 Prozent aller Hersteller haben ein Geschäft mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen im Jahr. Aber gerade diese Unternehmen sind dem Bericht zufolge mit 24,2 Prozent am Gesamtumsatz der Branche beteiligt. Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 5 Millionen und mehr – das sind gerade einmal 3,7 Prozent aller Medizintechnikhersteller – erwirtschaften 22,6 Prozent des Gesamtumsatzes. Zusammen gerechnet machen beide Größenkategorien 4,3 Prozent aller Unternehmen in der Branche aus. Sie machen aber knapp die Hälfte des Gesamtumsatzes. Die andere Hälfte wird von kleinen und mittleren Unternehmen – 95,7 Prozent aller Hersteller – erwirtschaftet.

USA wichtigster Handelspartner der Bundesrepublik

Vor allem profitiert die Gesundheitswirtschaft vom Export. Innerhalb von zwölf Jahren verdoppelten die Unternehmen ihre Ausfuhren. Im vergangenen Jahr wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von über 116 Milliarden Euro ins Ausland verkauft (+8,2 Prozent). 2005 waren es noch 52,7 Milliarden Euro. Vor allem die industrielle Gesundheitswirtschaft treibt dieses Wachstum – allen voran die Pharmaunternehmen. Aber auch die Importe verdoppelten sich innerhalb dieses Zeitraumes. Demnach bezogen die Unternehmen 2016 Waren und Dienstleistungen im Wert von 84,8 Milliarden Euro (+7,6 Prozent). 2005 waren es noch 43,5 Milliarden. Damit hat sich der Außenhandelsüberschuss innerhalb von zwölf Jahren verdreifacht. 2016 beläuft sich dieses Bilanzverhältnis auf 31,3 Milliarden Euro.

Global betrachtet umfasst der Medizintechnikmarkt ein Volumen von 310 Milliarden Euro jährlich. Der mit Abstand größte Markt im direkten Ländervergleich ist die USA (39,6 Prozent) – gefolgt von China (11,1 Prozent) und Deutschland (10,2 Prozent). Europa kommt insgesamt auf einen Weltmarktanteil von 36 Prozent.

Wenn man die deutschen Exporte und Importe der deutschen Unternehmen im Bereich der Medizintechnik gegenübergestellt, ergibt sich dem Bericht zufolge ein Exportüberschuss von 10,2 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Vor zwölf Jahren lag dieser noch bei 6,1 Milliarden Euro. Die Unternehmen exportierten Waren im Wert von 26 Milliarden Euro – etwas mehr als ein Fünftel aller Exporte der deutschen Gesundheitswirtschaft. Zum Vergleich: 2005 waren es noch 15,6 Milliarden. Das entspricht einem jährlichen Anstieg um 4,7 Prozent. Im direkten Ländervergleich sind die Vereinigten Staaten von Amerika mit Abstand der bedeutendste Absatzmarkt. Knapp ein Sechstel aller Waren (16,6 Prozent) gehen dorthin – gefolgt von China (8,7 Prozent) und den Niederlanden (6,3 Prozent). Allerdings gehen dem Bericht zufolge die Exporte in die USA leicht zurück – um etwa 4 Prozent. Demgegenüber steigen die Absatzzahlen nach China – um etwa 2,9 Prozent. Regional betrachtet sind die Handelsbeziehungen der deutschen Medizintechnikhersteller innerhalb von Europa noch immer am bedeutendsten, denn etwas mehr als die Hälfte (50,9 Prozent) exportieren sie in die Nachbarländer der Bundesrepublik. Demgegenüber importieren Unternehmen Waren im Wert von 15,9 Milliarden Euro. Vor zwölf Jahren waren es insgesamt noch 9,5 Milliarden Euro. Das entspricht einem jährlichen Anstieg von 4,7 Prozent. Gut ein Drittel  aller Importe (32,9 Prozent) kommt aus den Vereinigten Staaten von Amerika – gefolgt von der Schweiz (17,7 Prozent) und China (7 Prozent). Die US Hersteller steigern derzeit ihren Verkauf nach Deutschland um 2,4 Prozent im Jahr. Allderdings notierten die Autoren die bedeutensten Zuwächse bei den Einfuhren aus Malaysia (+64,1 Prozent), Polen (+36,3 Prozent) und der Schweiz (+10,4 Prozent).

Dialysegeräte in Kliniken gefragt

Die Autoren des Berichtes schlüsseln die Medizintechnik in „Medizinprodukte“ und „Großgeräte“ auf.  Und sie liefern Zahlen aus den Kliniken. Demnach schafften die Kliniken im Jahr 2014 insgesamt 11.800 Großgeräte an. Zum Vergleich: 2005 waren es noch 9.000 Großgeräte. Das entspricht – trotz des akuten Investitionsstaus in den Kliniken – einem Anstieg von jährlich 3,1 Prozent. Die wichtigste Abteilung war mit Abstand die Nephrologie. Dorthin gingen etwa die Hälfte aller Großgeräte. Sage und schreibe 45,7 Prozent betrug der Anstieg im jährlichen Einkauf zwischen 2005 und 2014. In absoluten Zahlen ausgedrückt: 1.300 Dialysegeräte. Zuwächse lassen sich dem Bericht zufolge auch in anderen Fachabteilungen beobachten. Die Kardiologie mit Herzkathetermessplätzen (+15,7 Prozent) und mit digitalen Subtraktions-Angiographiegeräten (+9,4 Prozent) sowie die Radiologie mit Kernspinntomographen (12,7 Prozent) und Computertomographen (+8,8 Prozent) folgen.

Geringer Anstieg an Arbeitsplätzen

Im Jahr 2016 wurden dem Bericht zufolge etwa 7 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt - allein 188.500 Menschen in der Medizintechnik. Das sind 3.200 Arbeitsplätze in der gesamten Branche mehr als 2005. Einen Grund für diesen merklich schwachen Anstieg an Arbeitsplätzen vermuten die Autoren des Berichtes im Fachkräftemangel. Ein weiterer Grund sei der Abbau von Arbeitsplätzen in der Produktion von Großgeräten. Insgesamt seien dort 1.700 Stellen innerhalb der vergangenen zwölf Jahre gestrichen worden. Allerdings gebe es insgesamt „bedeutsame Ausstrahleffekte“. Demnach seien zusätzlich 220.600 Arbeitsplätze mit der Produktion von Medizintechnik verknüpft.  

„Die Gesundheitswirtschaft ist ein herausragender Wirtschaftsfaktor und ein Wachstumsmarkt. Seit 2005 sind mehr als eine Million neue Arbeitsplätze entstanden. Die Nachfrage nach Dienstleistungen und Gütern der Gesundheitswirtschaft wird angesichts des demografischen Wandels in Zukunft weiter steigen.“

Zur Gesundheitswirtschaft zählt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sechs Bereiche: Arzneimittel, Medizinprodukte und Medizintechnik, Körper-, Mund- und Zahnpflegeprodukte, Sport- und Fitnessgeräte, Forschung- und Entwicklung sowie Informations- und Kommunikationstechnologien. Die vorgelegten Zahlen des Ministeriums über die Medizinprodukte und Medizintechnik beziehen sich auf das produzierende Gewerbe und schließen den Großhandel aus.

Mehr dazu im Internet:

Sonderausgabe Medizinprodukte und Medizintechnik,
Gesundheitswirtschaft Fakten und Zahlen 2016

Gesundheitswirtschaft Zahlen und Fakten 2016

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