Hörgeräte-Trends

Hightech für Schwerhörige

13 bis 15 Millionen Bundesbürger leiden nach Schätzungen unter einer behandlungsbedürftigen Hörminderung. Laut Statistiken der Bundesinnung der Hörgeräte-Akustiker benutzen bisher nur 3,5 Millionen von Ihnen ein Hörgerät.

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Künstliche Hörhilfen sind auf dem Sprung: weg vom sperrigen Medizinprodukt mit Akzeptanzproblemen hin zum komfortablen digitalen Begleiter. Richtmikrofon-Technologie für bestmögliches Sprachverständnis, Echtzeit-Audiostreaming zwischen linkem und rechtem Gerät, mehrere Programme für unterschiedliche Hörumgebungen – moderne Hörsysteme vereinen Hightech auf kleinstem Raum. Mit noch kleineren, leistungsfähigeren und nutzerfreundlichen Hörhilfen wollen die Hersteller die Akzeptanz der Mini-Computer für die Ohren weiter erhöhen. von Ulrich Kraft

Noch immer trägt nur jeder vierte Schwerhörige ein Hörgerät. Doch das scheint sich jetzt zu ändern. Im letzten Jahr erreichte die Zahl der verkauften Hörsysteme einen Höchststand. Technische Neuerungen und die erhöhte Erstattung durch die Krankenkassen dürften den Boom weiter befördern.

In die Entwicklung von neuartigen Hörgeräten und -systemen ist in den vergangenen Jahren viel Arbeit und Geld investiert worden.

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13 bis 15 Millionen Bundesbürger leiden nach Schätzungen unter einer behandlungsbedürftigen Hörminderung. Laut Statistiken der Bundesinnung der Hörgeräte-Akustiker benutzen jedoch nur 3,5 Millionen Menschen in Deutschland ein Hörgerät. „Die Bereitschaft, eine Hörhilfe zu tragen, ist nach wie vor relativ gering“, konstatiert Martin Kinkel, Leiter Forschung und Entwicklung bei der Kind Hörgeräte GmbH & Co KG. „Viele Männer wollen nicht wahrhaben, dass sie schlechter hören und schieben die Angelegenheit auf die lange Bank.“ Offenbar ist die Erinnerung an die klobigen, fleischfarbenen Schallverstärker hinter Omas und Opas Ohr, die ständig fiepten, noch immer präsent.

Tatsächlich sind die Hörgeräte der aktuellen Generation leistungsstarke Hightech-Produkte, die vielfältige Funktionen bieten und eine hohe Klangqualität besitzen. Den entscheidenden Durchbruch brachten dabei die volldigitalen Hörgeräte, die 1996 erstmals auf den Markt kamen. Sie ermöglichen es, die von den Mikrofonen eingefangenen Schalleindrücke wie in einem Soundstudio hörgerecht aufzuarbeiten. Neuartige binaurale Hörsysteme mit Richtmikrofon-Technologie erleichtern Hörgeschädigten das räumliche Hören und verbessern das Sprachverständnis, insbesondere in akustisch schwierigen Umgebungen wie der berüchtigten Cocktailparty, auf der viele Menschen durcheinander reden.

Verkaufszahlen zeigen nach oben

Ein weiterer Entwicklungstrend ist die Miniaturisierung. Fast unsichtbar im Gehörgang sitzende „Im-Ohr-Geräte“ sind mittlerweile so leistungsfähig, dass sie sich auch für Patienten mit einer hochgradigen Hörminderung eignen. Auch die „Hinter-dem-Ohr-Hörhilfen“ schrumpfen immer weiter, bis zur Größe einer Kaffeebohne. Innovative Nano-Beschichtungen, die die empfindliche Elektronik vor Feuchtigkeit und Verunreinigungen schützen, und neue Gehäusematerialien wie Titan machen die Geräte widerstandsfähiger und verhindern Defekte. Um den Trägern den fummeligen Batteriewechsel zu ersparen und die Nutzerfreundlichkeit zu erhöhen, kamen 2016 die ersten wiederaufladbaren Hörsysteme mit Lithium-Ionen-Akku auf den Markt.

