Pumpentherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes

Sichere und effektive Behandlung im Alltag

Tägliches Pieksen ade. Im deutschsprachigen Raum wird die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes mit Insulinpumpen behandelt.

Quelle: Fotolia/Robert Przybysz

Die Insulingabe per Pumpe ist für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes eine sichere Therapieform. Das konnten Forscher jetzt in einer umfangreichen Studie belegen. Wie die Ergebnisse zeigen, besitzt die Behandlung per Pumpe gegenüber der konventionellen Injektionstherapie sogar gewisse Vorteile – darunter ein geringeres Risiko für Blutzuckerentgleisungen und einen niedrigeren Insulinbedarf. von Ulrich Kraft

„Bei der Insulinpumpentherapie gab es in den letzten Jahren eine rasante Zunahme“, sagt Reinhard Holl vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm. Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes werde mittlerweile mit dieser Technologie behandelt, berichtet der Pädiater. „In der Altersgruppe unter sechs Jahren sind es sogar über 85 Prozent.“ Wie sicher und effektiv die Pumpenbehandlung ist, hat ein Forscherteam um Reinhard Holl und Beate Karges von der Uniklinik RWTH Aachen in einer umfassenden Studie analysiert, an der fast 20.000 junge Typ-1-Diabetiker beteiligt waren. Die Ergebnisse wurden jetzt im renommierten Fachmagazin JAMA veröffentlicht.

Beim Diabetes mellitus Typ 1, der häufigsten chronischen Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen, kommt es zu einem Untergang der insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. Deshalb sind die Betroffenen ihr Leben lang auf eine Behandlung mit Insulin angewiesen, das bei der herkömmlichen Injektionstherapie mehrmals täglich unter die Haut gespritzt werden muss. Alternative ist eine programmierbare Insulinpumpe, die den Körper über einen kleinen Katheter im Unterhautfettgewebe kontinuierlich mit dem blutzuckersenkenden Hormon versorgt. Das erspart den Patienten die unangenehme Piekserei und bietet darüber hinaus noch weitere Vorteile, wie Reinhard Holl erklärt. „Ein großes Plus ist die flexible Handhabung im Alltag“, sagt der Experte. „Mit der Pumpe kann man leicht auf veränderte Bedingungen reagieren.“ –  also beispielsweise darauf, dass ein zuckerkrankes Kind am Nachmittag Lust auf ein Eis bekommt. Statt einer zusätzlichen Injektion lässt sich dann die Menge des kurzwirksamen Insulins, das die Pumpe abgibt, einfach per Knopfdruck dem Bedarf entsprechend erhöhen.

Studienergebnisse zerstreuen Bedenken

Dass die Träger deshalb mehr essen und infolge dessen unerwünschter Weise an Gewicht zulegen, ist eine Sorge, die in Fachkreisen geäußert wird. Für Diskussionsstoff sorgt auch die Befürchtung vermehrter Ketoazidosen unter der Pumpentherapie. Zu diesen potenziell lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisungen kann es kommen, wenn der Katheter verstopft, abknickt oder herausrutscht und die Insulinzufuhr dadurch unterbrochen wird. Wie häufig schwere Unterzuckerungen auftreten, war bislang ebenfalls noch nicht abschließend geklärt. „Unsere Untersuchung gibt jetzt erstmals verlässliche Antworten auf diese Fragen“, sagt Reinhard Holl. Die Stärke der Studie sei die Größe, so der Experte. „Praktisch alle Diabeteszentren in Deutschland, Österreich und Luxemburg haben sich beteiligt.“

Maximal 20 Jahre alt und seit mindestens einem Jahr an Typ-1-Diabetes erkrankt- – so lauteten die Einschlusskriterien. Insgesamt verglich die Studie 9.814 Patienten, die eine Insulinpumpe benutzten, mit einer gleich großen Zahl von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die per Injektionstherapie behandelt wurde. Wie die Ergebnisse offenbarten, war die Rate schwerer Unterzuckerungen in der Pumpengruppe niedriger. Gleiches galt für die Anzahl der Ketoazidosen. Die Befürchtung, Pumpenträger würden vermehrt an Gewicht zunehmen, erwies sich ebenfalls als unbegründet. Auf der Habenseite stand zudem, dass die Pumpenpatienten bessere Langzeitblutzuckerwerte hatten und weniger Insulin benötigten.

Aufgrund der großen Teilnehmerzahl sind die Resultate repräsentativ für die Versorgungssituation in Deutschland, resümieren die Autoren. „Jetzt zu sagen, eine Insulinpumpe ist für alle Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes und zu jedem Zeitpunkt besser als eine Injektionstherapie, wäre aber die falsche Interpretation“, betont Reinhard Holl. „Bei der Therapiewahl muss immer die individuelle Situation berücksichtigt werden.“ So haben manche Betroffene oder deren Eltern grundsätzlich Vorbehalte gegenüber solchen technischen Hilfsmittel. Tritt der erste Freund oder die erste Freundin ins Leben, kommt es vor, dass die jugendlichen Patienten ihre Insulinpumpe nicht mehr möchten – weil ihre Erkrankung dadurch sichtbar wird oder weil sie das Gerät beim Sex als störend empfinden. Die zentrale Botschaft der Studie lautet, dass die Sicherheit und Effektivität der Pumpenbehandlung jetzt auf Populationsebene belegt ist, sagt Holl. „Damit geben wir Kindern, Eltern und Ärzten wichtige Informationen an die Hand, um über die geeignete Therapieform zu entscheiden.“

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Originalpublikation im JAMA

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