Medizintechnik für die Krebstherapie

Den Tumor ins Herz treffen

Innovationen in der Medizintechnik sorgen dafür, dass die Tumorzellen im menschlichen Körper immer effektiver und zielgerichteter angegriffen werden können.

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Ob Chemotherapie, Bestrahlung oder Chirurgie – die Art und Weise wie noch vor wenigen Jahren gegen bösartiges Tumorgewebe vorgegangen wurde, glich eher einem Schrotschuss als einem präzisen Angriff auf die wuchernden Zellen. Heute befindet sich die Onkologie in einem rasanten Wandel. Treiber des Fortschritts sind vor allem neue Entwicklungen aus der Medizin-, Bio- und Informationstechnik. Tumorgewebe soll zukünftig besser erkannt und dargestellt werden, Therapien sollen gezielter wirken und gesundes Gewebe besser geschont werden können. von Dr. Lisa Kempe

Die enorme „Schärfe“ der Partikelstrahlung erfordert Technik, die präziser denn je arbeitet. Das reicht von bildgebenden Verfahren für die Therapieplanung bis hin zur millimetergenauen Lagerung des Patienten.

Die weltweit einmalige Konstruktion aus Stahl ist 670 Tonnen schwer, 25 Meter lang, 13 Meter im Durchmesser und drei Stockwerke hoch.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Teilchenbeschleuniger sind hochkomplexe und in der Anschaffung sehr teure Strahlentherapieanlagen. Allein die Dimensionen sind beeindruckend: Die Schwerionen-Anlage am HIT reicht über drei Stockwerke. „Die Gantry ist eine 600 Tonnen schwere Konstruktion zur Strahlführung, die mit Submillimeterpräzision justiert werden kann. Hierbei rotiert die gesamte Gantry um den Patienten und bestrahlt aus mehreren Winkeln mit der vorgegebenen Strahlenintensität. Damit haben wir das weltgrößte Medizinprodukt im Einsatz“, erklärt Thomas Haberer, wissenschaftlich-technischer Direktor am HIT. Patienten können in Heidelberg derzeit mit Protonen und Kohlenstoffionen bestrahlt werden. Zukünftig besteht die Möglichkeit, dass Helium und Sauerstoff dazu kommen.

Zu den Innovationen, die die Wissenschaftler des GSI gemeinsam entwickelten, gehört das intensitätsmodulierte Rasterscan-Verfahren. Ausgangspunkt für die Therapieplanung ist dabei eine Computertomografie, die eine dreidimensionale Darstellung des Tumors erlaubt. Damit errechnet eine spezielle Software ein millimetergenaues Raster, das die Eindringtiefe der Strahlung und die höchstmögliche Strahlendosis definiert. Der intensitätsmodulierte Ionenstrahl tastet dieses Raster ab und verweilt so lange auf einem Punkt, bis die zuvor berechnete Strahlendosis erreicht ist. Bei dem Verfahren kann die Eindringtiefe der Strahlung millimetergenau über eine Spannbreite von 20 bis 300 Millimetern variiert werden. Der Therapiestrahl selbst deckt eine Breite von vier bis zehn Millimetern ab, die Abweichungen vom Ziel betragen höchstens einen Millimeter. Mit dem Raster-Scan-Verfahren gelang es Haberer und seinen Kollegen, das bis heute präziseste Verfahren zur Bestrahlung mit Ionen zu entwickeln.

Weltweit wächst die Zahl der Zentren für die Ionentherapie. In über 50 Anlagen zur Protonentherapie wurden bereits über 100.000 Patienten behandelt. Noch neu ist die Bestrahlung mit Kohlenstoffionen: In den acht existierenden Anlagen, die in Deutschland, Japan, Italien und China stehen, erhielten rund 12.000 Patienten seither eine Therapie. Jüngstes Mitglied in Deutschland ist seit Oktober 2015 das Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum (MIT), in dem pro Jahr – ebenfalls unter der Leitung von Haberer und Debus – die Therapie von rund 750 Patienten geplant ist.

