Migränetherapie

Nervenstimulation durch die Haut lindert Migräne

Nicht jedem Patienten ist mit Pillen geholfen. Es gibt Gründe, bei chronischen Kopfschmerzen auch über nicht-medikamentöse Therapien nachzudenken.

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Schonend, aber effektiv: Auf der diesjährigen Tagung der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft in Vancouver können gleich zwei nicht-invasive Stimulationsverfahren in randomisierten Studien überzeugen. von Philipp Grätzel

Für die Behandlung von Patienten mit akuten Migräneattacken verschreiben Ärzte überwiegend Tabletten. Neben klassischen Schmerzmitteln kommen vor allem die sogenannten Triptane zum Einsatz, eine schmerzlindernde Medikamentenklasse, die ausschließlich bei Migränekopfschmerz hilft. Triptane helfen aber nicht jedem. Sie sind zudem nicht besonders gut verträglich. Und zumindest einige der Patienten, bei denen sie anschlagen, neigen zu übermäßigem Gebrauch, der letztlich die Kopfschmerzen eher verstärkt als lindert.

Es gibt also Gründe, auch über nicht-medikamentöse Therapien nachzudenken. Unterschiedliche Stimulationsverfahren, darunter die transkranielle Magnetstimulation, wurden bei der Migräne schon häufiger untersucht – mit bisher eher durchwachsenem Erfolg. Neuere Stimulatoren erlauben seit einiger Zeit eine ganz gezielte elektrische Stimulation von Hirnnerven, ohne dass dafür Elektroden unter der Haut platziert werden müssten. Prinzipiell infrage kommen dafür der zehnte Hirnnerv (Nervus vagus), ein wichtiger Steuerungsnerv für das bei der Migräne mit betroffene vegetative Nervensystem, sowie der fünfte Hirnnerv (Nervus trigeminus), ein Schmerznerv.

Mehr schmerzfreie Patienten bei Vagus-Nerv-Stimulation am Hals

Cristina Tassorelli vom Headache Science Center der Universität Pavia in der Lombardei berichtete in Vancouver über die randomisierte Studie „PRESTO“ mit dem Vagus-Stimulator gammaCore des Unternehmens Desitin. Den Vagusnerv erreicht man am besten im Bereich der Halsschlagadern, wo das Gerät sowohl links als auch rechts aufgesetzt werden kann und dann einige Minuten den Nerv stimuliert. An der PRESTO-Studie nahmen an zehn Zentren 248 Patienten teil. Bei ihnen wurde entweder eine „echte“ nicht-invasive Vagus-Stimulation (nVNS) durchgeführt oder eine Scheinprozedur, bei der das Gerät aufgesetzt und ein prickelndes Hautgefühl erzeugt wurde, tatsächlich wurde der Nerv aber nicht stimuliert.

Der Studienzeitraum betrug vier Wochen. Die Patienten waren angehalten, die Stimulation sehr früh durchzuführen, innerhalb der ersten 20 Minuten nach Symptombeginn, und das nach 15 Minuten zu wiederholen, wenn weiterhin Beschwerden bestanden. In beiden Gruppen erlitten die Patienten im Mittel fünf Migräneattacken. 30 und 60 Minuten nach Beginn der Attacke waren bei nVNS-Therapie mit 12,7 Prozent bzw. 21,0 Prozent jeweils mehr als doppelt so viele Patienten schmerzfrei wie in der Vergleichsgruppe. Das war statistisch signifikant.

Nach zwei Stunden – dem primären Endpunkt – waren es 30,4 Prozent bzw. 19,7 Prozent, was nicht mehr signifikant ist. Trotzdem wertet Tassorelli die Studie als starkes Argument für den Einsatz der nVNS, zumal es bei wichtigen sekundären Endpunkten, etwa dem Anteil von Patienten, die schmerzfrei waren oder nur eine milde Attacke aufwiesen, auch nach zwei Stunden noch zur statistischen Signifikanz reichte.

Trigeminus-Nerv-Stimulation erreicht primären Endpunkt

Mit 106 Patienten etwas kleiner als die PRESTO-Studie war eine zweite ähnliche Studie, die von Denise Chou vom Columbia University Medical Center, New York, vorgestellt wurde. In dieser Studie wurde der Trigeminus-Nerv stimuliert – mit einer Art Brille, die auf der Stirn sitzt, entwickelt vom US-Unternehmen Cephaly. Das Gerät stimuliert mit maximal 16 mA und einer Pulsfrequenz von 100 Hz über einen längeren Zeitraum, in der Regel eine Stunde, beidseits oberhalb der Augenhöhle eine Stelle, an der ein Ast des Trigeminus-Nervs sehr nah an die Oberfläche kommt.

Auch in dieser Studie erhielten Patienten entweder die echte Stimulation oder eine identische „Brille“, die mit geringerer Pulsfrequenz und Stromstärke die Trigeminus-Stimulation nur simulierte. Primärer Endpunkt war die Verringerung eines standardisierten Schmerz-Scores nach einer Stunde. Die Studie sei in einem klinischen Setting durchgeführt worden, da nur dort die korrekte Positionierung des Geräts habe gewährleistet werden können, so Chou. Die Ergebnisse lassen sich also nicht einfach auf den Heimgebrauch übertragen.

Im Ergebnis war die Trigeminus-Stimulation unter den Studienbedingungen sehr effektiv. Der auf einer visuellen Analogskala von 0 bis 10 quantifizierte Schmerz verringerte sich in der Gruppe mit „echter“ Stimulation um 59 Prozent, in der Kontrollgruppe dagegen nur um 30 Prozent. Das war statistisch signifikant, und der statistische Vorteil hielt auch nach 24 Stunden noch an. Der Anteil der Patienten, die nach einer Stunde komplett schmerzfrei waren, betrug 29 Prozent bzw. 6 Prozent. Auch dieser Unterschied war signifikant. Eine Verringerung der Schmerzen um mehr als die Hälfte erreichten 63 Prozent bzw. in der Kontrollgruppe 31 Prozent der Patienten.

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