NRW-Frühjahrstagung Telemedizin

Schubkraft aus NRW

Telemedizin kann im bevölkerungsreichsten Bundesland viele Probleme der alternden Gesellschaft mildern. Doch bevor Telemedizin in der Fläche ankommt, gibt es noch einige Baustellen zu bearbeiten.

Quelle: Fotolia

Telemedizin kann das Gesundheitswesen voranbringen – darin waren sich die Teilnehmer der „NRW-Frühjahrstagung Telemedizin“ in Düsseldorf einig. Auch wenn die Re-Finanzierung oft kompliziert und der Weg in die Regelversorgung unsicher ist – das Engagement für telemedizinische Lösungen ist ungebrochen. von Romy König

In Sachen Telematik und Telemedizin gilt Nordrhein-Westfalen als Vorreiter: Rund 60 telemedizinische Projekte wurden in dem Bundesland bislang umgesetzt. Doch auf der „6. Frühjahrstagung Telemedizin“, veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) und dem Bochumer Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) wurde auch klar: es fehlt noch immer an Lösungen in der Breite. Darauf wies vor allem die Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens hin und stellte sogleich das Motto der Veranstaltung, „Gesundheit 4.0 – NRW im Wandel“, in Frage: „Bei 4.0 sind wir im Gesundheitswesen noch lange nicht“, sagte sie vor den 200 Teilnehmern im Düsseldorfer Ärztehaus. Die in NRW umgesetzten Projekte seien zwar erfreulich, aber immer noch Insellösungen. „Von einer flächendeckenden Anwendung sind wir noch weit entfernt.“

Als Gründe dafür machte Steffens zum einen juristische Unsicherheiten aus; zum anderen die „derzeit unzureichende und praxisfremde Re-Finanzierung“, die ein Roll-Out der Videosprechstunde momentan „eher hemmen denn beschleunigen“. Sie betonte indes, dass an telemedizinischen Lösungen kein Weg vorbei führe: „Die Patienten werden immer älter, die Ärzte immer weniger, chronische Erkrankungen nehmen zu – und die Versorgung auf dem Land sieht unsicher aus.“ Diese Entwicklungen seien nur mit Technik und Telemedizin aufzufangen. „Viele Ärzte wollen diese neuen Wege gehen.“

Einige Ärzte sind Bedenkenträger 

Susanne Schwalen, Geschäftsführende Ärztin der Ärztekammer Nordrhein und Mitglied im Forum Telemedizin der ZTG, mahnte jedoch zur Vorsicht: Einige ihrer Kollegen würden Telemedizin zurückhaltend gegenüberstehen. „Die Verfahren greifen tief in juristische und finanzielle Belange, und sie beeinflussen das Arzt- und Patientenverhältnis.“ Auch sei die Alltagstauglichkeit der Anwendungen entscheidend. „Sie müssen Zeit sparen und dürfen keine Zeit kosten.“

Bernd Altpeter, CEO des Deutschen Instituts für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DiTG), verwies auf eine Umfrage, nach der sich heute erst ein Drittel der Ärzteschaft vorstellen könne, beispielsweise eine Videokonferenz mit Patienten durchzuführen. „Bedienungsfreundlichkeit, Entlastung im Praxisablauf und langfristige Unterstützung, darauf kommt es den Ärzten an“, so Altpeter. Schwalen ergänzt: „Die Einführung von Telemedizin braucht die Akzeptanz der Ärzte und Patienten – und das auf Grundlage von Freiwilligkeit.“

NRW: Viel Geld gut genutzt

Hinter einem Rednerpult steht links ein Mann mit Anzug, der der rechts stehenden Rednerin Barbara Steffens aufmerksam zuhört.

Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens äußerte sich skeptisch, was einen schnellen Roll-out der Telemedizin angeht. Es gäbe viel Potenzial aber auch noch einige Hürden.