1,24 Millionen Hörhilfen gingen 2016 in Deutschland über den Ladentisch. 2014 waren es noch knapp unter 1,15 Millionen, im Jahr davor nur gut 830.000. Neben der technologischen Evolution ist sicher auch die Erhöhung der Erstattungssumme durch die gesetzlichen Krankenkassen für den Anstieg ursächlich. Ende 2013 stieg die Erstattung pro Hörgerät bei Erwachsenen von rund 420 auf über 780 Euro. Zum Nulltarif bekommen die Kunden damit schon heute Digitaltechnik, bis zu 75 Dezibel Verstärkerleistung, eine Rückkopplungs- und Störschallunterdrückung sowie mindestens drei Programme für verschiedene Hörumgebungen. An Hörsystemen, die anhand von Kopfbewegungen oder mithilfe von Hirnstrommessungen präzise ermitteln, auf wen oder was der Träger im Moment hört, arbeiten Forscher und Herstellerfirmen. Ein weiteres heißes Thema in den Entwicklungsabteilungen ist die Vernetzung mit dem Smartphone.

Binaurale Hörsysteme mit Richtmikrofon streamen die Audiodaten zwischen der linken und der rechten Seite und verarbeiten sie gemeinsam – ein technologischer Quantensprung, der das räumliche Hören und das Sprachverständnis in komplexen Hörsituationen wesentlich verbessert. Bei den Verarbeitungsalgorithmen ist aber noch Luft nach oben.

Birger Kollmeier ist Direktor des Departments für Medizinische Physik und Akustik an der Universität Oldenburg.

Quelle: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Nicht umsonst hat die Natur dem Menschen zwei Ohren gegeben – und mit dem Gehirn einen sehr leistungsfähigen Prozessor, der die Signale von dort zu einem Höreindruck verarbeitet. Das war bereits hinlänglich bekannt, als Birger Kollmeier 1996 das Hörzentrum Oldenburg ins Leben rief, um dort das technische, audiologische und medizinische Know-how zum Thema zu vereinen. „Ähnlich wie das stereoskopische Sehen dient das binaurale Hören vor allem dazu, die Richtung zu lokalisieren, aus der der Schall kommt“, sagt der Direktor des Departments für Medizinische Physik und Akustik an der Universität Oldenburg. Zudem hilft es, die erwünschten Schallanteile von Störgeräuschen zu trennen und so die Sprachverständlichkeit zu verbessern. Hörgeschädigte beklagen häufig, dass sie zwar alles hören, aber nichts verstehen; vor allem dann, wenn viele Personen in einem Raum gleichzeitig reden – das Cocktailparty-Phänomen.

Livestream zwischen links und rechts

Bei mehr als 80 Prozent der Schwerhörigen sind beide Ohren von der Hörminderung betroffen und sollten deshalb mit einer Hörhilfe versorgt sein. „Die technische Herausforderung bei Hörgeräten ist weniger, für genügend Schalldruck zu sorgen“, erläutert Kollmeier, „sondern den gesamten Grauschleier, der über dem Hören liegt, zu kompensieren und die Signale klarer zu machen.“ Die ersten binauralen Hörsysteme kamen bereits vor über zehn Jahren auf den Markt. Ihre Interaktion beschränkte sich darauf, die Lautstärke zwischen beiden Seiten abzugleichen. In der nächsten Ausbaustufe wurden dann auch Programmänderungen und Funktionen, wie der Mikrofonmodus, automatisch zwischen linkem und rechtem Hörgerät synchronisiert.

Die technische Grundlage für eine vollkommen neue Generation von binauralen Hörsystemen legte Birger Kollmeier vor einigen Jahren gemeinsam mit Kollegen von der Uni Oldenburg und einem Partner aus der Hörgeräteindustrie. Das Team entwickelte eine drahtlose Funkverbindung, die es ermöglicht, nicht nur Steuerungssignale sondern auch Audiodaten zwischen den beiden Hörgeräten auszutauschen – mit hoher Übertragungsrate und praktisch in Echtzeit. Die Algorithmen um Signale zu verarbeiten und damit individuelle Hörprobleme zu kompensieren, lieferten die Forscher gleich mit. Für ihr „Binaurale Hörgeräte – räumliches Hören für alle“ genanntes Projekt wurde das Team 2012 vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Zukunftspreis ausgezeichnet.

