Tinnitus

Gemeinsam gegen Ohrgeräusche

Eine Frau hält eine Hand an ihr linkes Ohr. Eine gezackte Linie symbolisiert einen schrillen Ton.

Tinnitus beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen enorm.

Quelle: UKR

3,8 Millionen Euro stellt die Europäische Union im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprogramms „Horizon 2020“ zur Erforschung des Tinnitus zur Verfügung. von Beate Wagner

Mal rauscht es wie ein Radio ohne Empfang, mal kreischt es wie eine Kreissäge. Rund zehn Prozent der Bevölkerung haben Geräusche im Ohr, die für sie real, für ihre Mitmenschen aber unhörbar sind. Zudem ändert der sogenannte Tinnitus sich mit der Zeit und im Klang. Bisher gibt es noch keine allgemein wirksame Behandlungsmethode. Die störenden Ohrgeräusche schränken die Lebensqualität vieler Betroffener nachhaltig ein.

Um das zu ändern, stellt die Europäische Union nun über vier Jahre 3,8 Millionen Euro für ein internationales Verbundprojekt zur Verfügung. Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprogramms „Horizon 2020“ sollen Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen in der „European School for Interdisciplinary Tinnitus Research“ (ESIT) die Entstehung, Ursachen und Therapien des Tinnitus erforschen. Sie werden neue Konzepte zur Diagnose und Therapie erstellen, systematisch eine Datenbasis erarbeiten und 15 Nachwuchswissenschaftler weiter ausbilden.

Sympathiscer Enddreißiger mit Bart lacht in die Kamera.

Winfried Schlee, Universitätsklinikum Regensburg, koordiniert das EU-Projekt.

Quelle: Annika Seif/Winfried Schlee

46 Partner forschen gemeinsam

„Tinnitus ist ein individuelles Krankheitsbild mit vielen Ursachen, das daher auch differenziert behandelt werden muss“, sagt Dr. Winfried Schlee, ESIT-Koordinator und Wissenschaftler am Universitätsklinikum Regensburg. „ESIT wird erstmals in dieser Größe Forscher aller Disziplinen aus mehreren Ländern einen engen Austausch ermöglichen, um innovative Lösungen zu entwickeln.“ Insgesamt beteiligen sich zwölf Universitäten aus zehn EU-Ländern und 34 weitere akademische und nicht-akademische Partner an ESIT.

Die Koordination geht vom Tinnituszentrum der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg sowie vom Universitätsklinikum Regensburg aus. Das Tinnituszentrum besteht seit 2001. Es vereint die Kompetenz in Forschung, Diagnostik und Therapie von Tinnitus-Erkrankungen. „Wir haben in den letzten Jahren zahlreiche vielversprechende Therapieansätze erprobt“, weiß Koordinator Schlee. So zum Beispiel die sogenannte Transkranielle Magnetstimulation (TMS). Bei der Methode platzieren die Experten eine magnetische Spule von außen auf den Schädel direkt über den übermäßig aktivierten Hirnarealen und erzeugen dann magnetische Impulse. Je nach Frequenz sollen sie die darunter liegenden Nervenzellen hemmen oder erregen.

Tinnitus-Frequenz wird ausgefiltert

Auch die sogenannte Notch-Therapie ist bei Schlee im Programm. „Akustiker programmieren das Hörgerät mit einem aktivierten ‚Notch-Filter‘ auf der Tonhöhe des Tinnitus“, erklärt Dr. Ronny Hannemann von der Abteilung Forschung und Entwicklung der Sivantos GmbH. „Der Sound des Lebens, also Töne von außen, werden so verstärkt, während es die störenden Geräusche im Inneren verringert.“ Die zuvor gemessene Tinnitus-Frequenz wird praktisch aus der Hörgeräteübertragung herausgefiltert.

Die Notch-Therapie ist für einige Patienten wirksam, aber es gibt noch viele offene Fragen. Daher ist auch die Sivantos GmbH bei ESIT dabei – und steuert für ein Forschungsvorhaben Hörgeräte bei. „Wir wissen noch nicht genau, welches System welchem Patienten guttut“, sagt Hannemann. Hier sieht der Forscher die Chance, Neues aus dem ESIT-Programm zu lernen. „Wir freuen uns darauf, andere Wissenschaftler zu treffen und zu erfahren, was in den einzelnen Projekten passiert und welche Erkenntnisse uns gemeinsam weiterbringen.

Reger interdisziplinärer Austausch

An interdisziplinärem Austausch wird es sicher nicht mangeln: Insgesamt sind in ESIT Kliniker wie Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Audiologen, Neurologen, Psychiater, Psycho- und Physiotherapeuten, Neurochirurgen sowie Zahnmediziner involviert. Aus der Forschung kommen Vertreter der Epidemiologie, Genetik, Neurowissenschaft, des Mediziningenieurwesens, der Softwareentwicklung und des Data-Minings hinzu. Unter den industriellen Partnern befinden sich Experten der BEE Group, von Brain Products, Cochlear, Del Bo Technologia, Medien LB, Pinpoint Scotland, Sensorion, Sivantos, Sonormed and Soterix. „ESIT bringt erstmals alle Akteure der Tinnitus-Szene zusammen, um gemeinsam die Weichen für die Tinnitusforschung und -behandlung der Zukunft zu stellen“, sagt Schlee aus Regensburg. Das werden spannende vier Jahre.

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