Zahntechnik

Implantologie im Aufwind

Ungesicherten Schätzungen zufolge setzen Zahnchirurgen jährlich etwa eine Million Implantate in der Bundesrepublik ein.

Quelle: iStock/kemalbas

Deutschland hat ein Parodontitis-Problem. Darauf weist der aktuelle Barmer-Zahnreport hin: Nur wenige der erkrankten Patienten ließen sich therapieren – und viele so spät, dass sie trotz Therapie Zähne verlieren. Die Implantologie wappnet sich. von Romy König

Trotz steigender Zahngesundheit im Kindes- und Jugendalter breitet sich Paronditis in der Bevölkerung aus. Hauptgrund ist die Alterung der Gesellschaft und die mangelnde Vorsorge. Künftig werden noch mehr Deutschen die Zähne ausfallen. Zwei Studien belegen diesen Trend.

Den Deutschen gehen die Zähne aus. Diesen bedrohlichen Schluss lassen die Ergebnisse des Zahnreports zu, den die Barmer Krankenkasse im Frühjahr 2017 vorstellte. Demnach ist mehr als die Hälfte der Erwachsenen mittleren Alters an Parodontitis erkrankt – meist ohne es zu wissen. Unter den Senioren leiden sogar fast zwei Drittel an der chronischen Zahnbett-Entzündung.

Eine Parodontitis entsteht, wenn sich zwischen Zahn und Zahnfleisch Bakterien ansammeln. Wird diese bakterielle Plaque nicht durch sorgfältige Reinigung entfernt, bildet sich Zahnstein. In Kombination mit weiteren Faktoren, etwa Stress oder Rauchen, kann es schließlich zu einer Entzündung kommen, der Parodontitis. Die Gefahr: Die Erkrankung kann den Zahnhalteapparat so sehr schädigen, dass der Zahn in der Zahntasche keinen Halt mehr findet. Er beginnt sich zu lockern – und kann verloren gehen. Wird die Erkrankung jedoch frühzeitig erkannt, kann sie behandelt werden.

Parodontitis lange unterschätzt

Wie die Krankenkasse ermittelte, ließen zwar 50 Prozent ihrer Versicherten – in etwa 7,5 Millionen – in den vergangenen zwei Jahren eine Parodontitis-Untersuchung vornehmen. Doch eine Therapie durchliefen zuletzt nur weniger als zwei Prozent. „Das sind erschreckende Ausmaße“, sagt Barmer-Vorstandsvorsitzender Christoph Straub.

Die deutliche Diskrepanz beunruhigt auch Zahnmediziner: „Dies ist umso bedenklicher, da der Therapieerfolg immer unsicherer wird, je weiter die Erkrankung vorangeschritten ist“, sagt Michael Walter, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik am Dresdner Universitätsklinikum Carl Gustav Carus und Mit-Autor des Reports. Selbst nach einer Therapie verlieren immer noch ein Drittel der Behandelten innerhalb von vier Jahren Zähne – bundesweit etwa 440.000 Bundesbürger. Die Therapie komme also für viele Patienten zu spät.

Auch die Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS), welche bereits im August 2016 veröffentlciht wurde, belegen diesen Trends. Die repräsentative Erhebung, die die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung regelmäßig im Abstand einiger Jahre in Auftrag geben, bescheinigte den Deutschen zwar grundsätzlich eine zunehmend gute Zahngesundheit. So seien Karieserkrankungen sowohl bei Kindern als auch bei jüngeren Erwachsenen zurückgegangen. 80 Prozent der zwölfjährigen Kinder seien heute kariesfrei. Die Zahl der kariesfreien Kindergebisse habe sich damit seit 1997 verdoppelt. Unter den 35- bis 44-Jährigen sei die Zahl der Zähne „mit Karieserfahrung“, wie es zahnmedizinisch heißt, um immerhin 30 Prozent gesunken.

Doch die Parodontitis, so auch der Befund der DMS, habe die Deutschen im Griff. Statistisch betrachtet sind 2,7 Zähne in einem Gebiss eines jungen Erwachsenen von der Zahnentzündung betroffen, bei jüngeren Senioren sogar 3,1 Zähne. „Die durchgeführten Untersuchungen zur Parodontitis legen nahe, dass die Erkrankung in der Bevölkerung weiter verbreitet ist als bislang angenommen“, schreiben die Autoren. Und haben auch einen Verdacht: „Es ist davon auszugehen, dass die bisherigen Schätzungen zur parodontalen Erkrankungslast in der Bevölkerung – methodisch bedingt – eher auf zu niedrigen Werten basiert haben.“

Anstieg der Erkrankungszahlen bis 2030

Als positiv heben die DMS-Autoren immerhin den rückläufigen Anteil der schweren Parodontitis hervor – im Gegensatz zur milden oder mittleren Parodontitis. Er beträgt unter den jungen Erwachsenen heute nur noch 8,2 Prozent statt 17,4 Prozent im Jahr 2005. Bei jungen Senioren sank er im gleichen Zeitraum sogar von 44,1 Prozent auf 19,8 Prozent.

Auch der Zahnerhalt der Deutschen habe bislang, darauf weist die DMS ebenfalls hin, eine positive Entwicklung genommen: Jüngere Senioren besitzen heute im Durchschnitt noch 16,9 eigene Zähne und damit fünf mehr als vor zwanzig Jahren. Komplett zahnlos ist nur noch jeder Achte der 65- bis 74-Jährigen. Doch es gilt auch: Parodontalerkrankungen sind altersassoziiert. Da bereits im Jahr 2030 „der Großteil der Bevölkerung Senioren sein wird“, so die DMS, sei „trotz abnehmender Prävalenzen mit einer Zunahme des parodontalen Behandlungsbedarfs zu rechnen“. Womit auch das Risiko häufigerer Zahnverluste steigt.