Quantensprung mit weiterem Entwicklungspotenzial

Phonak-Chefaudiologe Marco Faltus.

Quelle: Phonak

Dass Breitband-Audiosignale zwischen den beiden Hörgeräten übertragen werden können, erlaubt es, die Einzelmikrofone – üblich sind zwei auf jeder Seite – zu einem Mikrofonarray zusammenzuschalten. „Damit kann man auch bei tiefen Frequenzen eine viel bessere Richtwirkung erreichen als mit einzelnen Mikrofonen“, erläutert Kollmeier. Die langen Richtmikrofone, die in Rundfunk und Fernsehen verwendet werden, arbeiten oft nach dem gleichen Prinzip. Marco Faltus, der beim Hörgerätehersteller Phonak die Abteilung Audiologie leitet, bezeichnet die Technologie als „Quantensprung“.

Warum, das illustriert er am Beispiel eines Hörgeschädigten, der im Restaurant sitzt und mit seinem Gegenüber eine Unterhaltung führt. Er will vor allem seinen Gesprächspartner gut hören und die Tische neben und hinter sich kaum oder gar nicht. „In dieser Situation macht es Sinn, dass seine Hörgeräte nur den Schall verstärken, der aus einer bestimmten Richtung kommt – in dem Fall von vorne“, erläutert Faltus. „Je enger sich ein Richtmikrofon dann auf die Signalquelle richtet, desto besser ist die Sprachverständlichkeit.“ Binaurale Hörsysteme der aktuellen Generation besitzen zudem in der Regel eine Sound-Cleaning-Software, die den Nutzschall von Störgeräuschen bereinigt.

Massives Potenzial für weitere Innovationen

Die Audiodaten vollständig zwischen beiden Hörgeräten hin und her zu streamen und gemeinsam zu verarbeiten, bietet auch in anderen Hörsituationen Vorteile. Etwa beim Autofahren. Sitzt der Schwerhörige hinter dem Steuer, kommt die Stimme des Beifahrers zwangsläufig von rechts und wird deshalb primär vom rechten Hörgerät aufgefangen. Dieses Nutzsignal lässt sich bei einem binauralen Hörsystem dann komplett und ohne relevante Verzögerung auf das linke Gerät übertragen. So hört der Träger auf beiden Geräten, was der Nebensitzer sagt.

Dass die binauralen Hörsysteme mit Richtmikrofontechnik das Sprachverständnis verbessern, insbesondere in komplexen Hörumgebungen wie der Cocktailparty, haben wissenschaftliche Studien hinlänglich belegt. Doch es gibt auch Kehrseiten, wie Birger Kollmeier berichtet. „Die Patienten fühlen sich mitunter eingesperrt, weil sie nur in eine Richtung gut hören – meist in die, in die sie auch schauen“, so der Experte. „Kommt noch eine Person hinzu, die von der Seite mit ihnen redet, kriegen sie das nicht mit.“ Deshalb kann der Träger die Richtwirkung bei Bedarf manuell umschalten. Auch Phonak-Chefaudiologe Marco Faltus sagt, dass „in der binauralen Verarbeitungstechnologie noch massives Potenzial für zukünftige Innovationen steckt“.

High-End-Hörgeräte der aktuellen Generation können bis zu acht verschiedene Hörumgebungen selbstständig erkennen, für die sie dann automatisch das passende Hörprogramm auswählen. An noch intelligenteren Systemen, die den momentanen Hörwunsch anhand der Kopfbewegung oder des Hirnstrommusters ermitteln, wird bereits gearbeitet.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Virtual-Reality-Labor mit 84 Lautsprechern, 8 Subwoofern, einer 160-Grad-Leinwand und 3-D-fähigen Beamern.

Quelle: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Musikhören über Kopfhörer, das Hören in einem ruhigen Umfeld wie der Wohnung oder Zwiegespräch in Räumen mit vielen Hintergrundgeräuschen – schon die einfacheren Hörgeräte der aktuellen Generation besitzen verschiedene Hörprogramme, die je nach Situation angewählt werden können. „Wenn man manuell hin- und herschalten muss, nutzen viele Träger das nur selten oder gar nicht – weil sie dann zu viel über ihr Hörgerät nachdenken müssen“, sagt Martin Kinkel, Leiter Forschung und Entwicklung bei der Kind Hörgeräte GmbH.

