Startupbootcamp Digital Health

„Medizin ist eine besondere Herausforderung“

Auf einer Bühne stehen zwei junge Männer; hinter ihnen spannt sich eine Leinwand, auf der eine Präsentation läuft.

Beim Startupbootcamp Digital health buhlten gestern in Berlin Start-ups aus der ganzen Welt um die Gunst von Investoren.

Quelle: VDI TZ/Tim Gabel

Digitale Lösungen, die unseren Alltag verbessern, sind ein großer Trend. Start-ups schrecken auch vor der Bekämpfung von großen Volkskrankheiten nicht zurück. Dass der Gesundheitssektor besondere Bedingungen mit sich bringt, wurde gestern beim Demo Day des großen deutschen Digital Health Accelerators des Startupbootcamps wieder deutlich. Die Start-up-Szene wünscht sich mehr Unterstützung und Geld, damit ihre Ideen den Sprung über die Mauer der Regularien und unterschiedlichen Interessen in diesem Sektor schaffen. Man gibt sich aber auch selbstkritisch. von Tim Gabel

Über Startupbootcamp: Das Startupbootcamp Digital Health hat 2016 aus 516 Bewerbungen die zehn erfolgversprechendsten Start-ups ausgewählt. Neben der Unterstützung durch die Mentoren sowie der Industriepartner Arvato CRM Healthcare, der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank), Munich Health, Philips und Sanofi in Deutschland wartet auf die ausgewählten Teams 15.000 Euro Anschubfinanzierung.

Quelle: Startupbootcamp

Mit Kleinigkeiten hält man sich beim Startupbootcamp Digital Health nicht auf. Die zehn Start-ups, die für drei Monate von den Geschäftskontakten und dem betriebswirtschaftlichen oder fachlichen Know-How der Startupbootcamp-Mentoren profitieren, gehen die großen Herausforderungen der medizinischen Versorgung global an: Geburtenkontrolle und Prävention psychischer Erkrankungen per App oder sensorbehaftete Kontroll-Devices für Diabetes- und Herzinsuffizienz-Patienten – um nur ein paar Lösungen zu nennen. Bevor aber die Start-ups aus sieben Ländern in medias res gehen – Ziel des Tages ist, sich die sogenannte Seed-Finanzierung von einigen hunderttausend Euro zu sichern –, wird auf dem Podium die Stoßrichtung vorgegeben: „Euer Ziel muss es sein, einen Platz zwischen den großen Versicherungen und den Patienten zu bekommen“, sagt Venture Capitalist Min-Sung Sean Kim. Sprich: Wem es gelingt, eine Lösung anzubieten, die so sehr von den Patienten nachgefragt wird, dass die Versicherungen sich darum streiten, wer dem Start-up einen Selektivvertrag anbietet, der habe es geschafft. Der Großinvestor hält eine direkte Demokratie der Patienten für realistisch. Schließlich habe eine disruptive Veränderung auch schon in anderen Branchen stattgefunden. „Ein gutes Beispiel dafür ist Uber. Früher haben die Taxiunternehmen auf teure Karossen gesetzt, um Kundenwünsche zu erfüllen. Dabei ist es den Kunden egal, ob sie in einem Mercedes oder einem Nissan fahren. Sie wollen nur günstig von A nach B“, sagt Kim.

Besonderer Markt mit besonderen Anforderungen

Dass der Gesundheitsmarkt aber doch besonders ist, wird im Gespräch mit den Beteiligten deutlich. Juliane Zielonka, Managing Director des Startupbootcamp, sagt: „Die Start-ups brauchen im Gesundheitsbereich schlicht mehr Geld zur Anschubfinanzierung als in anderen Branchen. Das liegt daran, dass das Gesundheitssystem stark reguliert ist. Dafür bekommt man als Investor ein Team, das leidenschaftlich bei der Sache ist.“

Letzteres bestätigt sich in den Pitches: Oft sind die Entrepeneure durch eigene Schicksale oder die von Freunden und Familien auf einer persönlichen Mission zur Heilung oder Lebensverbesserung für die Betroffenen. Große Emotionen sind Bestandteil der Szene. Wie nüchtern die Realität nach der berauschenden Anfangsphase gerade im Medizintechnik-Bereich seien kann, davon berichtet André Reincke, Chief Executive Officer (CEO) des deutschen Start-ups Coronect: „Im Prinzip entwickelt man zwei Jahre im Keller, und wenn man sich dann zum ersten Mal mit den Regularien des Gesundheitssystems beschäftigt, kann man gleich nochmal von vorne anfangen."

