ZVEI Jahreskongress 2017

Welten verbinden

Der ZVEI Jahreskongress 2017 fand im Kreuzberger Tempodrom im Herzen der Hauptstadt statt.

Quelle: ZVEI

Die Elektroindustrie fordert dringend mehr Geschwindigkeit bei der Digitalisierung. Und sie fordert von der Politik, den Ankündigungen auch Taten folgen zu lassen. Allerdings gibt es noch ein ganz anderes Problem: Trotz vorhandener Technologien mangelt es erheblich an digitalen Geschäftsmodellen. von Matthias Lehmphul

„Die digitale Vernetzung ist in der Wirtschaft angekommen. Deutschland baut seine international führende Rolle als Anbieter und Nutzer der industriellen Vernetzung weiter aus“, sagt Michael Ziesemer, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI). Dieses Jahr lud der Industrieverband in das Kreuzberger Tempodrom im Herzen der Berliner Hauptstadt. 99 Jahre ist der Verband alt. Heute versteht sich die Elektroindustrie selbst als „Leitbranche“ und „Enabler“ der industriellen Digitalisierung. Die Deutschen seien Weltmeister in der Hardware und im Embedden von Software  – also in der Entwicklung von Elektronikbauteilen und Systemen. Allerdings sehe das bei der Anwendung schon ganz anders aus. Jetzt müssten beide Welten miteinander verknüpft werden. „Es geht darum, etwas aus den Daten zu machen.“ Es gebe hinsichtlich der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle erheblichen Nachholbedarf, sagt Ziesemer. Branchenübergreifend.

Big Data ist eben in der Bundesrepublik noch kein Big Business. Das habe viele Gründe, die ein Durchstarten erschweren: Bildung, Datenschutz, Fachkräfte, Infrastruktur. Letztere ist mittlerweile auch ziemlich peinlich. Ziesemer zitiert das OECD-Ranking. Deutschland liege derzeit auf Patz 30 aller Industrienationen, was die High-Tech-Verkabelung angehe. Das müsse sich schleunigst ändern. Ohne den Netzausbau sei die deutsche Wirtschaft bald nicht mehr wettbewerbsfähig.

Steuerliche Forschungsförderung für alle

Die Elektrobranche ist ein wichtiger Motor der Innovation am Standort Deutschland. 40 Prozent aller Patentanmeldungen im Jahr stammen aus diesem Industriezweig. Das sind jährlich etwa 13.000 Anmeldungen beim Europäischen Patentamt. „Ein Fünftel aller privaten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung stammen aus der Elektroindustrie. Diese Aufwendungen gehen vor allem in entscheidende Kerntechnologien wie Halbleiter, Sensoren, Aktoren und Embedded Software.“ In Zahlen ausgedrückt: Die Branche investierte 2016 insgesamt 17,2 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung.

Michael Ziesemer, Präsident des ZVEI und Vizepräsident des Verwaltungsrats der Endress+Hauser Gruppe diskutierte mit Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) über die Digitalisierung und bat sie um steuerliche Forschungsförderung für alle Unternehmen.

Quelle: ZVEI

Der Verband fordere, so Ziesemer, deshalb eine steuerliche Forschungsförderung von zehn Prozent „für alle forschenden Unternehmen“. Keine kleinen Brötchen. Seit 15 Jahren wird bundesweit darüber diskutiert. 2017 ist das Thema auf der politischen Bühne in der Hauptstadt präsent. Unter anderem versprach Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf dem Wirtschaftsgipfel der CDU/CSU-Fraktion im Frühjahr eine steuerliche Forschungsförderung für die kommende Legislaturperiode.

Eine Schippe drauf legen

„Deutschland ist gut aufgestellt, die Digitalisierung zu meistern“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Sie lobte die Industrie für ihr beispielloses Engagement im Bereich der Industrie 4.0 und kündigte ein bisher einzigartiges Förderprogramm für die Mikroelektronik an: Die Bundesregierung verhandele derzeit mit der EU-Kommission über die Umsetzung. Es geht dabei um einen Fördertopf von nicht weniger als einer Milliarde Euro. Dadurch soll die Digitalisierung maßgeblich vorangebracht werden – über die Landesgrenzen hinweg. Verlaufen die Verhandlungen erfolgreich, könnte dieses Förderprogramm auch für andere Bereiche der Digitalisierung greifen.

Zypries verteidigte den Bundeshaushalt. „Wir haben die Forschungsausgaben erheblich aufgestockt.“ Derzeit lägen sie bei drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes, das sind etwa 80 Milliarden Euro im Jahr. Nicht wenig. Angestrebt seien allerdings 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Sie sprach sich für eine steuerliche Forschungsförderung aus und verwies gleichzeitig auf das jüngste Förderprogramm ihres Hauses: Ab Juni 2017 können kleine und mittlere Unternehmen einen Kredit bei der KfW beantragen, um die Digitalisierung im eigenen Haus zu stemmen und den Markt mitgestalten zu können.