Der Ausweg sind Hörsysteme, die selbstständig ermitteln, in welcher Umgebung sich der Nutzer befindet und automatisch den jeweiligen Verarbeitungsalgorithmus aktivieren. „Hier hat es in den letzten Jahren enorme Fortschritte gegeben“, sagt Kinkel. So erkennen die Hightech-Modelle der neuesten Generation sieben bis acht unterschiedliche Hörsituationen und stellen in Sekundenbruchteilen das passende Programm ein. Bis zu 500 Mal pro Sekunde scannen die Mini-Computer fürs Ohr ihre akustische Umgebung, analysieren Stimmen und Störgeräusche, um diese dann hervorzuheben bzw. zu unterdrücken. „Die Leistungsfähigkeit moderner Hörgeräte ist beeindruckend“, meint Martin Kinkel, der seit fast drei Jahrzehnten in der Hörbranche arbeitet.

Open-Source-Plattform für Hörgeräteentwickler

Am Department für Medizinische Physik und Akustik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg arbeitet die Forschergruppe „Individualisierte Hörakustik“ intensiv daran, die auditorische Szenenanalyse noch präziser zu machen. Dazu nutzt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Team ein Virtual-Reality-Labor, das mit 84 Lautsprechern, 8 Subwoofern, einer 160-Grad-Leinwand und 3-D-fähigen Beamern ausgestattet ist. Von der Geräuschkulisse eines Bahnhofs mit stetem Wirrwarr aus Lautsprecherdurchsagen, Gesprächen, Rollkofferklappern und anderen Geräuschen über den Konzertsaal und das Großraumbüro bis hin zur berüchtigten Cocktailparty – praktisch jedes erdenkliche Hörszenario lässt sich dort per Computer generieren. „Sowohl echte Versuchspersonen als auch Avatare können sich in diesen virtuellen Umgebungen frei bewegen“, erläutert Birger Kollmeier, Direktor der Departments. „So können wir unsere Hörgerätealgorithmen testen und prüfen, ob man damit genauso gut hört wie ein normalhöriger Mensch.“

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse möchten die Oldenburger weltweit mit anderen Forschern teilen. Deshalb haben sie eine Open-Source-Plattform für Echtzeit-Hörgerätesoftwareentwicklung geschaffen, auf der lizenzierte Nutzer ihre Signalverarbeitungsalgorithmen einstellen können. „Man muss sich das vorstellen wie eine Art Linux für Hörgeräte“, erläutert Birger Kollmeier das von seinem Kollegen Volker Hohmann geleitete Projekt. Es wird von den „National Institutes für Health“ (NIH), der wichtigsten US-Behörde für biomedizinische Forschung, mit einer Million Dollar unterstützt. Sogar ein vollständiges Hörgerät lässt sich auf „openMHA“ simulieren. Ziel ist, die wissenschaftliche Zusammenarbeit zu stärken und Innovationen bei den Hörsystemen zu fördern. Von den Weiterentwicklungen sollen letztlich die vielen Millionen Hörgeschädigten profitieren, so Kollmeier – in Form von Hörhilfen, die das normale Hörerleben möglichst exakt und selbstständig nachbilden.

Hörgerät mit integrierten EEG-Elektroden

Der EEG-Grid hinter dem Oh ist kaum sichtbar und als modisches Accessoires getarnt.

