Alexander Wolff von Gudenberg und die Kasseler Stottertherapie

Facharzt, Forscher, Firmenchef

Alexander Wolff von Gudenberg vor der Kasseler Wilhelmshöhe. Hoch hinaus ging es auch für seine Kasseler Stottertherapie und die Sprachsoftware flunatic. Gudenberg ist selbst Betroffener und entwickelte in den vergangenen 20 Jahren die erfolgreichste Stottertherapie in Deutschland.

Quelle: Tim Gabel

Patienten der Kasseler Stottertherapie (KST) müssen das Gespräch suchen. Als Übung für die Praxis müssen sie Passanten in der Kasseler Fußgängerzone Fragen stellen. Eine davon heißt: "Glauben Sie, dass Stotterer alle Berufe ausüben können?". Alexander Wolff von Gudenberg hat die Frage für sich mit "Ja" beantwortet. Er ist Facharzt, Firmenchef und promovierter Forscher im Bereich Sprech- und Stimmstörungen. Vor 20 Jahren etablierte er die erste deutschsprachige Behandlungs-Software, die heute "flunatic" heißt. Inzwischen bietet er seine Online-Therapie sogar in Brasilien und Kuwait an. Sein Start-Up ist nach und nach zum Marktführer gewachsen. von Tim Gabel

Die erste Software, die erste App und die erste Onlinetherapie in Deutschland: Die Innovationen der Kasseler Stottertherapie sind nicht am Reißbrett entworfen worden. Sie sind zu jedem Zeitpunkt das Ergebnis einer Suche gewesen. Nach dem, was nötig und zum jeweiligen Zeitpunkt technisch möglich war, um das Stottern effektiv zu therapieren. Firmengründer Alexander Wolff von Gudenberg hat seiner eigenen Krankheit den Kampf angesagt. „Im Alter von vier Jahren begann mein Stottern mit heftigen Sprechblockaden“, sagt der KST-Chef. Sprachtherapeutische, krankengymnastische und medikamentöse Behandlungsversuche hätten kurzfristig Linderung verschafft. Aber die Erfolge seien genauso wenig nachhaltig gewesen wie die der psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Behandlungen, erzählt Wolff von Gudenberg.

Leidensweg: In 20 Jahren 12 verschiedene Therapien

Soziales Vermeideverhalten und Rückzugstendenzen: Alexander Wolff von Gudenberg erzählt, dass er als betroffener Schüler früher lieber Fahrkarten zu weiter entfernten Orte kaufte, wenn die leichter auszusprechen waren. Und an Verabredungen mit Mädchen war überhaupt nicht zu denken.

Quelle: Kasseler Stottertherapie

In der Schule und Jugendzeit zog er sich immer weiter zurück. Er sprach nur, wenn er absolut musste. Die Ärzte attestierten ihm ein „massives soziales und verbales Vermeideverhalten und Rückzugstendenzen“. Das sind typische Symptome bei starken Stotterern. Am Bahnschalter löste er zu der Zeit lieber Tickets zu weiter entfernten Städten, weil er den Namen seines Heimatortes nicht gut aussprechen konnte. „Das hat in diesen Jahren mein Leben bestimmt.“ Von Gudenberg wollte nicht aufgeben und studierte Medizin. Als Facharzt hatte er das Ziel das Stottern besser zu therapieren, als es bisher möglich war. „Von der Akupunktur bis zur Psychotherapie nach Adler. Ich habe in zwei Jahrzehnten zwölf Therapien ausprobiert."

Großer Markt: 800.000 Stotterer allein in Deutschland

„Glauben Sie, dass stotternde Menschen dümmer sind als andere Menschen?“ Das ist eine andere Frage, die Alexander Wolff von Gudenberg seine Schüler in der Fußgängerzone fragen lässt. Oft genug hat er in seinem eigenen Leben gespürt oder erlebt, dass viele Menschen diese Frage mit „Ja“ beantworten. Rund 800.000 Menschen in Deutschland leiden unter der Redeflussstörung, umgangssprachlich Stottern genannt. Mit dem Intellekt hat die neurologische Erkrankung nichts zu tun. Mehrere wissenschaftliche Studien zeigen, dass linksseitige Hirnfasern bei Stotternden strukturell verändert sind. Die Veränderung führt dazu, dass die linke Gehirnhälfte weniger aktiv ist als bei Normalsprechern.

