Herzchirurgie

Jede zweite künstliche Aortenklappe eine TAVI

Die Katheterbehandlungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. Auch bei der Tavi geht der Trend nach oben.

Quelle: BVMed

Die Katheterklappen legen im zehnten Jahr in Folge zu. Demgegenüber werden immer weniger offene Operationen durchgeführt. Bei der Jahrestagung der Herzchirurgen in Leipzig wurden erstmals vorläufige Zahlen zu den operativen Eingriffen an der Aortenklappe in Deutschland im Jahr 2016 vorgestellt. von Philip Grätzel

Vor einigen Jahren löste die Transkatheter-Aortenklappenimplantationen - kurz TAVI - einen regelrechten Boom im Operationssaal hin. Bundesweit wurden immer mehr operative Eingriffe an der Aortenklappe durchgeführt. Dieser Trend hält weiter ungebremst an. Darauf deuten die Eingriffszahlen für das Jahr 2016 hin, die bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) in Leipzig vorgestellt wurden.

Überproportionaler Anstieg

Diese Zahlen sind noch unvollständig, weil sie anders als die später im Jahr vorgestellten Daten des Institutes für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) nur die Eingriffe in herzchirurgischen Einrichtungen berücksichtigen. TAVI-Eingriffe in Einrichtungen ohne Herzchirurgie können also zum jetzigen Zeitpunkt nur geschätzt werden. Auch bei den Zahlen zu den offenen Aortenklappeneingriffen könne es noch zu geringen Verschiebungen kommen, sagte DGTHG-Vizepräsident Wolfgang Harringer im Gespräch mit Medizintechnologie.de.

Konkret wurden im Jahr 2016 in Einrichtungen mit Herzchirurgie 10.879 TAVI-Eingriffe durchgeführt, rund 1.000 mehr als ein Jahr zuvor und etwa 2.250 mehr als im Jahr 2014. Damit ist jetzt an Einrichtungen mit Herzchirurgie jeder zweite isolierte aortenklappenchirurgische Eingriff eine TAVI. Hinzu kommen jene Eingriffe, die an Einrichtungen ohne Herzchirurgie durchgeführt werden. Im Jahr 2015 waren das 5.760, nach 4.615 im Jahr 2014 und 3.180 im Jahr 2013. Sollte sich dieser Trend 2016 ebenfalls fortgesetzt haben, wovon alle Experten ausgehen, dann dürfte die Gesamtzahl der TAVI-Eingriffe in Deutschland im Jahr 2016 bei etwa 17.000 bis 18.000 gelegen haben.

Gleichzeitig sank die Zahl der offenen isolierten aortenklappenchirurgischen Eingriffe weiter ab. Allerdings ist dieser Rückgang längst nicht so stark wie die Zunahme bei den TAVI. Konkret wurden im Jahr 2016 nach den vorläufigen DGTHG-Zahlen 10.961 isolierte aortenklappenchirurgische Eingriffe durchgeführt, nach 11.183 im Jahr 2015 und 11.764 im Jahr 2014. „Insgesamt können wir damit sagen, dass der Trend zur TAVI anhält und dass es weiterhin einen überproportionalen Anstieg bei diesem Verfahren gibt“, betonte Harringer. Die TAVI kommt also weiterhin zu einem großen Anteil bei Patienten zum Einsatz, die aufgrund eines hohen Risikos eher nicht offen operiert worden wären.

Trend zur TAVI bei mittlerem Risiko

Erste Hinweise darauf, dass vermehrt auch Patienten mit mittlerem Risiko eine TAVI und keine offene Operation erhalten, lassen die neuen Zahlen aber durchaus zu. Immerhin gibt es jetzt im zweiten Jahr in Folge einen leichten Rückgang bei den offenen Operationen, nachdem sich zuvor jahrelang mehr oder weniger gar nichts getan hatte. Auch Harringer ist der Auffassung, dass der Abwärtstrend bei den offenen Eingriffen „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ auf eine Verschiebung im Risikoprofil zurückzuführen ist.

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„Wir müssen das beobachten, aber ich denke schon, dass dieser Trend sich fortsetzt. Die TAVI ist ein elegantes Verfahren, das heute auch viele Herzchirurgen selbst anwenden. Wichtig ist, dass die Entscheidung über die Art des individuellen Eingriffs im Team getroffen wird, unabhängig davon, wo der Eingriff am Ende stattfindet“, so Harringer. Wogegen sich der Herzchirurg wehrt, ist eine pauschale Ausweitung der Ergebnisse randomisierter Studien auf Patienten, die von den Studienpopulationen nicht erfasst wurden.

Ein gutes Beispiel sei dafür die im Jahr 2016 vorgestellte PARTNER-Studie, in der erstmals gezeigt worden war, dass die TAVI der offenen Aortenklappenchirurgie auch bei Patienten mit mittlerem Risiko zumindest auf kurze und mittlere Sicht nicht unterlegen ist. „In dieser Studie hatten die Patienten zwar ein mittleres Risiko, aber sie waren auch im Mittel 81 Jahre alt.“

Deswegen dürfe aus der PARTNER-Studie nicht der Schluss gezogen werden, dass jetzt auch alle 65-jährigen Patienten mit mittlerem Risiko eine TAVI bekommen sollten, nicht zuletzt deswegen, weil die Langzeithaltbarkeit der TAVI-Klappen nach wie vor unklar ist. „Wir müssen uns das in jedem Einzelfall gemeinsam ansehen, genauso wie in der Krebsmedizin die Entscheidung über das individuelle Vorgehen in interdisziplinären Tumorboards getroffen wird.“

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