Gesundheitsversorgung reformbedürftig

„Big Data birgt gerade auch im Gesundheitsbereich großes Potenzial“, sagte Ziesemer. „Digitalisierung verändert die Art der medizinischen Betreuung. Durch die Vernetzung medizinischer Geräte und Informationssysteme und die Dokumentation in elektronischen Akten können alle an der Versorgung eines Patienten Beteiligten – vom Hausarzt über den Chirurgen im Krankenhaus bis zur Reha-Einrichtung – auf alle nötigen Informationen zugreifen und so die Behandlung optimieren. Der nächste Schritt ist die Einbindung des Patienten selbst mittels Telemedizin und Telemonitoring.“

Der Industrieverband ließ keinen Zweifel daran, dass die Gesundheitsversorgung hinsichtlich der Digitalisierung mehr als reformbedürftig sei. „Wir müssen die Gesundheitsversorgung komplett neu organisieren“, sagte Christian Erbe, Geschäftsführer der Erbe Elektromedizin GmbH und Vorstandsmitglied im ZVEI.

Digitale Geschäftsmodelle für komplexe Daten

Die Digitalisierung habe das Potenzial, die Diagnostik sowie die Behandlung entlang der Versorgungspfade erheblich zu verbessern. Durch die „digitalen Werkzeuge“ ließen sich sämtliche Prozesse in Kliniken optimieren. Die Standzeiten könnten durch intelligente Vernetzung minimiert und Kosten eingespart werden. Aktuelle Hochrechnungen von Price Waterhouse Coopers schätzen das Einsparpotenzial im Gesundheitswesen auf 39 Milliarden Euro – jährlich.

„90 Prozent der Zeit wird der Patient mit seiner Krankheit allein gelassen.“ Christian Erbe ist Geschäftsführer der Erbe Elektromedizin GmbH und Vorstandsmitglied im ZVEI.

Quelle: ZVEI

Allerdings sei der Umgang mit Daten besonders kritisch, denn es handele sich nicht nur um Prozess- und Maschinendaten, die ausgetauscht würden, sondern eben auch um Patientendaten. „Es ist eine Herausforderung, Daten unterschiedlichster Quellen, Formate und Zwecke für die medizintechnische Anwendung zu kombinieren.“ Denn die Daten müssten bereits bei der ersten Behandlung „valide“ sein. „Wir müssen lernen, mit der Komplexität der Daten umzugehen.“ Durch digitale Anwendungen wird der Patient in seine Therapie aktiv eingebunden. Dabei wird die Medizin eine komplexe Wissenschaft bleiben. Die Ärzte behandelten aber nicht mehr nur ambulant in Praxen oder stationär in Kliniken, sondern eben auch mobil. „90 Prozent der Zeit wird der Patient mit seiner Krankheit allein gelassen.“ Da liege erhebliches Potenzial für digitale Geschäftsmodelle. Und die Therapie werde dadurch zielgerichteter und individualisierter. So könnten heute bereits Onkologen mithilfe von Big-Data-Analysen die Krebstherapien ihrer Patienten präziser abstimmen. Dadurch würden Therapien schonender, der Heilungserfolg erhöhe sich. Letztlich sparten die Kassen auch Geld, da unwirksame Therapien entfielen.

Datenschutz als Wettbewerbsvorteil

Erbe betonte, dass Unternehmen die Daten auch nutzen können sollten. Das aktuelle Modell beruhe auf „Datensparsamkeit“. Das passe nicht zu einer digitalen Gesundheitswirtschaft. „Eine datenbasierte Gesundheitsversorgung entwickelt sich nur dann, wenn die Daten auch außerhalb von klinischen Studien und konkreten Therapien genutzt werden können.“ Allerdings bedürfe die erweiterte Datennutzung eines gesellschaftlichen Konsens. Und dies setze wiederum einen effektiven Schutz  voraus. „Hier müssen zeitnahe Antworten gefunden werden.“ Wer die Frage des Datenschutzes beantwortet, wird künftig mit seinen Produkten einen deutlichen Wettbewerbsvorteil haben.    

Protektionismus ist keine Antwort

Ziesemer ließ es sich nicht nehmen, auf die Weltwirtschaft einzugehen. Immerhin ist das Geschäft exportorientiert und gewissermaßen abhängig von der politischen Stimmung. „Protektionismus kann hier nicht die Antwort sein“, so der Verbandspräsident.

Sorge bereiten ihm vor allem die schlechte Wirtschaftslage Frankreichs, der anstehende Brexit aus der Europäischen Union und Donald Trump in den USA. Die Kritik am Handelsbilanzüberschuss sei berechtigt, sagt Ziesemer. Sinnvoll wären Investitionen im großen Stil. So könne Deutschland das Problem teilweise beheben. Aber Deutschland sei nicht allein Schuld an dem Dilemma. Die Finanzkrise und die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank hätten mindestens Mitschuld daran. Zudem müssten sich die anderen Länder die Frage gefallen lassen, ob ihre Produkte wettbewerbsfähig seien.

Gerade weil die Digitalisierung mit all ihren Chancen und Risiken die gesamte Gesellschaft durchdringe, seien Offenheit und Vertrauen der Menschen gegenüber neuen Technologien fundamental, so Ziesemer. „Die wichtigste Rolle spielt der Mensch. Daran wird sich nichts ändern. Ohne ihn, ohne seine Kreativität, seinen Erfindungsgeist, ohne sein Vertrauen in neue Technologien wird es keinen Fortschritt geben. Denn: Menschen machen Innovationen.“

Mehr dazu im Internet:

100 Jahre ZVEI

BMWi-Themenseite Mittelstandsfinanzierung

ZVEI Grünbuch zur digitalen Gesundheitswirtschaft

KfW-Studie zur Digitalisierung in Deutschland

© Medizintechnologie.de