Stotterer können sich nichts abgewöhnen, sie müssen sich umgewöhnen

Ein komplexer Mechanismus ist für das Sprechen verantwortlich. Das Zusammenspiel von Atmung, Stimmumgebung und Artikulation bricht bei Stotterern unter Stress zusammen.

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Die rechte Hirnhälfte schaltet sich ein, sie versucht, das Problem zu kompensieren. MRT-Aufnahmen zeigen dort eine höhere Aktivität. Das Gehirn muss den hochkomplexen Sprechvorgang steuern. Bei der Bildung eines einzigen Lautes arbeiten über 100 Muskeln zusammen: „Durch die zugrunde liegende neurologische Schwäche, die vererbt wird, kann das dafür notwendige komplexe Zusammenspiel von Atmung, Stimmumgebung und Artikulation unter Stress zusammenbrechen“, sagt von Gudenberg. Das kann jenseits des Vorschulalters nicht mehr geheilt werden. Aber man kann es erfolgreich kompensieren, indem man lernt, verlangsamt, weich und gebunden zu sprechen: „Man kann sich deshalb das Stottern nicht einfach abgewöhnen, sondern muss vielmehr diese andere Form des Sprechens sehr intensiv lernen“, sagt Gudenberg. Das ist die wissenschaftliche Grundidee, die Gudenberg beginnend mit seiner Dissertation zu einem sprechmotorischen Intensivprogramm entwickelt hat.

Kasseler Stottertherapie 1996 gegründet

Dreißig Jahre Selbsterfahrung führten 1996 zur Gründung der Kasseler Stottertherapie, dem Therapieanbieter für diese Sprechstörung. Die KST vermittelt eine Sprechtechnik, bei der extreme Verlangsamung, Lautdehnungen und sanfte Übergänge zwischen stimmhaften Lauten genutzt werden, um das Sprechen zu vereinfachen und als Folge zu verflüssigen. Es wird beispielsweise geübt, Konsonanten möglichst reduziert und ohne Druck zu sprechen. „Um diese neue Technik zu lernen, bedarf es eines sehr intensiven Sprechtrainings. Wenn man einmal in der Woche einen Logopäden besucht und in der Zwischenzeit nichts tut, dann wird auch das Stottern nicht nachhaltig besser“, sagt Gudenberg. Er wusste, dass er den Patienten etwas zur Verfügung stellen musste, mit dem sie auch unter der Woche in ihrem Alltag weiter ihre Sprechtechnik überprüfen und trainieren konnten.

Software als Wegbereiter für unternehmerische Erfolgsgeschichte

Zwei Jahre zuvor war er auf einem Kongress auf zwei israelische Computertüftler getroffen, die dort „Dr. Fluency“ präsentiert hatten. Eine Sprachsoftware, mit der Stotterer ihre Stimme als Kurve sehen und ihre Technik so während des Sprechens beobachten können. „Ich wusste sofort, das ist es“, sagt Gudenberg. Der Rest ist eine unternehmerische Erfolgsgeschichte: Die Software war eine perfekte Umsetzung des wissenschaftlichen Ansatzes des „weichen“ Sprechens. Gudenberg entwickelte die israelische Software zum deutschsprachigen Programm „flunatic“ weiter. 2004 brachte er sie auf den deutschen Markt. „Der Patient erhält mit flunatic ein sofortiges Feedback, ob sein Stimmeinsatz weich genug war, er erfährt etwas über die Silbendauer und ob die Übergänge zwischen den Lauten gebunden oder ungebunden waren“, erklärt Gudenberg.

Nicht auf dem Erreichten ausruhen

flunatic oder flunatic Junior für Kinder dient dazu, dass Patienten zuhause trainieren können, was sie in der Therapie gelernt haben. Inzwischen gibt es auch eine reine Online-Therapie.