Quelle: Universität Oldenburg

Um das selbst in der extrem anspruchsvollen Cocktailparty-Situation zu schaffen, müssen die Geräte noch intelligenter werden. Zwar gibt es schon Lokalisierungsalgorithmen, die verschiedene Sprecher im Raum gleichzeitig tracken und den momentanen Hauptredner hervorheben können. Das nützt jedoch nur, wenn der Hörgeräte-Träger dieser Person gerade tatsächlich lauscht. „Eine entscheidende Frage ist, was der Patient in einer bestimmten Hörsituation will“, sagt Kollmeier, „also in welche Richtung er hört und woran sich das erkennen lässt.“ Um das herauszufinden, gehören auch Kognitionspsychologen zum 2012 gestarteten Exzellenzcluster „Hearing4all“, an dem neben der Uni Oldenburg, der medizinischen Hochschule Hannover und der Leibniz Universität Hannover weitere Institutionen wie Fraunhofer-Projektgruppe für Hör-, Sprach- und Audiotechnologie oder das Kompetenzzentrum für Hörgeräte-Systemtechnik HörTech gGmbH beteiligt sind. Sie untersuchen, wie sich der Mensch in Hörumgebungen verhält. Ein wichtiger Indikator ist dabei, wohin er schaut. „Hörgeräte, die mit Sensoren Kopfbewegungen erfassen, stehen schon kurz vor der Einführung“, verrät Birger Kollmeier, Sprecher und Leiter des Clusters.

Zudem arbeiten die Forscher bei Hearing4all daran, anhand von Hirnstrommessungen auf den Hörwunsch zu schließen. Dazu verwenden sie eine c-förmige Anordnung von EEG-Elektroden, die hinters Ohr geklebt werden. Ein kompakter Verstärker zeichnet die Hirnströme auf und übermittelt sie drahtlos an ein Smartphone zur weiteren Verarbeitung. „Bei zwei Sprechern zu unterscheiden, welchem der Träger zuhört, funktioniert schon ganz gut“, sagt Kollmeier. Auch eine Variante, bei der Ableitungselektroden ins Ohrpassstück integriert sind, haben die Wissenschaftler bereits in der Schublade. Solche Brain-Computer-Interfaces beziehungsweise Gehirn-Hörsystem-Schnittstellen sind nicht nur in Oldenburg derzeit ein heißes Forschungsthema. Bis die Geräte marktreif sind, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Birger Kollmeiers Ausblick in die Zukunft fällt zuversichtlich aus: „In fünf Jahren haben wir Hörgeräte, die Umweltsituationen gut analysieren, sich auf das individuelle Hörproblem einstellen und in der Lage sind, den Hörwunsch zu erkennen.“

Im-Ohr-Hörsysteme verstecken sich nahezu unsichtbar im Gehörgang und auch die Hinter-dem-Ohr-Modelle schrumpfen immer weiter. Parallel zur Miniaturisierung arbeiten die Entwickler daran, die Geräte mit innovativen Beschichtungen und neuen Schalenmaterialien widerstandsfähiger zu machen.

Ein Beispiel für ein Im-Ohr-Gerät von Phonak.

Quelle: Phonak

Während die Brille längst vom bespöttelten „Nasenfahrrad“ zu einem modischen Accessoire avanciert ist, gilt das Tragen eines Hörgeräts noch immer eher als Makel. Entsprechend weit verbreitet ist der Wunsch, dass andere Menschen die Hörhilfe nicht erkennen können. Um dem zu entsprechen, haben die Hersteller „Im-Ohr-Geräte (IdO)“ in ihrem Portfolio. Bei den „In-the-Canal-Systemen“ schließt das Gehäuse mit dem Vorderrand des Gehörgangs ab, wobei die Frontplatte so nach hinten gekippt ist, dass nur ein kleiner Bereich zu sehen ist. Completely-in-the-Canal-Modelle werden vollständig im Gehörgang platziert und sind von außen praktisch unsichtbar.

„Ein weiteres Plus der IdO-Hörgeräte ist, dass sich die Mikrofone im Ohr befinden“, sagt Martin Kinkel, Leiter Forschung und Entwicklung bei Kind. „Anders als die Hinter-dem-Ohr-Geräte können sie die Ohrmuschel, die beispielsweise zum Richtungshören beiträgt, dadurch mitnutzen.“ Zudem sitzt der Lautsprecher nahe am Trommelfell, was die Klangqualität fördert. Allerdings erkauft man sich mit der Bauform auch einige Nachteile. Da der Gehörgang weitgehend verschlossen ist, wird der Körperschall statt nach außen verstärkt zum Trommelfell geleitet – mit der Folge, dass die eigene Stimme, aber auch Kaugeräusche lauter und unnatürlicher wahrgenommen werden. Diesen Verschlusseffekt empfinden manche Patienten als unangenehm und störend.

