Clips in der Neurochirurgie

Vom Metall zum Kunststoff

Daniel Lazic entwickelt im Unternehmen neue Produkte.

Quelle: VDITZ/ Inken Sarah Mischke
KMU-innovativ

Die Peter Lazic GmbH stellt Aneurysmenclips her und verkauft sie auf dem Weltmarkt. Mit einer innovativen Idee will sie die Behandlung revolutionieren - und so ihre Zukunft sichern. von Matthias Lehmphul

Der Clip wiegt nur 0,2 Gramm, kann aber Leben retten. Er entwickelt über seine Spannkraft einen Schließdruck, der fast ein 1.000-faches seines Eigengewichtes entspricht. Chirurgen klemmen damit Aussackungen von Blutgefäßen im Gehirn ab, sogenannte Aneurysmen. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie werden schätzungsweise 1.500 Patienten im Jahr bundesweit geclippt.

80 Prozent reine Handarbeit: Im Jahr produziert die Firma etwa 30.000 Clips und 350 Instrumente.

Quelle: VDITZ/ Inken Sarah Mischke

Die Peter Lazic GmbH bedient einen Nischenmarkt. Sie gehört zu drei Firmen weltweit, die  Aneurysmenclips herstellen. Im Jahr produziert das Familienunternehmen in Tuttlingen etwa 30.000 Clips und 350 Instrumente. Damit deckt es schätzungsweise zehn Prozent des Weltmarktes ab. „Wir verfügen über ein Know-how, dass man sich nicht so leicht aneignen kann“, sagt Daniel Lazic. Denn 80 Prozent ist reine Handarbeit. Die Peter Lazic GmbH entstand nicht ohne Grund in Tuttlingen. Im Südwesten Deutschlands, dort, wo das Wasser der Donau beginnt, in Richtung Süden zu rauschen, hat sich die Medizintechnik weltweit einen Namen gemacht. In der Kleinstadt produzieren Hersteller wie etwa Aesculap, Karl Storz, Berchtold, Smith & Nephew. Und der Ort zählt gerade einmal 34.873 Einwohner.

Systemlösung für optimale Behandlung

Medizintechnik wird in Tuttlingen mit Herzblut entwickelt und hergestellt. Unternehmer Daniel Lazic lebt diese Tradition voll und ganz. Der 34-Jährige ist für die Entwicklung von Produkten in der Peter Lazic GmbH verantwortlich. Wenn er über seine Arbeit spricht, dann blitzen Enthusiasmus und Pioniergeist in seinen Augen auf. Diese Charakterzüge sind wichtig, denn das Erfinden von neuen Produkten und Technologien ist ein kreativer Schaffensprozess, der einen langen Atem benötigt.

Die gesamte Familie Lazic arbeitet im Unternehmen (im Bild von links nach rechts): Andreas Lazic, Daniel Lazic, Rita Lazic, Peter Lazic und Sven Lazic.

Vor 14 Jahren stieg er in das Familienunternehmen ein. Schon mit elf Jahren tüftelte er zusammen mit seinem Vater Peter Lazic in der Garage. „Mein Vater hatte anfangs seine Firma im Keller, und wir haben darüber gewohnt. Das Geschäft war immer präsent, und wir Kinder waren immer dabei.“ Lazic strahlt Zufriedenheit aus, wenn er über seine Arbeit spricht. „Hier kann ich mich voll und ganz entfalten. Und wenn man sieht, dass seine eigenen Ideen erfolgreich sind und die Produkte, die man macht, gut sind, ist das Motivation genug.“

Mit einer Idee fing die Erfolgsgeschichte an – vor 25 Jahren. Sein Vater Peter Lazic entwickelte einen neuen Clip mit einem anderen Schließmechanismus. Er wurde nicht mehr von außen mit der Zange geöffnet, sondern von innen mit einem speziell dafür entwickelten Werkzeug aufgespreizt. Bei der Neurochirurgie kommt es oft darauf an, wie ein Operateur sein Werkzeug mit den Händen führt. Es ist Millimeterarbeit. Schritt für Schritt. „Licht und Sicht sind für den Neurochirurgen ganz endscheidend. Wir operieren durch enge Korridore in der Tiefe des Gehirns“, sagt Gerrit Fischer, Geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums des Saarlandes. Dort legen die Operateure meist einen zwei Euro großen Zugang über die Augenbraue. „Die Instrumente, die wir verwenden, dürfen uns in dem Tunnel nicht die Sicht nehmen.“ Um einen möglichst störungsfreien Blick zu ermöglichen, sind sie bajonettförmig angewinkelt und sehr schlank. Werkzeug und Clip bilden eine Systemlösung.