Vom Roboter betriebene Hightech-Patientenliege

Bestrahlungsplatz in der Gantry des Heidelberger Ionenstrahltherapiezentrums, bei der der Strahl dank beweglicher Gantry aus jedem Winkel auf den Patienten treffen kann.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Die Bestrahlung mit weniger Streuverlusten erfordert von der Technik eine äußerst präzise Einstellung auf das Zielgewebe und somit auch eine exakte Positionierung des Patienten. Selbst wenn Patientenliege und Bestrahlungseinheit exakt aufeinander abgestimmt sind und der Patient fixiert ist – im Körperinneren ist vieles in Bewegung. Tumore in  der Lunge, aber auch in Organen, die unter dem Zwerchfell liegen, wie Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse verschieben sich mit jedem Atemzug. Wenn das Tumorgewebe dadurch aus dem Bestrahlungsfeld rückt, wird gesundes Gewebe angegriffen. Das wird vor allem zum Problem, wenn besonders strahlenempfindliche Strukturen in der Nachbarschaft liegen. Der Prototyp einer Patientenliege, die während der Bestrahlung die Bewegungen der Organe ausgleichen kann, ist jetzt im Uniklinikum Aachen im Probebetrieb. Sie ist das Ergebnis des Verbundprojektes RoPaRa (Robotergeführte Patientenliege für den Einsatz in der Radiotherapie), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zwei Jahre lang mit 1,5 Millionen Euro gefördert wurde. Ausgangspunkt des Systems ist ein Industrieroboter auf dem die Patientenliege montiert ist.

Bewegung synchronisieren um punktgenau zu treffen

Matthias Buck, Geschäftsführer der Buck Engineering & Consulting GmbH (BEC) und Projektkoordinator von RoPaRA, erläutert die Funktionsweise: „Die Herausforderung bei dem Projekt war die Entwicklung eines hochempfindlichen Sensor- und Detektionssystems in Kombination mit einem mehrstufigen Verfahren, das die Organbewegungen vorhersagen kann.“ Ausgangspunkt ist ein Diagnose-CT, anhand dessen das System die Bewegungen der Organe am Zielort und die Bewegungen des Tumors kennenlernt. Damit wird ein Korrelationsmodell erstellt. Es bringt die Bewegungen im Köperinnern mit den Bewegungen, die das Sensorsystem bei der Atmung an der Körperoberfläche registriert, in Einklang. „Auf Basis dieses Korrelationsmodells kann das System während der Therapie die Bewegungen an der Oberfläche ablesen und zusammen mit einer zeitlichen Komponente, die Bewegungen des Tumors vorhersagen. Der Industrieroboter wird dann so angesteuert, dass die Patientenliege die Bewegungen des Tumors ausgleicht“, erläutert Buck.

Ingenieure und Mediziner müssen Hand in Hand arbeiten

Die Hightech-Patientenliege Exacure

Quelle: EBG MedAustron GmbH | Buck Engineering & Consulting GmbH

An dem Projekt RoPaRa sind sowohl Forschungsinstitute als auch deutsche Medizintechnik-Unternehmen beteiligt. So konnte ein interdisziplinäres Team mit Ärzten, Physikern und Elektrotechnikern zusammengestellt werden: Experten für Robotik, Messtechnik sowie ein Spezialist für Carbonfaserverstärkten Kunststoff (CFK), der für das Design der Patientenliege verantwortlich ist, haben ihr Knowhow eingebracht. „Wir hatten tolle Partner bei dem Projekt. Die Vorarbeiten für RoPaRa hatte die RWTH Aachen ja schon geleistet. Gleichwohl ist es eine Herausforderung sieben Projektpartner zu koordinieren. Aber wir haben die schwierigsten Hürden jetzt gemeistert. Das waren die Schnittstellen zwischen den Teilsystemen“, erklärt Buck.

Die im Rahmen von RoPaRA entwickelten Produkte benötigen eine Zulassung nach dem Medizinproduktgesetz, außerdem muss die Maschinenrichtlinie befolgt werden. „Mein Rat an alle, die ein Medizinprodukt entwickeln möchten: die benannten Stellen so früh wie möglich in den Prozess mit einzubeziehen. Wir haben dreieinhalb Jahre für die Entwicklung und Zulassung von „Exacure“ gebraucht. Das neue System für die Patientenpositionierung in der Strahlentherapie versucht BEC nun am Markt zu etablieren. Wir hoffen auf die Innovationsbereitschaft bei den Betreibern der Strahlentherapieanlagen“, resümiert Buck.

Mehr im Internet:

Homepage des Weltkrebskongresses

World Cancer Declaration Progress Report 2016

Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die mit einer Krebserkrankung leben. Über die Hälfte erhält im Verlauf eine Strahlentherapie. Die Partikel-Therapie gehört zu den jüngsten technischen Spitzenleistungen in der Radioonkologie.