Nanobeschichtungen schützen Elektronik vor Verunreinigung

Zudem begünstigen IdO-Geräte die Bildung von Ohrenschmalz und Schweiß. Um Defekte zu vermeiden, muss das empfindliche Innenleben deshalb besonders gut geschützt sein. Feuchtigkeit ganz generell und vor allem die aggressive Schweißflüssigkeit sind die natürlichen Feinde jedes Hörgeräts, egal ob es im oder hinter dem Ohr getragen wird. In Sachen Robustheit hat es in den letzten Jahren große Fortschritte gegeben, berichtet Marco Faltus. „Früher bestand das Gehäuse aus zwei miteinander verschraubten Kunststoffschalen“, sagt der Leiter der Abteilung Audiologie bei Phonak. „Heute verwendet man moderne Verbundwerkstoffe mit aufgedampften Dichtungen.“

Vor den Öffnungen für Mikrofone und Lautsprecher verhindern schalldurchlässige Hightech-Membranen, dass Wasser, Staub und andere Fremdstoffe eindringen. Sowohl das Gehäuse als auch die Elektronik sind mit speziellen Nanobeschichtungen versehen, an denen sich Feuchtigkeit, Schmutz und Bakterien praktisch nicht mehr festsetzen können. Durch diese Innovationen treten die gefürchteten Schweißschäden mittlerweile kaum noch auf.

Sport, Strandbesuche oder anstrengende Gartenarbeiten – mit den wasser- und staubresistenten Outdoor-Hörhilfen der aktuellen Generation ist all das möglich. Sogar Modelle, die sich zum Schwimmen eignen, sind inzwischen erhältlich. Nichtsdestotrotz sagt Marco Faltus, dass vor allem die Im-Ohr-Geräte „noch widerstandsfähiger werden müssen.“ Hier ging sein Arbeitgeber ganz neue Wege und präsentierte Anfang 2017 ein Invisible-in-the-canal-Hörsytem mit einer Schale aus Titan. Das leichte, hochfeste und biokompatible Material setzt die Medizintechnik in anderen Bereichen schon lange ein, etwa bei Zahnimplantaten oder Gelenkprothesen.

Halb so dick, aber zehnmal widerstandsfähiger

Neue Fertigungsverfahren haben ein Titan-Gehäuse möglich gemacht, das nur noch 0,2 Millimeter dick ist.

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Im-Ohr-Hörgeräte sind in der Regel Unikate, die anhand eines vom Hörgeräteakustiker gemachten Silikonabdrucks des Gehörgangs für jeden Träger individuell angefertigt werden. Phonak nutzt dazu ein auf der Technologie des „Selective-Laser-Melting“ basierendes 3-D-Druckverfahren, bei dem ein Titanpulver mit einem Hochleistungslaser Schicht für Schicht verschmolzen wird. Optimierte Herstellungsprozesse und Zusätze wie Keramik haben die herkömmlichen Acrylgehäuse in den letzten Jahren formstabiler gemacht. Trotzdem erreichen sie die erforderliche Bruchfestigkeit nur, wenn ihre Wandstärke mindestens 0,4 Millimeter beträgt. „Unsere Titanschale ist nur 0,2 Millimeter dick – das ist so dünn wie ein Geldschein“, berichtet Faltus. „Dabei sind die Gehäuse aber zehnmal widerstandsfähiger als die doppelt so dicken Standard-Invisible-in-the-Canal-Schalen aus Acryl.“

Darüber hinaus schaffen die dünneren Wände im Geräteinneren zusätzlichen Raum für Mikrofone, Lautsprecher und Elektronik. Der ist wertvoll, denn das bauartbedingt beschränkte Platzangebot setzt der Leistungsfähigkeit der Completely-in-the-Canal-Systeme Grenzen. Deshalb kommen die meisten dieser Systeme nach wie vor lediglich für Patienten mit leichter bis mittlerer Schwerhörigkeit infrage. Durch die fortschreitende Miniaturisierung der Komponenten gibt es inzwischen aber die ersten IdO-Geräte, die auch einen höhergradigen Hörverlust ausgleichen können.