Von der Garage auf den Weltmarkt

Die wesentliche Grundfunktion müssen alle Clips erfüllen: Chirurgen müssen sie wieder öffnen und verschließen können. „Es kann sein, dass der Clip nicht richtig sitzt und er deshalb umgesetzt werden muss“, sagt Oberarzt Fischer. Es hänge bei der OP vom Blickwinkel des Chirurgen auf das Operationsfeld, von seinen Händen und von dem Zugang zum Aneurysma ab, welche Clips er letztendlich verwende.

35 Mitarbeiter stellen die Clips her.

Quelle: VDITZ/ Inken Sarah Mischke

Aufgrund der immer etwas anderen Anatomie ist die Operation eine große Herausforderung. „Kein Gefäßbaum gleicht dem anderen“, sagt Fischer. Und kein Aneurysma gleiche deshalb dem anderen. „Von dem Operateur ist ein hohes Maß an Kreativität gefordert. Es geht ja nicht nur darum, das Aneurysma abzuklemmen, sondern eben auch den normalen Gefäßverlauf zu rekonstruieren und den Blutfluss dabei offen zu halten.“ Dabei sei es oft notwendig, mehrere Clips zu setzen, um einen Weg zu „basteln“, erläutert der Neurochirurg. Deshalb unterscheiden sich die Titan-Klammern auch in ihrer Biegung und Länge. Über 350 Modelle bietet Lazics Produktpalette: Mini-Clips, Standard, Permanent, Non-Permanent, Booster-Clips, Giant-Clips, 3,8 Millimeter bis 40 Millimeter in unterschiedlichen Formen – gerade oder gekrümmt. Jeder einzelne Clip einer Baureihe ist mit einer eindeutigen Seriennummer gekennzeichnet.

Aus dem südwestdeutschen Start-up in der Garage entwickelte sich in den vergangenen 25 Jahren ein erfolgreiches Unternehmen, das einen Weltmarkt bedient. Das es trotzdem klein geblieben ist, macht den Erfolg des Unternehmens aus: „Innovationen werden durch Bürokratie gebremst. Große Unternehmen reagieren oft langsamer auf Kundenwünsche.“ Vater Lazic errichtete den Firmensitz vor wenigen Jahren direkt neben dem Wohnsitz seiner Familie. Dort produzieren jetzt 35 Mitarbeiter Clips und Werkzeuge für die Neurochirurgie.

Revolutionärer Prototyp

Die Ideen werden zunächst auf dem Computer entwickelt.

Quelle: VDITZ/ Inken Sarah Mischke

Eine neue Idee soll auch die Zukunft des Unternehmens absichern. Bislang erfordert das Clipping regelmäßige Nachuntersuchungen über Katheter und Computertomographie, die mit zusätzlichen gesundheitlichen Belastungen und Risiken verbunden sind. Die Mediziner können das Areal direkt um den Clip herum nicht mithilfe des Magnetresonanztomographie bewerten, da die Implantate Schatten werfen und so die Bilder verzerren. Neurochirurgen reden auch von sogenannten Artefakten. Daniel Lazic arbeitet an einem Prototyp, der dieses Problem beheben soll. Kern der Entwicklung ist das Material. Der neue Clip soll aus Kunststoff sein und die gleichen Qualitäten hinsichtlich des Schließdruckes wie sein Vorgänger aus Titan haben. Das Material dazu entwickelt das Frauenhofer Institut für Produktionstechnologie. „Diese Technologie würde die Nachbehandlung von Patienten mit Aneurysmen revolutionieren. Denn dadurch würde die aufwendige Diagnostik reduziert und die Patienten schonender behandelt.“

Über ein 3-D-Drucker werden erste Modelle entworfen.

