DGIM-Kongress 2016: Technische Revolution in der Inneren Medizin

Eine „virtuelle Leine“ für den Patienten

Internisten nutzen die Telemedizin zunehmend als „lange Leine“ für chronische Patienten. Sie soll die ärztliche Behandlung durch frühzeitige Beobachtungen verbessern aber keinesfalls den Arzt ersetzen.

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Der demographische Wandel braucht Innovationen: Das war das Motto des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Im Fokus stand dabei die medizinische Informationstechnologie, also telemedizinische Lösungen, Internetmedizin und Co.. Die Internisten sind sich einig, dass sie damit ein zusätzliches und wirkmächtiges Instrument für die Patientenbehandlung bekommen. Aber auch von Medizinprodukteherstellern erhoffen sich die Internisten verstärkt Innovationen. Sie fordern, dass im Gesundheitssystem die Bedingungen für eine technische Revolution geschaffen werden. von Tim Gabel

Markus Müschenich

Quelle: BVMed

In Mannheim diskutierten von Samstag an bis gestern Ärzte und Gesundheitswissenschaftler über die neuesten Erkenntnisse zur Behandlung internistischer Erkrankungen. Das Fazit: „Internetmedizin und medizintechnische Innovationen werden die Gesundheitsversorgung in einem Ausmaß verändern, wie etwa die Entdeckung der Röntgenstrahlen“, fasste der Berliner Mediziner Markus Müschenich in seinem Vortrag zu Entwicklungen und Trends der internetbasierten Medizin zusammen. In einzelnen Projekten sei das virtuelle Sprechzimmer schon Realität, so der Wissenschaftler. Im Mittelpunkt des 122. Internisten-Kongresses standen die Potenziale aber auch die Risiken, die innovative Medizintechnik und die Digitalisierung der Medizin ,im Kampf gegen die zunehmende Krankheitslast von immer älter werdenden Patienten, haben.

Technische Revolution ja, aber nicht am Patienten vorbei

Gerd Hasenfuß

Quelle: Healthcare in Europe

„In der heutigen Zeit treffen demographischer Wandel und die technische Revolution aufeinander. Ältere, multimorbide Patienten haben höhere Risiken bei operativen Eingriffen und müssen häufiger auch zuhause weiter betreut werden. Daher sind Innovationen gefordert, die den Anforderungen der Patienten gerecht werden“, sagte der DGIM-Vorsitzende Professor Gerd Hasenfuß in seiner Begrüßungsrede. Er forderte allerdings dazu auf, den Markt von Gesundheits-Apps und medizintechnischen Innovationen auf Qualität und Nutzen für Patienten zu prüfen. Der digitale Fortschritt müsse in eine bessere Versorgung für die Patienten münden und dürfe nicht einfach nur die Gesundheitssysteme mit zusätzlichen Kosten belasten

Minimalinvasive Implantationen bieten Chancen für ältere Patienten

Ein positives Beispiel für eine solche medizintechnische Innovation sei die katheterbasierte Implantation von Herzklappen, so Hasenfuß weiter: „Alte Menschen haben häufig eine Verengung an der Aortenklappe. Die konventionelle Operation ist bei diesen Patienten aber mit einer hohen Komplikationsrate und Sterblichkeit verbunden“, so der Kardiologe. Durch den katheterbasierten Eingriff könnten Ärzte jetzt eine effiziente, aber schonende Methode einsetzen.

Telemedizin als „kardiologisches Frühwarnsystem“

Sein Fachkollege, der Berliner Mediziner Professor Friedrich Köhler, gab auf der Konferenz einen Ausblick, wie Patienten mit chronischen Herzerkrankungen in Zukunft auch zuhause sicher versorgt werden können, und zwar so, dass es erst gar nicht zum Krankenhausaufenthalt kommen muss.