Quelle: ZTG GmbH

Einen Seitenhieb verpasste Ministerin Barbara Steffens dem im vergangenen Jahr aufgelegten Innovationsfonds, mit dem bundesweit neue Versorgungsformen, darunter auch Telemedizinlösungen, gefördert werden sollen. Als Finanzierungsform begrüße sie den Fonds zwar, doch sehe sie manche Projekte auf der Förderliste – „und ich mache jetzt keine Einzelprojektschelte“ –, die lediglich „schön und neu“ seien, aber die medizinische Qualität nicht voranbrächten. Sie ließ durchblicken, dass sie den Ausschuss verdächtige, die Projekte nach eigenen Interessen auszuwählen. „Da wird dann gesagt: Du kriegst das, dafür bekomme ich das – und am Ende kann dann jeder sein Fähnchen hochhalten.“ Steffens wünsche sich dagegen einen neuen Innovationsfonds, der auch sektorenübergreifend ausgerichtet sei, und dessen Investitionen eine genaue Analyse über die Nachhaltigkeit der Projekte vorausgehe. „Wir haben schon genug Geld verbrannt.“

In NRW dagegen sei gerade für die Telemedizin „viel Geld gut genutzt“ worden, so die Landespolitikerin. Und auch wenn es noch an Vernetzung unter den Akteuren mangele, die „positiven Einzelprojekte“ und das hohe Engagement im Ausbau telemedizinischer Lösungen hätten eine Signalwirkung auf den Bund. Sie seien „Leuchtturmprojekte“, die auch Entscheidungen auf höherer Beschlussebene erleichterten: „Der Motor von NRW kann den Bund anschieben.“

An Technik gewöhnen, dann sinkt die Hemmschwelle

Eines dieser Schubkraft-Projekte könnte die elektronische Visite sein, wie sie „MuM – Medizin und Mehr“, ein Netzwerk aus 53 Haus- und Fachärzten in der Region Bünde, nördlich von Bielefeld, entwickelt und umgesetzt hat: eine Software, über die Ärzte mit beliebig vielen Kollegen und Pflegekräften kommunizieren und, in Form einer virtuellen Sprechstunde, Videokonsultationen fahren können – etwa bei Heimbewohnern. „Für alte, multimorbide, zum Teil auch demente Patienten ist es eine Qual, wöchentlich zu Arztterminen gefahren zu werden“, erklärte Verbundvorstand Hans-Jürgen Beckmann auf der Tagung, bevor er mittels einer Live-Schaltung in ein Pflegeheim sein System demonstrierte: Internetgestützt und über eine Webcam wird eine direkte Verbindung von Arzt zu Pflegekraft und Patienten aufgebaut.

Anschließend können per Video-Chat Fragen geklärt, die Medikation besprochen und über die Kamera Körperstellen und Wunden des Patienten begutachtet werden. „Das funktioniert ohne Download und ohne Installation“, so Beckmann. Auch Vitalparameter könnten übertragen, ebenso Dokumente geteilt werden. Eine Auswertung in acht Senioreneinrichtungen, in denen das System derzeit im Einsatz ist, ergab, dass die Videokonsultation vor allem für Medikationsanfragen genutzt wird (41 Prozent), aber auch für die Beurteilung chronischer Wunden (31 Prozent) sowie für die interdisziplinäre Fallbesprechung (27 Prozent).