Das soll aber in keinem Fall nur Systemkritik, sondern auch als Selbstkritik verstanden werden. Coronect zum Beispiel hat ein Produkt für Patienten mit Herzinsuffizienz entwickelt. Ein Tracker dient den Betroffenen als Ampel, die sogar durch die Kleidung messen kann, ob der Schmerz im linken Arm nur ein Muskelkater oder tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem darstellt: „Die Betroffenen leben oft in ständiger Unsicherheit, das wollen wir ändern.“ Allerdings könnte ein falsches grünes Aufleuchten für die Patienten lebensbedrohlich sein. „Regulierung im Gesundheitsbereich ist unheimlich wichtig. Unser Device ist als Medizinprodukt der Risikoklasse 2a zertifiziert.“

Reincke und seine Teamkollegen seien allerdings reine „Techies“ gewesen und zu Beginn der Entwicklungsphase gleich vor zwei Mauern gerannt: „Auf der einen Seite müssen wir die Regularien erfüllen, auf der anderen Seite müssen wir die unterschiedlichen Interessen von Patienten, Ärzten und Krankenversicherungen erfüllen. Das ist wie die Quadratur des Kreises“, so Reincke. Sich früh im Entwicklungsprozess mit den Stakeholdern und Behörden zu beschäftigen, ist sein Rat an alle, die es ihm und den anderen vielversprechenden Gründern nachmachen wollen.

Die zehn Gewinner-Start-ups
Couch, PortugalDie Portugiesen präsentierten eine App, die Videokonsultationen für Patienten mit Depressionen oder anderen mentalen Problemen anbietet.
YuScale, DeutschlandDas deutsche Start-up hat mit Mitteln des Horizon 2020-Förderprogramms eine Waage entwickelt, die in Verbindung mit einem Bildanalyse-Tool die Kohlehydrate einer Mahlzeit sehr genau bestimmen kann.
iRewardHealth, USADie Aussicht auf Geld spornt an. Dachten sich die Gründer von iRewardHealth und entwickelten eine App, die ihre Nutzer zu einem gesunden Lebensstil animieren soll. Für gesundes Essen und Bewegung gibt es Punkte, die  in barer Münze ausgezahlt werden.  Das Geld dafür kommt von Krankenkassen und Arbeitgebern.
Memoria, Israel

Aus Israel kommt diese intuitiv zu bedienende App, die Alzheimer-Patienten zu einem selbstständigen Leben verhilft, indem sie sie an wichtige Aktivitäten erinnert.

MediLad, Deutschland

Über Geschlechtskrankheiten und unerwünschte Schwangerschaften redet niemand gerne. MediLad ist ein Chatrobot, mit dem junge Frauen sich informieren können,  ohne den schambesetzen Weg in die ärztliche Praxis machen zu müssen.

Paralign, USA

Paralign ist ein Emotionen- und Gedanken-Tracker, der zur Prävention vor mentalen Problemen und psychischen Erkrankungen eingesetzt werden kann. Das System beruht auf einem Erfahrungsaustausch der Paralign-Nutzer und will auch professionelle Hilfe per App anbieten.

I-Vitae, ItalienDie Chance auf eine natürliche Geburt um bis zu 300 Prozent erhöht dieser Tracker zur Geburtenkontrolle.
Coronect, DeutschlandPatienten, die unter Herzinsuffizienz leiden, können mit diesem Tracker ihre Herzfinktion überwachen.
FindAir, PolenHinter diesem Namen steckt ein smarter Inhalator für Asthma-Patienten. Die zugehörige App speichert die Daten der Inhalation, um die Effektivität der Behandlung zu messen. Zudem erinnert sie den Nutzer daran, den Inhalator überall hin mit zu nehmen.
dermtest, Estlanddermest ist eine Expertenplattform, die den einfachen Austausch von Bildern zwischen Haus- und Fachärzten zur Diagnose von Hautkrebs ermöglicht.

© Medizintechnologie.de

Weitere Inhalte