Quelle: VDITZ/ Inken Sarah Mischke

Lazic nimmt sich viel Zeit, um Erfahrungen und Ideen zu sammeln. Das sei die Basis für jede neue Entwicklung. „Wenn ich ein neues Produkt ausprobiere, gehe ich in den OP. Ich möchte sehen, ob der Chirurg damit zufrieden ist“, sagt Lazic. „Einen Clip aus Kunststoff gibt es noch nicht. Wir haben auch keine Daten, auf die wir zurückgreifen können. Das ist alles Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Wir wollen herausfinden, ob es funktioniert.“ Die größte Herausforderung: Es soll eine Feder aus einem Faserverbundkunststoff hergestellt werden. Dieser Kunststoff habe ganz andere mechanische Eigenschaften als Metall. Die Kunststoffclips müssen aber genau den gleichen Druck aufbauen können wie die Metallclips, die derzeit in der Chirurgie angewendet werden.

Mittlerweile gibt es auch endovaskuläre Verfahren, die das Aufschneiden der Schädeldecke unnötig machen – sofern es die Art und Lage des Aneurysmas zulassen. Gefäßspezialisten schieben dabei über die Leiste einen Katheter direkt in die Gefäßstrukturen des Gehirns. Über diesen so genannten endovaskulären Zugang können die Ärzte Stents in die beschädigten Gefäße setzen oder die Blutsäcke mit Metallspiralen – sogenannten Coils – ausfüllen.

Entwicklung im OP

Das offen chirurgische und die endovaskulären Verfahren haben Vor- und Nachteile. „Das Coiling und Stenting dichtet oft nicht hundertprozentig ab“, sagt Gerrit Fischer. Etwa 20 Prozent aller Patienten müssten nachbehandelt werden. Und deshalb müssten diese Patienten auch öfter endovasculär nachuntersucht werden – also zur Katheterbehandlung in die Klinik.

Gerade bei jungen Patienten entscheiden sich die Neurochirurgen deshalb häufiger für das Clipping. Allerdings kann nicht immer geclippt werden. Denn je tiefer das Aneurysma im Gehirn liegt, desto schwieriger werden offene Operationen – denn es fehlt dann zunehmend der Überblick auf das Operationsfeld und das umliegende Gewebe kann folgenschwer verletzt werden. Zudem entschiede, so Fischer, auch der Grad der Spezialisierung der neurochirurgischen Zentren, ob die Operateure eher clippen, coilen oder stenten.

„Ich möchte meine Patienten so gut behandeln, wie es nur geht. Dazu gehört auch, jede Operation zu reflektieren und zu schauen, was ich besser machen kann“, sagt der Oberarzt. Für Fischer sei deshalb die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen sehr wichtig. „Glücklicherweise habe ich die Firma Lazic, mit der ich über Ideen sprechen kann und die mich fragen, ob eine Entwicklung Sinn macht oder eben nicht.“ Allerdings hänge die Messlatte für einen Kunststoffclip sehr hoch. „Er wäre nichts weniger als ein Quantensprung in der Neurochirurgie“, sagt Fischer. Denn die Nachbehandlung würde erheblich verbessert. Die Strahlenbelastung und Katheteruntersuchungen fielen weg. „Derzeit sind wir darauf angewiesen, Bilder über die Katheterangiografie zu erhalten. Denn die Clips wie die Coils verzerren die Kernspinnbilder genau dort, wo wir die Gefäße begutachten müssen.“

Zusammenarbeit mit Projektpartnern

Das Unternehmen investiert in die Entwicklungsarbeit, um mit ihren Innovationen am Markt konkurrenzfähig zu bleiben. „Innovation ist der Motor, der uns am Leben hält. Wir sind immer sehr engagiert und interessiert, neue Dinge auszuprobieren. Deshalb entwickeln wir den Kunststoffclip. Für uns als kleine Firma wäre dies ein sehr großer innovativer Fortschritt“, sagt Lazic. Der Kunststoffclip könnte aber auch floppen – und Lazics Arbeit in der Mülltonne landen. Ein derartiger Aufwand und ein damit zusammenhängendes Risiko sind für Mittelständler oft kaum finanzierbar. „Das interessante an diesem Projekt ist ja, dass es entwicklungs- und forschungsintensiv ist. Wir können das nicht allein, deshalb ist eine Zusammenarbeit mit Projektpartnern sinnvoll.“ Bevor diese Innovation auf den Markt kommt, wird noch viel Wasser der Donau durch Tuttlingen fließen. „Sollten wir einen Prototyp haben, der allen Anforderungen entspräche, bräuchten wir für die Zulassung etwa zwei Jahre.“

© Medizintechnologie.de

Weitere Inhalte

  • Informationsdienst
  • Akteursdatenbank
  • Veranstaltungen