Dentaltechnik

Mit Ultraschall auf den Zahn gefühlt

Darstellung eines Unterkiefers. Über diesen wird ein silbrig-glänzendes Gerät gehalten.

Der neuartige Ultraschallscanner formt die Zahnstrukturen digital ab. Daraus entsteht eine dreidimensionale Darstellung des Gebisses. Im nächsten Schritt kann die Zahnprothese gefertigt werden.

Quelle: Sebastian Chill/whitesonic

Um Zahnersatz anzufertigen, bedarf es einer Abformung der Zahnstrukturen. Statt dem Patienten dafür Silikon in den Mund zu schieben, setzt ein Start-up aus Aachen auf Ultraschallwellen. Ihr Ultraschallscanner für digitale Zahnabdrücke kann selbst Bereiche abformen, die sich unterhalb des Zahnfleisches befinden. Zudem wird die Prozesskette vom Abdruck bis zum Implantat vollständig digitalisiert. Ihren neuartigen Intraoralscanner will die 2015 geschaffene Firma Ende 2018 auf den Markt bringen. von Anja Speitel

Vielen Menschen wird allein schon beim Gedanken daran schlecht: Der Zahnarzt schiebt einen großen Löffel voll klebriger Masse in den Mund und drückt ihn an den Kiefer. Einige Minuten lang muss man das aushalten, um einen Abdruck der Zähne zu bekommen. Diese Prozedur ist immer noch Goldstandard, wenn Zahnersatz wie Krone, Brücke oder Inlay notwendig werden. Die silikonbasierte Abformung ist nicht nur für den Patienten unangenehm, sondern auch zeitintensiv. Zwar gibt es Geräte zur digitalen Zahnabformung, diese kommen aber hauptsächlich bei Einzelzahnrestaurationen zum Einsatz – vorausgesetzt, der Zahnarzt verfügt über die notwendige technische Ausstattung. Da die Planung und Fertigung des Zahnersatzes selbst hauptsächlich computerunterstützt in sogenannten CAD/CAM-Verfahren erfolgt, würde eine digitale Abformung des Gebisses den gesamten Prozess effizienter machen.

Präzise Aufnahmen – auch vom Kiefer unterhalb des Zahnfleisches

Ein Spin-off der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen) hat dafür einen neuartigen Ultraschallscanner entwickelt: Das schmale Gerät wird in den Mund des Patienten gelegt und durch Zubiss fixiert. Innerhalb weniger Sekunden steht der 3D-Scan der Zahnstrukturen dann am Touchscreen der Workstation bereit. Anhand dieser Daten kann anschließend der Zahnersatz angefertigt werden.

Besonderer Vorteil: Durch den Einsatz hochfrequenter Schallwellen kann durch Weichgewebe „hindurchgeschaut“ werden. Um Abformungen von unter dem Zahnfleisch liegenden Strukturen zu bekommen, muss der Zahnarzt diese also zuvor nicht mehr frei- und trockenlegen. Diese nervenaufreibende und zeitintensive Vorbehandlung ist bislang auch beim Einsatz optischer Intraoralscanner nötig, die es schon seit einigen Jahren auf dem Markt gibt. „Mit unserem Ultraschallmikroscanner ersparen wir Patienten nicht nur eine schmerzhafte oder zumindest unangenehme Behandlung, sondern machen auch den Workflow in der Praxis effizienter“, fasst der Geschäftsführer der jungen whitesonic GmbH, Christopher Steinfelsner, die Vorteile des Scansystems zusammen.

Ende 2018 will das Start-up das Gerät auf den Markt bringen. „Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir von einem reibungslosen Zertifizierungsprozess aus: Wir haben unsere Unternehmensprozesse und die Produktentwicklung voll auf die Zertifizierungs-Richtlinien ausgelegt. Darüber hinaus werden wir sehr gut beraten“, betont Steinfelsner.

Erfolgreich durch Förderung

Vier junge lächelnde Männer stehen vor einer weißen Wand und wirken sehr dynamisch.

Die whitesonic-Gründer: Geschäftsführer Christopher Steinfelsner, Produktleiter Thorsten Vollborn, Entwicklungsleiter Daniel Habor und Fabrice Chuembou Pekam, Leiter Softwareentwicklung.

Quelle: Frank Kind Photography/whitesonic

Die whitesonic GmbH wurde im August 2015 aus der RWTH Aachen heraus gegründet und kann bereits auf eine erfolgreiche Historie ihres Dentalscanners zurückblicken: 2007 beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe des Lehrstuhls für Medizintechnik mit Ultraschall als Basis für Dentalscanner und gewann mit dem Projekt 2008 den Innovationspreis Medizintechnik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Von 2009 bis 2013 wurde die Gruppe in einem Verbundprojekt mit Industriepartnern vom BMBF gefördert. IM Rahmen des Projektes konnte sie die Machbarkeit nachweisen und ein Businessmodell entwickeln. Ab 2014 konnte die RWTH-Arbeitsgruppe dank des Exist-Forschungstransfers, eines Förderprogramms des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), gezielt ihre Unternehmensgründung vorbereiten.

„Die Bewerbungen sind zwar aufwändig, haben sich für uns aber vollends gelohnt“, erzählt das Gründer-Team. „Gäbe es all diese Förderungen nicht, wären wir heute noch lange nicht so weit. Denn Forschung und Entwicklung sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Um von der Idee zum Produkt zu kommen, waren all die Partner in den Projekten besonders wertvoll. Zudem werden wir weiterhin von der RWTH Aachen mit vielen Ideen und intensiver Beratung unterstützt.“

Ihren ersten Investor hat die whitesonic GmbH auch schon gefunden: Im Juni 2016 wurde das Start-up im Portfolio des High-Tech Gründerfonds aufgenommen.

©Medizintechnologie.de

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