Digitalisierung ín der Schweiz

E-Health noch auf der Geburtsstation

Yves Laukemann, Informatik-Leiter des Basler St. Claraspital, spricht bei der Veranstaltung Health 2.017 in Zürich über die Digitalisierungsbemühungen des Krankenhauses. E-Health steckt auch in der Schweiz noch in den Kinderschuhen.

Quelle: Iris C. Ritter

Auf dem Weg in die digitale Zukunft der Medizin steht die Schweiz noch vor etlichen Herausforderungen: Zentrale Baustelle in unserem Nachbarland ist die Einführung digitaler Patientenakten. Die föderale Struktur des Gesundheitswesen könnte sich dabei als Bremsklotz erweisen. Sie lässt aber auch innovative Projekte zu. von Anja Huber

Die Schweiz gilt als besonders finanzstark und innovativ. Doch in puncto E-Health hinkt sie hinterher. Das wurde auf der Konferenz „Health 2.017“ Ende August in Zürich deutlich. Dort trafen sich Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, um sich über die Digitalisierung im Gesundheitswesen auszutauschen. Auf dem Podium im Auditorium der Stiftung Careum nahe der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) wurde vor allem über das Gesetz zum elektronischen Patientendossier (EPDG) heiß diskutiert. Es wurde am 15. April 2017 in Kraft gesetzt.

Elektronisches Patientendossier greift zu kurz

Auf der Konferenz „Health 2.017“ trafen sich Ende August die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft um sich über die Digitalisierung im Gesundheitswesen der Schweiz auszutauschen.

Quelle: Clara C. Ritter

Ähnlich wie in den deutschlandweit geplanten elektronischen Patientenakten und -fächern können im elektronischen Patientendossier (EPD) alle relevanten medizinischen Daten abgelegt und vom Patienten sowie berechtigtem Gesundheitspersonal eingesehen werden. Allerdings entscheiden Patientinnen und Patienten in der Schweiz selbst über die Eröffnung eines EPD. Auch für ambulante Leistungserbringer wie Ärzte, Apotheker, Hebammen oder Chiropraktiker besteht keine Pflicht zur Einführung der digitalen Akte. Lediglich Spitäler müssen innerhalb der kommenden drei Jahre das EPD einführen, für Pflegeheime und Geburtshäuser beträgt die Frist fünf Jahre.

Dass es zu dieser „doppelten Freiwilligkeit“ kam, lag am Widerstand der Ärzteschaft. In der direkten Demokratie Schweiz hätte sie das Gesetz über ein Referendum vor das Volk bringen können – ein langwieriger Prozess mit unklarem Ausgang. Und so wurde einem pragmatischen Vorgehen der Vorzug gegeben, um keine unnötigen politischen Risiken einzugehen. Durch diesen „helvetischen Kompromiss“ schreite die Umsetzung des EPD viel zu langsam voran und es greife zu kurz – das bemängelten Wirtschaftsvertreter auf dem Podium, darunter Holger Baumann, CEO der Insel Gruppe, einem Verbund von sechs Kliniken im Kanton Bern.

Dr. Stefan Spycher, Vizedirektor und Leiter Direktionsbereich Gesundheitspolitik am Bundesamt für Gesundheit (BAG), verteidigte den Kompromiss. Er zeigte sich optimistisch, dass Patienten den Nutzen des EPD erkennen würden und deren Nachfrage Druck auf die niedergelassenen Ärzte und andere ambulante Leistungserbringer ausüben werde, das EPD schnell zu implementieren. Das EPD sei ein „lernendes Projekt“.

Föderales Gesundheitssystem ein weiterer Knackpunkt

Dr. Stefan Spycher, Vizedirektor und Leiter Direktionsbereich Gesundheitspolitik am Bundesamt für Gesundheit (BAG), sieht das Elektronische Patientendossier als „lernendes Projekt“ und verteidigte es gegen Kritik.

Quelle: Clara C. Ritter

Zumal einzelne Kantone voraus gehen können – zu nennen sind hier die E-Health-Pionierkantone Genf, Zürich und Bern –, schließlich ist das Gesundheitswesen in der Schweiz höchst föderal: Für die Organisation der Gesundheitsversorgung sind die Kantone verantwortlich. Diese tragen einen großen Teil der Kosten der öffentlichen Hand. Gemeinden, Sozialversicherungen und Krankenversicherer unterstützen die Spitäler ebenfalls. Wichtige gesundheitspolitische Fragen regelt jedoch das Krankenversicherungsgesetz auf nationaler Ebene.