Der Fokus bei der Krebsforschung dürfe nicht nur auf den Arzneimitteln liegen, fordern Experten.

Quelle: Fotolia

Nach Schätzungen sterben jährlich rund acht Millionen Menschen weltweit an Krebs. Diese Zahl soll in noch nicht einmal zehn Jahren auf sechs Millionen ansteigen, warnen Experten anlässlich des Weltkrebskongresses 2016 Anfang November in Paris. Grund dafür seien das Wachstum und die Alterung der Bevölkerung, heißt es in einem Bericht, den die American Cancer Society in Paris vorstellte. Professor Dr. Richard Sullivan vom King’s College London wies vor Ort auf einer Podiumsdiskussion darauf hin, dass es im Hinblick auf die begrenzten Ressourcen der Gesundheitssysteme immer schwieriger werde, dem wachsenden Bedarf an Krebstherapien nachzukommen. „Von den weltweiten Forschungsgeldern fließen derzeit 56 Prozent in die Entwicklung von Arzneimitteln und Biomarker“, erklärte Sullivan. Medikamente deckten aber nur einen Bereich der Krebstherapien ab. Er forderte deshalb einen Paradigmenwechsel: Der Fokus dürfe nicht nur auf den Arzneimitteln liegen, sondern die gesamte Bandbreite der Krebsbehandlungen müsse berücksichtigt werden.

Innovationstreiber Strahlentherapie

Die Strahlentherapie ist, neben der Tumorchirurgie und der medikamentösen Therapie, eine der drei Säulen in der Behandlung von Krebserkrankungen. Mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen haben viele bahnbrechende Entwicklungen in der Radiologie ihren Anfang in Deutschland genommen. Bis heute treibt die Anwendung von Röntgen- oder Ionen-Strahlung in Diagnostik und Therapie zahlreiche technische Innovationen voran. Kristallisationskeim in Europa für die Krebstherapie mit Ionenstrahlen, auch Partikeltherapie genannt, ist das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt. Anfang der 1980er Jahre baute Gerhard Kraft dort eine biophysikalische Forschungsabteilung auf, mit dem Ziel, ein extrem treffsicheres Bestrahlungsverfahren zu entwickeln.

Professor Dr. med. Jürgen Debus, Ärztlicher Direktor des HIT.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg/Debus

Rund 20 Jahre dauerte die Entwicklung eines Teilchenbeschleunigers für die Medizin ausgehend von den physikalischen und biologischen Grundlagen bis zur klinischen Anwendung. Bis zum Jahr 2008 hatten die Darmstädter in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Heidelberg über 400 Patienten mit Tumoren im Kopf- und Halsbereich mit Ionenstrahlen erfolgreich behandelt. Die hier gewonnenen Erkenntnisse über die große Präzision und hohe biologische Wirksamkeit von Ionenstrahlen führten schließlich zum Bau des Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrums (HIT), das im Jahr 2009 seinen Betrieb aufnahm.

„Von der Ionenstrahlung können heute vor allem Patienten profitieren, bei denen das Tumorwachstum mit der konventionellen Strahlentherapie nicht gestoppt werden kann. Zum Beispiel weil es technisch unmöglich ist, eine ausreichend hohe Strahlendosis zu verabreichen ohne im gleichen Zuge gesundes Gewebe im Eintrittskanal des Strahls dabei zu schädigen“, sagt Professor Dr. med. Jürgen Debus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Universitätsklinikum Heidelberg und am HIT. Die herkömmliche Bestrahlung wird problematisch, wenn Tumoren tief im Körper lokalisiert sind oder wenn sie nur wenig auf Röntgenstrahlen ansprechen. Befindet sich auf dem Weg zur Zielregion besonders strahlenempfindliches Gewebe, wie zum Beispiel im Kopfbereich oder in der Darmregion, wird dieses durch Ionenstrahlen besser geschont. Denn bei Eintritt in das Gewebe geben die Partikel zunächst wenig Strahlungsenergie ab. Präzise auf den Tumor fokussiert, dem sogenannten Bragg-Peak, erfolgt dann eine hohe lokale Dosisabgabe erst im Zielgewebe. Ein weiter Vorteil: Schwerionen, wie z.B. Kohlenstoffionen sind bei bestimmten Tumorarten biologisch wirksamer.