Geräte verschwinden hinter Ohr und Haaren

Marco Faltus beobachtet zwar gerade einen Trend zu den Mini-Hörhilfen im Gehörgang, stellt aber klar, dass sie nicht jeden Träger ansprechen. Kind-Forschungsleiter Martin Kinkel sieht das ähnlich. „Die Completely-in-the-Canal-Systeme sind eine Entwicklungsrichtung, die das Angebot weiter differenziert“, sagt er. „Welches Hörgerät am besten zu einem passt, muss aber jeder Patient beim Hörakustiker selbst ausprobieren.“ Insbesondere ältere Menschen tun sich mit der Handhabung und Bedienung der IdO-Systeme manchmal schwer.

Außerdem schrumpfen auch die Hinter-dem-Ohr-Geräte immer weiter. Die kleinsten haben gerade einmal die Größe einer Kaffeebohne und verschwinden praktisch vollständig hinter dem Ohr beziehungsweise unter den Haaren. Um das zu erreichen, lagern die Hersteller einen Teil der Technik aus. Bei den sogenannten Receiver-in-Canal-Modellen (RiC) sitzt der Lautsprecher im Gehörgang. Feine, zum Schutz mit einem Kunststoffschlauch ummantelte Kabel verbinden ihn mit der übrigen Hardware. „Damit hat man die Klangvorteile der Im-Ohr-Geräte, nutzt die Ohrmuschel mit und kann das Gehäuse kleiner bauen“, erläutert Kinkel. Doch es gibt auch Kehrseiten: Die RiC-Systeme sind defektanfälliger und aufwendiger zu pflegen als ein klassisches Hinter-dem-Ohr-Gerät mit Schallschlauch. Ihrer Beliebtheit tut das offenbar keinen Abbruch. 2014 lag der Anteil der RiC-Geräte an den in Deutschland verkauften Hörsysteme noch bei 31 Prozent, 2016 waren es schon 36 Prozent und die Tendenz zeigt weiter nach oben.

2016 kam das erste wiederaufladbare Hörgerät mit Lithium-Ionen-Akku auf den Markt – ein Plus an Nutzerfreundlichkeit, das sich mehr und mehr durchsetzt. Große Fortschritte macht auch die Vernetzung mit Consumer Electronic und dem Internet der Dinge.

Eine große Herausforderung für Herstellerfirmen ist die Energieversorgung. Um die vielfältigen Funktionen und Signalverarbeitungsprozesse umzusetzen, benötigen moderne Hörgeräte die Rechenleistung eines handelsüblichen Laptops. Bei den binauralen Hörsystemen werden permanent große Datenmengen zwischen der linken und der rechten Seite hin- und hergeschickt. Zudem müssen die Lautsprecher für genügend Schalldruck sorgen. Weil all das Strom frisst, werkeln im Inneren verbrauchsoptimierte Prozessoren und Schallwandler. Für die Datenübertragung zwischen den Geräten werden besonders stromsparende Funktechniken wie die Near Field Magnetic Induction (NFMI) eingesetzt. „Mit einer Leistungsaufnahme von nur 0,0013 Watt arbeiten die aktuellen Hörgeräte schon sehr energieeffizient“, sagt Stefan Zimmer vom Bundesverband der Hörgeräte-Industrie (BVHI).

Eine Ladestation sorgt dafür, dass die Hörgeräte immer Saft haben. Der komplizierte Wechsel von Hörgeräte-Batterien entfällt damit.

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Dennoch muss der Träger die üblichen Zink-Luft-Batterien alle paar Tage wechseln. Da die Hörhilfen immer kleiner werden, kann das eine fummelige Angelegenheit sein, die vor allem älteren Patienten Schwierigkeiten bereitet. Zudem kosten die Batterien Geld und belasten die Umwelt mit Abfällen. Abhilfe schaffen sollen Hörgeräte mit Lithium-Ionen-Akkutechnologie. Die ersten Modelle, die entweder über Kontakte oder induktiv geladen werden, kamen 2016 auf den Markt. Nach drei bis vier Stunden in der Ladestation haben sie genügend Saft für mindestens 24 Stunden ununterbrochener Laufzeit. Fährt der Träger übers Wochenende weg, kommt er also nicht umhin, sein Ladegerät mitzunehmen. Für Stefan Zimmer ein verschmerzbares Manko, auch weil die Patienten das von ihrem Smartphone gewohnt sind. „Solche wiederaufladbaren Hörgeräte werden von immer mehr Herstellern angeboten, denn sie erhöhen den Komfort und die Nutzerfreundlichkeit ungemein“, so der Geschäftsführer des BVHI.