Quelle: Kasseler Stottertherapie

Flunatic ist das, was Gudenberg in seiner Krankheitsgeschichte lange gefehlt hat. Es unterstützt die Patienten in der entscheidenden Phase der Nachsorge, beim Üben, Trainieren und Verfestigen von dem, was in den sprachtherapeutischen Sitzungen gelernt wird. Nicht auf dem Erreichten ausruhen, das ist das Entscheidende bei der Stottertherapie und die Maxime, die Gudenberg für sein unternehmerisches Schaffen seitdem aufgestellt hat. Zumindest nach dem zu urteilen, was er in den folgenden Jahren auf die Beine gestellt hat. 2008 hatte Gutenberg mit seinem Team den 1.000. Patienten behandelt. Knapp ein Jahr später startete der erste „FranKa“-Kurs. Ein Therapieprogramm für stotternde Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren, das gemeinsam von Mitarbeitern der Kasseler Stottertherapie und der Universität Frankfurt am Main entwickelt wurde. So entstand speziell für die Kindertherapie die Software „flunatic junior“. Weitere Standorte kamen dazu und die Kindertherapie-App „Fluxxy“.

Nach mehrjähriger guter Erfahrung mit der sogenannten „blended learning“-Variante der Kasseler Stottertherapie, einer Präsenztherapie mit Online-Nachsorge, ist seit Anfang 2012 die Teletherapie fester Bestandteil des Therapiekonzepts. Zusammen mit der Techniker Krankenkasse wurde ein Angebot entwickelt, das es Versicherten ermöglicht, die Therapie in einem virtuellen Therapieraum über die Dauer von einem Jahre online durchzuführen. „Ich arbeite eigentlich seit Beginn der Kasseler Stottertherapie mit den Krankenkassen zusammen. Sämtliche unserer Therapieangebote werden von den Kassen bezahlt. Meine Arbeit ist bekannt und ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen. So kam das Angebot einer reinen Online-Therapie zustande“, so Gudenberg.

Gudenberg begleitet die Therapie mit wissenschaftlichem Institut

Um die wissenschaftliche Begleitforschung der Kasseler Stottertherapie zu bündeln und für die Krankenkassen die Langzeitevidenz des Therapiekonzeptes zu belegen, hat Gudenberg 2011 das private Forschungsinstitut Parlo gegründet. Sein Partner bei diesem Projekt ist der Psychologie-Professor Harald Euler, der die Kasseler Stottertherapie als unabhängiger wissenschaftlicher Begleiter seit ihren Anfängen evaluiert. Diverse Projekte der Grundlagenforschung, aber auch der Therapieforschung wurden an Patienten der Kasseler Stottertherapie durchgeführt und von Parlo wissenschaftlich begleitet. So zum Beispiel auch Projekte der Hirnforschung mittels MRT in Kooperation mit den Universitäten Frankfurt und Göttingen, um die veränderte Neurologie des Stotterns auch wirklich zu belegen. Auch die Entwicklung der Plattform „freach“ für die OnlineTherapie der KST und die inzwischen als wirksam evaluierten Therapiekonzepte wurden vom Parlo Institut begleitet. Eines der neuen Projekte des wissenschaftlichen Instituts ist ein humangenetisches Projekt, in dem noch dezidiertere Nachweise der hohen Erblichkeit des Stotterns geliefert werden sollen.

Spitzenposition in Deutschland, grenzübergreifende Expansion

Bis 2013 haben Gudenberg und seine Mitarbeiter mehr als 2.500 Patienten therapiert. Das ist bundesweit die Spitzenposition in diesem Bereich. „Im vergangenen Jahr hatten wir unseren ersten Online-Patienten in Kuwait“, sagt Gudenberg und lacht. Auf seinem Laptop zeigt er ein Video. Darauf führt ein arabischer Mann in einem Einkaufszentrum Gespräche mit Verkäufern und wird zwischendurch online von einer Sprachtherapeutin im Institut in Bad Emstal auf Englisch geleitet und auf die jeweilige Sprechsituation vorbereitet. Auch ein Projekt in Brasilien hat die Kasseler Stottertherapie schon angestoßen.

Alexander Wolff von Gudenberg wollte sich selbst helfen und arbeitet inzwischen am Welterfolg seiner Therapie. Er hat von sich auf andere geschlossen. In seinem Fall war das die richtige Strategie.