Ionenstrahlung ist längst noch keine Routine

Horizontaler Behandlungsplatz mit robotergesteuertem Patiententräger und drehbarem Computertomographen im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Die therapeutische Anwendung von Protonen- oder Schwerionen ist in vielen Indikationen längst noch keine Routine – die klinische Forschung läuft auf Hochtouren. Aber es gibt bereits vielversprechende Studienergebnisse für eine Reihe von Tumorarten. Diese zeigen, dass die Bestrahlung mit Ionen zu einem besseren Langzeitüberleben führen kann. So zum Beispiel bei Tumoren, die die Schädelbasis betreffen: Für Chondrosarkome lag in den Studien die lokale Tumorkontrollrate nach vier Jahren bei 89,8 Prozent, bei Chordomen nach fünf Jahren bei 70 Prozent. Auch bei bösartigen Speicheldrüsentumoren liegen nun erste Langzeitstudien vor: Das Überleben nach fünf Jahren betrug bei Patienten mit zusätzlicher Kohlenstoffionen-Bestrahlung 76,5 %, hingegen bei Patienten mit konventioneller Bestrahlung 58,7%.

„Kinder können besonders von der Behandlung mit Protonen profitieren, da die Bestrahlung mit Ionen auf Grund ihrer physikalischen Eigenschaften effektiver ist und zudem das Normalgewebe besser geschont wird. Somit erwarten wir ein geringeres Risiko für Langzeitnebenwirkungen wie Sekundärmalignome“, erläutert Debus. Die Experten gehen davon aus, dass über kurz oder lang rund zehn Prozent der Krebspatienten von einer Partikeltherapie profitieren können. „Die geringeren Nebenwirkungen und die besseren Langzeitüberlebenszeiten überzeugen“, berichtet Debus über seine Erfahrungen am HIT. „Für verschiedene andere Erkrankungen wie beispielsweise Prostata-, Leber- und Knochentumore laufen derzeit klinische Therapiestudien, die zeigen werden, für welche weiteren Patientengruppen diese Hightech-Bestrahlungsform hilfreich sein kann“.

Mehr im Internet:

Technik im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum

Buck Engineering & Consulting: Industrie-Roboter für die Medizintechnik

Chirurgen bekommen mehr und mehr technische Unterstützung im Operationssaal: Roboter, die das Skalpell halten, Computer- und Magnetresonanz-Tomographen, die gleich neben dem OP-Tisch stehen

Bei dem Projekte STIMULATE unterstützen bildgebende Verfahren operative Eingriffe, bei denen miniaturisierte Instrumente durch kleinste Schnitte in den Körper gelangen.

Quelle: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Die Unterscheidung von gesundem und krankem Gewebe ist in der Tumorchirurgie nicht immer einfach. Die Tumorgrenzen lassen sich während der Operation mit bloßem Auge oft kaum erkennen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird gesundes Gewebe großzügig entfernt, damit kein wucherndes Gewebe zurückbleibt. Deutlich schonender für Patienten sind minimal-invasive Eingriffe per Endoskop. Mediziner und Medizintechniker haben sich im Magdeburger Forschungscampus STIMULATE (Solution Centre for Image Guided Local Therapies) zusammengetan, um bildgeführte minimal-invasive Diagnose- und Therapiemethoden so weiterzuentwickeln, dass sie individuell auf die Patienten zugeschnitten werden können.

Das Verbundprojekt, das fünf Jahre lang mit rund zehn Millionen Euro gefördert wird, ist als eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, der Siemens AG Healthcare und dem STIMULATE Verein e. V. organisiert. Die Universität bündelt fachübergreifend die Expertisen aus Medizin, Ingenieur- und Naturwissenschaften. Das Prinzip dahinter: Ärzte definieren aus der Krankenversorgung heraus den konkreten medizinischen Bedarf. Ingenieure und Mediziner setzen die Erkenntnisse in passgenaue Lösungen um. Die industriellen Partner engagieren sich für die Umsetzung der Entwicklungen in marktfähige Medizinprodukte. Die Partner wollen das Projekt in enger Zusammenarbeit innerhalb von zehn Jahren als „Deutsches Zentrum für bildgestützte Medizin“ in Magdeburg etablieren.