Direkte Verbindung mit dem Smartphone

Ein Trend bei der Entwicklung von Hörgeräten ist die digitale Bedienung per Smartphone. So können Träger Einstellungen zur Hörumgebung selbstständig vornehmen.

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Das momentan vielleicht heißeste Thema in der Branche ist die Vernetzung mit dem Bereich Consumer Electronics und dem Internet der Dinge. Dass sich Hörgeräte mit dem Smartphone fernbedienen lassen, hat sich bereits etabliert. Über eine App kann der Träger Lautstärke, Klangcharakteristik und Filterfunktionen regeln, für die jeweilige Hörsituationen das passende Programm auswählen und individuelle Akustikprofile anlegen. Möglich ist auch, eine bestimmte Konfiguration mit einem Standort zu verknüpfen – beispielsweise mit dem Lieblingsitaliener. Tritt man dort erneut durch die Tür, erkennt die GPS-Technologie im Handy den Aufenthaltsort und die die App schaltet automatisch auf die Einstellungen, die sie sich vom letzten Besuch gemerkt hat. Ein weiteres, für Schwerhörige wichtiges Feature: Fernsehton, Musik von der Stereoanlage oder dem Laptop sowie Telefonate können drahtlos und in bester Klangqualität auf das Hörgerät gestreamt werden.

Meist erfordern diese Funktionen einen Transponder, der um den Hals getragen, an der Kleidung befestigt oder ins Smartphone gesteckt wird. Er empfängt die via Bluetooth gesendeten Signale und funkt sie weiter an das Hörsystem. 2014 stellte das dänische Unternehmen ReSound erstmals ein Hörgerät mit integrierter Bluetooth-Antenne vor, das sich ohne Zusatzmodule direkt mit dem iPhone verbindet. Andere Hersteller haben bereits nachgezogen oder sind gerade dabei.

Ansagen am Bahnhof störungsfrei ins Hörgerät streamen

Die Konnektivität mit allen bluetoothfähigen Geräten stößt auch die Tür zum Internet der Dinge und zum Smarthome auf. ReSound untersucht in einer gemeinsamen Projektstudie mit einem Hersteller von Haushaltsgeräten, die unlängst auf der IfA in Berlin vorgestellt wurde, wie sich Statusmeldungen von Wäschetrockner oder Kühlschrank in Sprache umwandeln und auf die Hörhilfe streamen lassen. Im Rahmen des Pilotprojekts „Zukunftsbahnhof Berlin Südkreuz“ plant die Deutsche Bahn AG, die Durchsagen auf dem Bahnsteig direkt aufs Hörgerät zu übertragen – ohne störende Hintergrundgeräusche und in bester Verständlichkeit. Ein Service, den sich sicherlich auch so mancher Reisende ohne Hörminderung wünschen würde. Selbst an einer integrierten Übersetzungsfunktion für Fremdsprachen – ähnlich dem Babelfisch aus dem Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ – wird bereits geforscht.

Entwickeln sich Hörgeräte vom eher schnöden Medizinprodukt mehr und mehr zu einem attraktiven Begleiter für den digitalen Alltag? Der Trend gehe durchaus in diese Richtung, bestätigt Stefan Zimmer vom Bundesverband der Hörgeräte-Industrie. „Gerade jüngere Leute mit leichter Hörminderung tun sich bisweilen schwer damit, ein Hörgerät zu tragen, obwohl sie das eigentlich tun sollten“, sagt er. „Wenn sie einen deutlichen Zusatznutzen haben, lassen sie sich eher dafür gewinnen.“ Gut möglich, dass die einstige Fleischbanane an Omas Ohr sogar wird, was Smartphones bereits geworden sind: ein schlauer, kleiner Helfer, auf den fast niemand mehr verzichten möchte.

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