Notfallversorgung im Katastrophenfall

Mit Standards und IT Patienten retten

Mediziner und Pflege stehen an einer rollbaren Trage, darauf liegt ein Mensch.

Oberarzt Sebastian Wutzler (Mitte) sichtet mit seinem Team Verletzte im Triageraum.

Quelle: Romy König

Die Sichtung und Verteilung von Terroropfern läuft künftig standardisiert und digitalisiert ab - so gesehen bei einer Live-Triage-Übung bei der 2. Notfallkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie in Frankfurt. von Romy König

Im Katastrophenfall, wenn ein Patient nach dem anderen ins Krankenhaus kommt, muss es schnell gehen. Dann braucht es eine rasche Einschätzung, wer wie behandelt werden muss, welche Ressourcen frei sind, in der Klinik, in der Stadt, in der ganzen Region. Christian Kleber, Unfallchirurg und bis 2015 Beratender Arzt für Katastrophenmedizin im Berliner Senat, hat mit Kollegen ein Schema erarbeitet, wonach Patienten in der Klinik standardisiert in Minutenschnelle klassifiziert werden können. Unabhängig davon hat Hans-Georg Jung in Frankfurt eine Software entwickelt, die in Echtzeit Patientenzuweisungen ermöglicht. Bei einer Live-Triage-Übung, die während der 2. Notfallkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) an der Uniklinik Frankfurt stattfand, kamen nun erstmals beide Systeme zusammen zum Einsatz.

Rot heißt: Schockraum

Nicht länger als zwei Minuten dauert die Sichtung eines Verletzten im Triageraum: Der Notfallmediziner Sebastian Wutzler lässt sich von einem Helfer die wichtigsten Fakten zum Patienten geben, checkt die Atmung, fragt nach Werten wie Sauerstoffsättigung und Blutdruck, begutachtet den Thorax, schaut nach offenen Wunden und ob es spritzende Blutungen gibt. Auch Becken, Bauch und Puls prüft er. Die Entscheidung fällt rasch: Rot heißt akute vitale Bedrohung, dem Patienten wird ein farbiges Pappkärtchen umgehängt, dann wird er in den Schockraum gefahren.

Ein Finger weist auf einen Computerbildschirm. Darauf ist eine Tabelle sichtbar.

Ivena zeigt alle eingehenden und gerade behandelten Notfälle einer Region - in Echtzeit. Krankenhäuser und Rettungsdienste sehen so auf einen Blick, wer noch Verletzte aufnehmen kann.

Quelle: Romy König

Nur selten huscht Wetzlers Blick zu einem Poster: Es zeigt das von Christian Kleber entwickelte Triage-Schema. „Rettungsdienste arbeiten schon länger mit solchen Sichtungsalgorithmen“, erklärt Kleber. Doch für die Klinik gab es derartige Standards bislang nicht. Gerade bei einem Terroranschlag muss aber damit gerechnet werden, dass sich viele Patienten selbst in die nächste Klinik schleppen oder von Helfern ins Krankenhaus gebracht werden, die erste Klassifizierung also dort und nicht beim Rettungsdienst stattfindet. Kern von Klebers Modell sind die standardisierten Triage-Schritte, für die er Parameter aus dem Rettungsdienst übernommen hat – „stark eingedampft von 50 auf 20 einfache und validierbare Diskriminanten –, um den Ärzten Zeit zu sparen.“

Auch Leitlinien hat er eingearbeitet. „So ist beispielsweise ein GCS-Score von weniger als 9 – der Score also, der Aussagen über das Bewusstsein gibt –, ein Intubationskriterium. Somit ist die Zuordnung zur Beatmung und zur Klassifikationsfarbe Rot klar.“ Aber auch Empfehlungen für Rahmenbedingungen gibt der Unfallchirurg in seinen Standards, die in einem Buch von 40 Seiten festgehalten sind. So müsse bei einer Sichtung ein Raum mit Nadelöhr-Charakter eingerichtet werden, „hier müssen alle Patienten im Einbahnstraßenverfahren durch“. Desweiteren braucht es Material wie Kleiderscheren, Pulsoximeter, Stethoskop und Tourniquets.

Belegung und Ressourcen in Echtzeit abrufbar

Während der Triage-Übung notiert eine Pflegekraft die wichtigsten Infos jeder einzelnen Sichtung: fortlaufende Nummer des Patienten, Alter, Geschlecht, Hauptverletzung. Über ein Tablet werden die Daten in das IT-System Ivena eingegeben. In Echtzeit werden darüber alle Vorgänge angezeigt – und zwar für jedes einzelne angeschlossene Krankenhaus: die Behandlungsdringlichkeit des jeweiligen Patienten, die Zeit seines Eintreffens, ob er im Schockraum oder am Herzkatheter weiterbehandelt, beatmet oder re-animiert wird. „Die Leitstelle, aber auch jede Klinik oder jeder Rettungsdienst sehen, wo es noch freie Ressourcen gibt“, erklärt Software-Erfinder Hans-Georg Jung.

Jung, der heute die Koordinationsstelle Ivena Hessen beim Frankfurter Gesundheitsamt leitet, entwickelte sein System ursprünglich nicht für Notfalleinsätze, sondern für die Disposition von Rettungsdiensten. Doch gerade bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) oder gar einem TerrorMANV bewährt sich ein solches digitales Überblicks-Tool besonders. Das sehen auch andere Regionen und Bundesländer so: Längst ist Ivena landesweit ausgerollt, der letzte hessische Landkreis wird in kurzer Zeit angeschlossen sein: 600.000 bis 700.000 Patienten werden dann in Hessen jährlich über das System verteilt. Auch Niedersachsen, Bremen und Brandenburg haben Ivena bereits eingeführt, Berlin und Schleswig-Holstein sind gerade dabei. „Und im nächsten Jahr planen auch die Sachsen, das System zu übernehmen“, so Jung. Er macht kein Geheimnis daraus, dass es nicht immer leicht gewesen sei, Rettungsdienste und Krankenhäuser von der Implementierung zu überzeugen. Nicht jeder sei bereit, seine Auslastung zu zeigen – in Echtzeit. „Das ist eine hochemotionale Geschichte“, so Jung. Und so mache er auch keine Kaltakquise, wie er sagt, sondern lässt die Länder auf sich zukommen.

Standards machen Schule

Christian Klebers Sichtungsalgorithmus zieht ebenfalls Kreise: Berliner Klinikärzte werden seit 2015 darin geschult. Auch nach Dresden, wo Kleber vor kurzem eine Facharztstelle in der Uniklinik angenommen hat, hat er sein System mitgenommen. „Außerdem hat sich die DGU entschieden, den Algorithmus ab sofort in ihr Kursprogramm aufzunehmen.“ Auch in Frankfurt, wo das Schema eigentlich nur in der Live-Triage-Übung zum Einsatz kommen sollte, wird es nun in den Regelbetrieb übernommen. „Verknüpft mit dem Ivena-System kommt hier was Gutes aus zwei Entwickler-Keimzentren zusammen“, so Kleber.

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