Durchs Schlüsselloch zum Tumor navigieren

Eine äußerst exakte Arbeit wird vom Chirurgen verlangt, wenn er an der Wirbelsäule operiert. Hierfür plant das STIMULATE-Konsortium einen roboter-gestützten Operationsraum, in dem hochpräzise Therapien von Tumoren und Metastasen der Wirbelsäule vorgenommen werden können. Bestandteile sind ein Angiographiesystem, ein Leichtbauroboter und ein Navigationssystem für die bildgestützte minimal-invasive Therapie mittels Radiofrequenzablation (RFA). Im Fokusbereich Onkologie wollen die Magdeburger darüber hinaus einen integrierten Operationsraum mit vielseitig verfügbaren Magnetresonanz-Tomographen aufbauen. Die bildgestützte minimal-invasive Diagnostik und Therapie von Tumoren und Metastasen des Abdomens, insbesondere der Leber soll dort zunächst am Modell demonstriert werden.

Inbetriebnahme der neuen Angiografie-Anlage mit Dr. Heinrich Kolem, Professor Frank Wacker und Dr. Andreas Tecklenburg (von links)

Quelle: MHH/Kaiser

Mit minimalinvasiver Lebertherapie beschäftigen sich auch Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die ebenfalls am Forschungscampus STIMULATE beteiligt sind. Vor wenigen Tagen haben sie eine roboterbasierte Angiografie-Anlage in Betrieb genommen. Der Hersteller hat das Gerät namens ARTIS pheno im November erstmals für den klinischen Betrieb im Krankenhaus installiert. Schon bei der Entwicklung der Angiografie-Anlage waren die Mitarbeiter der MHH involviert. Ihr Ziel: Komplexe minimalinvasive Behandlungen mit Unterstützung von Robotertechnik zu verbessern. Voraussetzung dafür war die deutliche Verringerung der Strahlendosis bei verbesserter Bildgebung.

„Dreidimensionale Gefäßbilder lassen sich mit dem ARTIS pheno in bisher unerreichter Geschwindigkeit und hoher Detailtreue erzeugen“, berichtet Professor Dr. Frank Wacker, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie. „Damit erkennen wir beispielsweise bei Lebertumoren die kleinsten Gefäße, können diese sicher aufsuchen und darüber den Tumor gezielt behandeln.“ ARTIS pheno besitzt eine Detektortechnologie mit einem Format von 30 mal 40 Zentimetern – bislang eine nicht erreichte Größe. Damit werden Computertomografie-ähnliche Bilder aller Körperregionen möglich und das bei sehr kurzen Aufnahmezeiten und ohne zu verwackeln. Der Arzt kann bei jedem Patienten individuell entscheiden, in welchen Gefäßast er abbiegen muss, um die Behandlung durchzuführen.

Professor Dr. Bernhard Meyer, Leitender Oberarzt und Bereichsleiter der Interventionellen Radiologie berichtet über seine Erfahrungen mit dem System: „Mit der neuen Navigationstechnik können wir auch die minimalinvasive Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung sehr gezielt durchführen. Hierbei spritzen wir durch einen Katheter in der Schlagader winzige Kunststoffkügelchen direkt in die Prostataarterien ein. Dies reduziert die Durchblutung der Drüse, die Prostata schrumpft, und die Beschwerden werden gelindert. Die Navigation erlaubt es, besonders genau zu arbeiten.“ Die Radiologen der MHH sind deutschlandweit in Forschungsprojekte eingebunden, die insbesondere die Entwicklung minimal-invasiver bildgestützter Therapien vorantreiben.

Krankheitsverlauf im Visier der Medizintechniker

Im vom BMBF geförderten Projekt PANTHER wird eine Analysesoftware entwickelt, die auf Basis von Computertomografie-Bildern besondere Merkmale von Tumoren errechnet und für Mediziner visualisiert. Dis Visualisierung soll bei der Therapieplanung helfen.

Quelle: Siemens Healthcare GmbH

Woran erkennen Onkologen den Erfolg einer Tumorbehandlung? Die Beurteilung, ob eine Chemotherapie anschlägt, basiert bislang im Wesentlichen auf der Tumorgröße. Für eine frühzeitige Therapieplanung reicht es nach Ansicht von Experten aber nicht aus, darauf zu warten, dass der Tumor sichtbar schrumpft. Im Projekt patientenorientierte onkologische Therapieunterstützung (PANTHER) will das Team um den Projektkoordinator Michael Sühling, Siemens Healthcare, ein System entwickeln, das auf Basis von Computertomografie-Bildern eine präzise Therapieentscheidung zu einem früheren Zeitpunkt möglich macht. Zusätzlich zur Tumorgröße sollen weitere bildbasierte Tumoreigenschaften ausgenutzt werden, um eine präzisere Klassifizierung und eine bessere Überwachung des Krankheitsverlaufs zu erreichen. Merkmale des Tumors wie die dreidimensionale Form, das Ausmaß der Vaskularisation, die Gewebeheterogenität und therapie-assoziierte Dichteänderungen bieten vielversprechende Lösungsansätze.