Köhler, der an der Charité das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin leitet, sprach über die Vorteile, die neue Informations- und Kommunikationstechnologien für die Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz haben. „Wir können mit verschiedenen telemedizinischen Ansätzen eine Art Frühwarnsystem für Patienten mit Herzinsuffizienz aufbauen. Telemedizin ist eine virtuelle Leine, mit der wir den Kontakt zum Patienten halten können.“ Die Erkrankung sei gekennzeichnet durch den Wechsel von stabilen und instabilen Phasen. „Eine instabile Phase schlägt sich nicht immer gleich in Symptomen nieder“, so Köhler. Oft würde der Körper durch Blut- oder Vitalwerte anzeigen, dass etwas nicht in Ordnung sei, körperliche Symptome träten oft erst dann auf, wenn es schon zu spät ist.

Krankenhausaufenthalte minimieren oder ganz vermeiden

Friedrich Köhler

Quelle: Charité

„Telekardiologische Mitbetreuung“ würde Patienten die Möglichkeit geben, Vitalwerte oder die Werte ihrer Implantate täglich zu messen und an einen behandelnden Hausarzt zu senden, der im engen Austausch mit einem Facharzt stehe, so Köhler. „Dadurch ließen sich negative Änderungen im Verlauf schneller erkennen und eine Rehospitalisierung in vielen Fällen vermeiden“, so Köhler. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass der Patient nicht nur die neue Technik bedienen kann, sondern auch bereit sein müsse, seinen Alltag an die gemessenen Daten anzupassen. „Ein Patient mit Herzinsuffizienz darf zum Beispiel nur eine gewisse Menge an Wasser pro Tag zu sich nehmen. Wenn man beim Fernsehgucken dann abends literweise Bier trinkt, dann spielt auch das in diese Flüssigkeitsmenge mit rein“, so Köhler. Über die Telemedizin falle ein solches Verhalten schneller auf, der Einzelne müsse dann aber auch bereit sein, daran etwas zu ändern.

Kein Verzicht auf die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung

Köhler wies mit Nachdruck darauf hin, dass die Telemedizin keine eigene Disziplin hätte, sondern lediglich eine Ergänzung für das jeweilige medizinische Fachgebiet ist, eher im Sinn einer ergänzenden Arbeitsweise. Auch das Arzt-Patienten-Verhältnis werde durch die Telemedizin keineswegs verschlechtert, sondern eher intensiviert. „Die klassische Beziehung in Gestalt der Visite im Krankenhaus oder des Besuchs in der ärztlichen Sprechstunde wird auch in Zukunft bestehen bleiben. Das ist im Übrigen durch das Fernbehandlungsverbot in Deutschland auch gesetzlich geregelt“. Dazu komme in Zukunft in manchen Fachdisziplinen ein regelmäßiger Kontakt über die Telemedizin.

Gute Chancen für Medizintechnik-Industrie in Deutschland

Für die medizintechnische und informationstechnologische Industrie sieht Köhler in seinem Bereich viele Chancen. „Wir arbeiten jetzt schon mit Klein- und mittelständischen Medizintechnikunternehmen, aber auch mit App-Anbietern erfolgreich zusammen“, so Köhler. Wichtig sei, die geplanten Innovationen nicht im luftleeren Raum zu entwickeln, sondern immer mit dem „Medical need“ abzugleichen, so der Kardiologe. Das Gesundheitssystem könne innovative Verfahren tragen, wenn gleichzeitig unnötige Kosten vermieden werden.

Auch die öffentliche Förderung, etwa durch das Bundesforschungsministerium, sei wichtig, um die Innovationsfähigkeit der mittelständisch geprägten Medizintechnikbranche zu erhalten: „Wir sind hier in Deutschland im Bereich der Telekardiologie Vorreiter.“ Die weltweit größte repräsentative Studie zum Einsatz von Telemedizin bei chronischen Herzerkrankungen läuft unter der Leitung von Köhler noch bis 2018. Die Untersuchung mit dem Namen TIM-HF2 soll die Wirksamkeit der ergänzenden Diagnostikmethode wissenschaftlich belegen.