In einem Zeitraum von zehn Monaten konnten die Heime knapp 17.000 Euro an Transportkosten sparen, weil viele Arztbesuche entfielen, zudem Lohnkosten von 8.000 Euro, die für die Begleitung der Patienten zum Arzt angefallen wären. Auch Beckmann beobachtete anfangs eine gewisse Unsicherheit unter den Ärzten und Pflegekräften, die Software zu nutzen. „Unsere Erfahrung zeigt aber auch: Mit der Gewöhnung an die Technik sinkt die Hemmschwelle, sie anzuwenden.“

In der Startphase: Monitoring von Beatmungspatienten

Noch in der Anfangsphase befinden sich die Entwickler eines Telehomecare-Projekts, das Dirk Uphus vorstellte: Der studierte Anästhesiologe erkannte bei seiner Arbeit für das Beratungshaus A.C.M., einem Anbieter von Patientendatenmanagement-Systeme für die Intensivmedizin, dass immer mehr Intensivpatienten nach ihrer Entlassung oder Reha zu Hause weiter beatmet werden. „Die Fälle von Heimbeatmung sind in den vergangenen zehn Jahren von etwa 1.000 auf aktuell etwa 15.000 bis 30.000 gestiegen“, schätzt Uphus. Dahinter stünden Versorgungskosten von jährlich etwa zwei bis vier Milliarden Euro.

Jedoch: Etwa 60 bis 70 Prozent der beatmeten Patienten könnten vom Beatmungsgerät entwöhnt, also wieder an ein selbständiges Atmen herangeführt werden; Experten sprechen hier von „Weaning“. „Doch dafür braucht es eine interdisziplinäre Zusammenarbeit“, so Uphus. Ihm schwebt nun ein Versorgungsnetzwerk aus Haus- und Klinikärzten, Pflegedienst und Physiotherapeuten vor, die sich gemeinsam um die Patienten kümmern, sich über ein System austauschen – und die Patienten zugleich über dieses System überwachen können. „Unsere Idee ist eine telemedizinische Plattform, die – mit Kamera und Mikrofon ausgestattet – eine audiovisuelle Kommunikation zwischen Klinikarzt und Patienten im Home-Care-Setting erlaubt.“

An die Plattform sollen sich Medizingeräte anschließen lassen und Messwerte aus Beatmungsgerät und Vitaldaten kontinuierlich übertragen werden können. „Technisch gesehen handelt es sich um PCs, die in den Wohnungen der Patienten stehen und mit einem Netzwerk verknüpft sind.“ Als Use-Cases nannte er zum einen eine bessere Überleitung – „dem nachfolgenden Betreuer kann der Patient über das System vorgestellt werden“, – aber auch ein Tele-Follow-up: „In regelmäßigen Abständen kann der Weaningspezialist, etwa ein Klinik-Pulmologe, die Verläufe auswerten und so Hausarzt und Pflegekraft beraten.“

Aktuell ist Uphoff dabei, ein Konsortium für sein Vorhaben zu bilden, an dem sich unter anderem die ZTG beteiligt. Die NRW-Expertenorganisation setzt sich für eine stärkere Vernetzung der Marktteilnehmer ein und entwickelt derzeit ein Evaluationssystem für telemedizinische Lösungen. Zudem arbeitet es eng mit der DGTelemed zusammen: „Um das Thema Telemedizin voranzubringen, ist die Kooperation zwischen dem ZTG mit seiner Nähe zum Land NRW und der DGTelemed, die auf Bundesebene aktiv ist, optimal“, sagte Gernot Marx, Vorstandsvorsitzender der DGTelemed.

Sein Vize Günter van Aalst, der zugleich das Forum Telemedizin der ZTG leitet, wies auf die hohen „oft nicht erforderlichen“ Bewertungshürden hin, die den telemedizinischen Lösungen häufig den Weg in die Regelversorgung versperrten. „Sowohl die DGTelemed als auch das Forum Telemedizin setzen sich für eine praktikable und schnelle Bewertung dieser Methoden ein.“ Mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung ergänzte Marx: „Was wir in 20 Jahren im Gesundheitswesen sehen werden, wird so gigantisch und anders sein.“ Und an die Teilnehmer richtete er schließlich den Appell: „Wir suchen stets Mitstreiter, die Interesse haben, die Zukunft der Versorgung aktiv mitzugestalten.“ Das Herkunftsbundesland sei dann auch schon wieder – nebensächlich.

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