Das Konsortium, dem das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin (MEVIS) in Lübeck, die MeVis BreastCare GmbH, Bremen, die Siemens Healthcare GmbH und das Klinikum der Universität München angehören, will während der dreijährigen Projektlaufzeit verschiedene Technologien zusammenführen: Verfahren für die automatische Bildanalyse sollen mit einem Expertensystem kombiniert werden, in das Versorgungs- und Erfahrungsdaten einfließen. Wenn durch die kombinierte Technologie Veränderungen des Tumors besser sichtbar gemacht werden können, sollte der Erfolg oder Misserfolg einer Therapie bereits nach kurzer Zeit bewertet werden können. Ein Therapiewechsel zu einer wirksameren Therapieoption wird dadurch früher möglich werden.

Mehr im Internet:

Forschungscampus STIMULATE

Das medizinische Wissen über Krebserkrankungen ist in den letzten Jahren schier explodiert. Genomics und Big Data halten Einzug im klinischen Alltag

Die personalisierte Medizin mit Therapien, die individuell auf den Patienten abgestimmt sind, fällt vor allem in der Onkologie auf fruchtbaren Boden. Denn Chemotherapien können für Patienten sehr belastend sein, moderne gentechnisch hergestellte Krebsmedikamente für zielgerichtete Therapien sind teuer. Demnach ist es naheliegend, vorab zu prüfen, ob ein Patient tatsächlich auf die Behandlung ansprechen wird. Microarrays, Next Generation Sequencing (NGS) oder Real-Time-PCR (Polymerase Chain Reaction) sind nur einige Verfahren, die den technischen Fortschritt in den Diagnostik-Labors widerspiegeln. Damit sind heute ganze Genomanalysen in wenigen Tagen möglich. Die computergesteuerten Hochdurchsatz-Techniken haben dementsprechend auch die Kosten für die Analysen gesenkt. Sie sind auf dem besten Weg sich im klinischen Alltag zu etablieren. Wie das geht, zeigt die Indivumed GmbH, die bereits im Jahr 2002 in Hamburg gegründet wurde. Seitdem forscht und entwickelt das Unternehmen individualisierte Krebstherapien.

Jeder Patient und jeder Tumor ist anders

Jede Krebserkrankung, selbst wenn sie das gleiche Organ betrifft, hat eine eigene charakteristische molekulare Tumorbiologie. Das Team um Indivumed-Geschäftsführer Prof. Dr. med. Hartmut Juhl hat ein Verfahren entwickelt, mit dem aus dem vorhandenen Bestand an Krebsmedikamenten das bei dem jeweiligen Patienten am besten wirksame bestimmt werden kann. Der Schlüssel zum Erfolg des Unternehmens liegt in einer Tumorgewebebank in Kombination mit einer Datenbank. Ein klinisches Diagnostik-Labor übernimmt für Onkologen in Klinik und Praxis die standardisierte Probengewinnung während der Primär-OP. Denn anschließend kommt es auf die fachgerechte Einlagerung der Gewebe- und Blutproben an. Diese müssen langfristig und in ausreichender Menge im Verlauf der Krankheit und zur Therapieüberwachung für die Analytik zur Verfügung stehen.

Die IndivuTest GmbH wurde 2011 als 100-prozentige Tochtergesellschaft von Indivumed gegründet, um die noch wissenschaftlichen Verfahren zur Krebsuntersuchung den Onkologen in Klinik und Praxis zur Verfügung zu stellen. Als klinisches Diagnostik-Labor übernimmt IndivuTest die standardisierte Probengewinnung während der Primär-OP. IndivuTest kombiniert drei Untersuchungsmethoden, um den molekularen Veränderungen im Tumorgewebe auf die Spur zu kommen: Next-Generation-Sequencing, Immunhistochemie und Phophoprotein-Analytik. Anhand der daraus gewonnen Erkenntnisse über die jeweilige Tumorbiologie, beginnt die Suche nach Wirkstoffen, die diese Angriffspunkte zum Ziel haben. Profitieren können davon zurzeit Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen, bei denen die Standardtherapien nicht zum Erfolg geführt haben.
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Personalisierte Onkologie: IndivuTest

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