Zertifizierungssystem für Medizinprodukte anpassen

„Wir sind aber erst ganz am Anfang der Entwicklung, es gibt noch viel zu tun“, sagte Köhler. Gerade im Bereich der Miniaturisierung und der Mitnutzung von im Haushalt ohnehin vorhandenen Geräten, wie etwa dem Fernsehen oder Computern, sei noch viel zu tun. „Die Patienten erwarten einfache und platzsparende Lösungen. Das zeigen auch die ersten Studienergebnisse: Wenn die Technik zu kompliziert ist, wird sie schlichtweg nicht benutzt“. Auch in Sachen Zertifizierung betrete man Neuland: „Bis zur nächsten Produktgeneration vergehen oft nicht mehr als zwei Jahre. Darauf muss auch das Zertifizierungssystem Rücksicht nehmen und das Studiendesign anpassen. Wir können Patienten kein Technikmuseum ins Wohnzimmer stellen“, so der Mediziner.

Nephrologen fordern mehr Innovationen für Prävention und Behandlung

Matthias Girndt

Quelle: Land der Ideen

Auch in anderen internistischen Schwerpunktfächern würden minimal-invasive Verfahren und telemedizinische Angebote zur stetigen Verbesserung der Behandlung führen, ist sich der DGIM-Vorsitzende Gerd Hasenfuß sicher. Als Beispiel nannte er die Gastroenterologie, die Angiologie und die Pneumologie. Vor allem in der Nephrologie ist der Bedarf an Innovationen für die Vorbeugung und Behandlung von chronischen Nierenleiden derzeit sehr groß, wie Professor Matthias Girndt, Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Uniklinikum Halle, berichtete. Eine neue repräsentative Studie beziffert die Zahl mit eingeschränkter Nierenfunktion auf mindestens zwei Millionen in Deutschland.

Dialyse ist noch immer ein „mittelfristig sicheres Todesurteil“

Eine Nierenschädigung ist gefährlich: „Die nach einer Schädigung noch vorhandenen Nierenstrukturen werden überlastet und verlieren ebenfalls kontinuierlich an Funktion. Am Ende steht in extremen Fällen die Dialyse“, so Girndt. Rund 80.000 Menschen in Deutschland müssten derzeit ihr Blut mindestens dreimal pro Woche maschinell reinigen lassen. Das sei aber mittelfristig noch immer mit einem Todesurteil gleich zu setzen. Die Lebenserwartung von 40-jährigen Dialyse-Patienten betrage lediglich sieben Jahre, so Girndt. Und, nur jeder dritte Patient erreiche überhaupt die Dialyse: „Zwei Drittel der Patienten sterben vorher an Begleit- oder Folgeerscheinungen der Nierenunterfunktion, etwa an schweren Herz- und Kreislauferkrankungen.“

Prävention mit innovativer Medizintechnik

Bluthochdruck und die Zuckerkrankheit zählen zu den wichtigsten Ursachen der Nierenschädigung. „Sie sind zusammen für fast 50 Prozent der Fälle verantwortlich, und dieser Zusammenhang ist vermeidbar“, so Girndt. Neue Mess- und Überwachungsgeräte für den Blutzucker, die bereits auf der Haut angebracht den Glukosespiegel messen können, erhöhen den Patientenkomfort und können zur Patiententreue beitragen. Auch in der Diabetologie können Ärzte durch telemedizinische Begleitung die Medikation besser einstellen und so schwere Folgeerkrankungen verhindern.

Innovative Behandlungen müssen bezahlbar bleiben

Egal ob Prävention, Diagnose oder Behandlung: Wenn leistungsfähige Innovationen die Versorung verbessern sollen, müsse sich das Entwickeln für die Industrie durch Gewinne refinanzieren: „Das ist durch den zunehmenden Kostendruck im Gesundheitssystem schwieriger geworden“, sagt Girndt. Der neueste Stand der Technik würde es heute schon erlauben, neuartige Membranen zur Blutfilterung einzusetzen, die „nah an der Leistungsfähigkeit einer natürlichen Niere liegen“, so Girndt. Die Sachkostenpauschale, die das Krankenhaus oder der behandelnde Mediziner für den einzelnen Patienten abrechnen dürfe, werde aber immer weiter abgesenkt. „Da sind wir jetzt an eine Grenze gekommen“, so der Mediziner.

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