Neurotechnologie

Hirndaten schützen, bevor es zu spät ist

Profilaufnahme eines Frauenkopfes. Im Inneren des Schädels sind die Umrisse des Gehirns in leuchtendem Blau eingezeichnet. Vom Gehirn gehen Funken und Wellen aus, die sich über die rechte Hälfte des Bildes ausbreiten.

Daten, die beim Anregen oder Messen der Hirnaktivität gewonnen werden, bedürfen eines besonderen Schutzes.

Quelle: chombosan / Fotolia

Eine internationale Gruppe aus Wissenschaftlern und Ethikern fordert im Fachmagazin Nature eine gesellschaftliche Debatte, wie Daten der Hirnaktivität künftig genutzt werden dürfen. Um Hirndaten vor massenhafter Auswertung und Manipulation zu schützen, sieht die Gruppe in vier Bereichen dringenden Handlungsbedarf. von Anja Huber

Blonder Mann Mitte 30 mit Brille und Vollbart schaut direkt den Betrachter an.

Dr. Philipp Kellmeyer arbeitet und forscht am Epilepsiezentrum der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg.

Quelle: Alexander Schober

Technologien, die Hirnaktivität etwa in Steuersignale von Prothesen übersetzen, helfen Patienten in einem therapeutischen Rahmen. Doch auch abseits der Medizin läuft ein weltweites Forschungsrennen um die Neurotechnologie: Unternehmen wie Google, Facebook, Tesla und Co. investieren jährlich rund 100 Millionen Dollar in deren Entwicklung, um ihre Angebote und Geschäftsmodelle zu optimieren. So lassen sich schon heute anhand von Hirnsignalen etwa die Konzentration oder Aufmerksamkeit bestimmen. „Ein großflächiger kommerzieller Einsatz könnte in den nächsten drei bis fünf Jahren erfolgen“, sagt Dr. Philipp Kellmeyer, Wissenschaftler an der Klinik für Neurochirurgie des Uniklinikums Freiburg und einer der Autoren des Nature-Artikels. „Daten der Hirnaktivität sind unsere persönlichsten Daten überhaupt. Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte, wie diese genutzt werden dürfen, bevor die Konzerne Fakten schaffen“, fordert der Facharzt für Neurologie als Mitglied der internationalen Expertengruppe. Sie sieht in vier Bereichen besonderen Handlungsbedarf:  

Datenschutz im Fokus

So sollen nach Ansicht der Experten die Nutzer von Neurotechnologien die Kontrolle über die Nutzung ihrer Daten behalten. Geräte, die Hirnaktivität erfassen, sollten die Daten nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Nutzer teilen können. „So schützen wir Menschen vor unfreiwilligem Teilen ihrer Daten, speziell auch jene, die besonders vulnerabel sind, etwa schwer psychisch kranke Patienten“, so Kellmeyer. Zudem sollten intensive Schutzanforderungen für Soft- und Hardware solcher Geräte gelten. Als eine mögliche wirksame Einschränkung sieht die Expertengruppe eine strenge Regulierung für den Handel mit neuronalen Daten, ähnlich wie bei menschlichen Organen.

Verantwortung und Identität

Bei der gezielten Veränderung der Hirnaktivität kann sich die Eigenwahrnehmung ungewollt verändern. Die Grenze, ob eine Handlung selbst- oder fremdbestimmt ist, verschwimmt im Extremfall: „Manipulationen der Hirnaktivität außerhalb medizinischer Therapien müssen verhindert werden“, fordern die Experten. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte solle um den Schutz der Hirnaktivität – sozusagen um Neurorechte –erweitert werden. Außerdem befürwortet die Gruppe die Schaffung eines internationalen Übereinkommens zur Definition missbräuchlicher Verwendung von Neurotechnologie und künstlicher Intelligenz (KI).

Selbstoptimierung und militärische Nutzung

Durch Neurotechnologien könnte der Mensch seine mentalen Fähigkeiten verbessern. In diesem Zusammenhang wird eine Gerechtigkeitsdebatte unter dem Stichwort ‚cognitive liberty’ geführt: Darf sich der Mensch so selbst optimieren, wie es für ihn stimmig ist? Menschen treiben auch exzessiv Sport oder wenden Lerntechniken an, um sich zu optimieren. Stehen Neurotechnologien zur Optimierung von Hirnfunktionen zur Verfügung, müssen sie auch allen zugänglich gemacht werden, propagieren einige Philosophen.

Diesen individualistischen Ansatz sieht Kellmeyer jedoch kritisch: „Die Selbstoptimierung ist bereits zum gesellschaftlichen Fetisch geworden. Meine Hoffnung ist, mit Neurotechnologie Menschen zu helfen, die besonders schlecht gestellt sind.“

Auch bestehe das Risiko, dass medizinische Anwendungen für militärische Einsätze zweckentfremdet würden. Die Expertengruppe drängt daher darauf, Richtlinien aufzustellen, in welchen Kontexten Neurotechnologien verwendet werden dürfen. „Die militärische Nutzung sollte durch umfassende Rechtsrahmen wie die Chemie- oder Nuklearwaffenkonvention eingehegt werden“, kommentiert Kellmeyer. „Ich würde mir wünschen, dass die Erforschung von Neurotechnologien komplett in öffentlicher Hand bleibt, aber in den USA oder China ist es Usus, dass auch das Militär forscht.“

Vorurteile selbst lernender Computer vermeiden

Erst die Auswertung der Hirnaktivität durch KI ermögliche die massenhafte Analyse der riesigen Datenmengen. Ist deren Grundlage aber nicht neutral, sei die Auswertung tendenziös. „Die Datenstrukturen für den Lernprozess von KI sind oft verzerrt“, so Kellmeyer. „Hier fordern wir mehr Forschung dazu, wie die Datengrundlage fair und repräsentativ wird.“

Mehr im Internet:

© Medizintechnologie.de