Auch das Gesetz zum EPD regelt die Umsetzung schweizweit – jedoch nur organisatorische, technische und sicherheitsrelevante Aspekte. Die Finanzierung des EPD wurde im Gesetz nicht geregelt. Momentan vorgesehen ist eine Anschubfinanzierung vonseiten des Bundes in Höhe von 30 Millionen Franken über drei Jahre. Voraussetzung für die Zahlung des Bundes ist aber, dass die Kantone oder Dritte mindestens einen Beitrag in gleicher Höhe leisten, Krankenversicherer sind dabei ausgeschlossen.

Die große Debatte um die Finanzierung und die kantonalen Unterschiede in den Spital-Betrieben könnten die größten Stolpersteine für das EPD im kommenden Jahr werden. Der Bund und die 26 Kantone hätten sich zusammenfinden sollen, um ein einheitliches Modell zu entwickeln, kritisierten Wirtschaftsvertreter in Zürich.

Künstliche Intelligenz als Heilsbringer?

Die Schweiz liegt an zweiter Stelle der OECD-Länder mit den höchsten Gesundheitsausgaben: Laut dem eidgenössischen Bundesamt für Statistik betrugen die Gesundheitsausgaben im Jahr 2015 pro Einwohner 783 Franken im Monat. Um die Gesundheitskosten zu drosseln und die Versorgungssicherheit der wachsenden Bevölkerung bei zunehmender Überalterung gewährleisten zu können, plädierten viele Referenten auf der „Health 2.017“ des „Finanz und Wirtschaft“-Forums für den Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Wirtschaftsvertreter im Plenum bemängelten, dass die Schweiz trotz eines gut aufgestellten Gesundheitssystems das Thema Digitalisierung lange stiefmütterlich behandelt hat.

Quelle: Clara C. Ritter

Medgate, ein schweizweit führender Anbieter im Bereich der integrierten Versorgung, hat kürzlich ein Forschungsprojekt zum Thema Artificial Intelligence (AI) gestartet. „Wir entwickeln kein unterstützendes System, sondern eines, das den Arzt wirklich ersetzen soll“, erläuterte Andy Fischer, Gründer und CEO von Medgate. „Die Chancen stehen 50 zu 50, dass wir es zu einem marktfähigen Produkt bis Mitte 2018 schaffen.“ Am meisten bewege ihn dabei die ethische Frage, wie Patienten Vertrauen zu solchen Devices aufbauen können.

Auch das Basler St. Claraspital berichtete über seine Digitalisierungsbemühungen: Die 240 Betten starke Akutklinik mit Schwerpunkt Tumor- und Bauchzentrum hat einen neuen Bereich „Innovations- und Technologiemanagement“ gegründet. Mit Watson von IBM will man nun Künstliche Intelligenz im Bereich der Krebsdiagnostik einsetzen.

Neben Self-Check-in oder Terminbuchung per Internet bietet das Spital Patienten auch seine Clara-APP, eine Krankenhaus-App, an und verfügt über ein Critical Incident Reporting System (CIRS) zur systemischen Fehleranalyse. „Das EPD ist für uns Mittel zum Zweck“, sagte Informatik-Leiter Yves Laukemann. Sein Fazit: Die Digitalisierung werde vor allem sehr teuer, werde sich für die Zukunft aber auszahlen. Dabei plädierte er für mehr Top-Down-Ansätze, wie etwa in Dänemark. Als besondere Herausforderung sieht Laukemann nicht zuletzt die Belegschaft in den Spitälern: „Die Techniker sprechen schon vom Spital 4.0, aber die Nutzer sind oft noch User 1.0 – den meisten ist das Fax noch näher als der Computer.“

EPD im Spannungsfeld

Für die ganze Schweiz ein EPD einzuführen, hatte der Bund bereits im Juni 2007 mit der Verabschiedung seiner E-Health-Strategie beschlossen. Zehn Jahre später ist es nun soweit. Die politischen Mühlen mahlen, ähnlich wie in Deutschland, langsam bei den Eidgenossen. Über den Berg ist man allerdings auch heute noch nicht. Die unklare Finanzierung und die helvetische Neigung zum Kompromiss könnten zu Minimallösungen führen. Wegen der doppelten Freiwilligkeit und der Zugriffssteuerung durch den Patienten ist die Vollständigkeit und Aktualität der Daten begrenzt, die Verlässlichkeit der Informationen im EPD nicht garantiert. Und lückenhafte Dossiers können gefährlich werden.

Das Kompetenzgemisch zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden und Privaten sowie die komplexe Finanzstruktur beinhalten zugleich Risiken und Chancen: Zu viele Player im föderalen Gesundheitssystem der Schweiz könnten zum Bremsklotz werden und die Eidgenossen zum digitalen Mittelmaß degradieren. Die Chancen liegen in den Nischen und Kompetenzlücken, die innovative Entwicklungen und Projekte ermöglichen.

Mehr im Internet:

E-Health in der Schweiz (Regierungsseite)

Homepage Health 2.017

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