Schließlich wiesen die Autoren des Barmer-Reports darauf hin, dass einmal behandelte Parodontitis-Patienten Risikopatienten bleiben. „Parodontitis braucht eine hohe Therapietreue“, so Straub. Fest steht, so Zahnmediziner Michael Walter. „In unserer alternden Bevölkerung wird uns die Parodontitis künftig noch stärker beschäftigen.“

Der Bedarf an Zahnimplantaten wächst. Allerdings gibt es keine belastbaren Zahlen, wie viele Zahnimplantate jährlich in deutsche Münder eingebaut werden. Experten gehen davon aus, dass sich Produkte erst langfristig bewähren und auf dem Markt erfolgreich sind.

Wo Zähne ausfallen oder gezogen werden müssen, schlägt die Stunde der Implantologen. Und das immer häufiger, wie Germán Gómez-Román berichtet. Der Zahnmediziner und Oralchirurg leitet die Implantologie an der Tübinger Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und berichtet schon heute von einer starken Zunahme an Behandlungsfällen: Noch vor etwa fünf Jahren hat er nach eigenen Angaben in seiner Klinik jährlich etwa 200 bis 250 künstliche Zahnwurzeln eingesetzt; heute nimmt er pro Jahr etwa 350 dieser Eingriffe vor. Wie viele Implantate deutschlandweit jährlich eingepflanzt werden, darüber gebe es keine gesicherten Zahlen, sagt der Zahnchirurg, der auch Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) ist. Die Branche spreche von einer Million eingesetzter Implantate im Jahr – eine Angabe, die vor allem auf Herstelleraussagen beruhe. „Aber die Zahl kursiert bereits seit Jahren – zwischenzeitlich dürfte es gut ein Viertel mehr sein“, so Gómez-Román.

Prof. Dr. German Gomez-Roman ist Leiter der Implantologie an der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik des Universitätsklinikums Tübingen und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI).

Quelle: Universitätsklinikum Tübingen

Rapider Anstieg an Zahnimplantaten

Die Bundeszahnärztekammer gibt an, dass Patienten heute zehnmal häufiger Implantate tragen als noch vor zwanzig Jahren. Eine Entwicklung, die einen generellen Trend zum festsitzenden Zahnersatz unterstreiche. „Diese Ergebnisse stehen in direktem Zusammenhang mit der Abnahme der völligen Zahnlosigkeit“, so die BZÄK in der Mundgesundheitsstudie. „Da immer mehr Menschen ihre eigenen Zähne behalten, verbessern sich die Voraussetzungen dafür, dass Zahnersatz fest verankert werden kann.“

Gómez-Román sieht zum einen den demografischen Wandel als Grund für die wachsende Nachfrage nach Implantaten. Doch seien die Patienten auch immer häufiger bereit, in ein Implantat zu investieren statt sich Prothesen oder Teilprothesen anfertigen zu lassen, die mit Metallklammern oder einer Gaumenplatte befestigt werden müssen. Für anderen festsitzenden Zahnersatz wie Brücken müssten dagegen nebenstehende, gesunde Zähne abgeschliffen werden – bei einem Implantat ist das nicht nötig. Eine künstliche Zahnwurzel, der sogenannte Implantatkörper, mit sechs bis 18 Millimetern Länge und einem Durchmesser von drei bis sechs Millimetern, wird in den Kieferknochen eingepflanzt, ein Aufbau (Abutment) dient als Verbindung zum eigentlichen Zahnersatz, der Krone.

Lange Bewährungsfristen

Auch wenn die Nachfrage nach Implantaten steigt, muss Gómez-Román immer noch Überzeugungsarbeit leisten, wenn es um die Auswahl – und damit den Preis – der Versorgung gehe: Unter den Patienten halte sich der Glaube, ein Implantat sei für 1.000 Euro zu haben. „Das ist nicht der Fall“, so Gomez. Zwar gebe es günstigere Implantate, „aber für die fehlen oft Langzeitergebnisse“. Auch sei die Nachbestellung nicht immer gesichert. „Wer sagt Ihnen denn, dass es die Firma, von der Sie das Billigimplantat beziehen, auch in fünf Jahren noch gibt – dann, wenn Sie für den Patienten vielleicht ein neues Aufbauteil nachbestellen müssen?“ Zehn Jahre müsse sich ein Implantat nach Meinung des Oralchirurgen bereits am Markt bewährt haben, „besser noch 15 oder 20 Jahre“.

Unternehmen haben es nicht leicht, neue Produkte zu verkaufen. Ihre innovativen Zahnimplantate müssen Langzeitergebnisse vorweisen, um sich am Markt durchsetzen zu können - ein Widerspruch. Eine Schlüsseltechnologie dabei sind neue Biomaterialien.

„Die Implantologie ist einer der innovativsten Bereiche der Zahnmedizin“, sagt Gómez-Román. Viel werde derzeit geforscht, um den Einsatz von Implantaten zu verbessern. Eingriffe sollen schonender, Materialien besser verträglich werden, aber dabei auch hart im Nehmen sein. Da bei einem Implantat die natürliche Rückfederung fehlt, muss das Material einen hohen Druck aushalten können.

Bislang verwendeten Zahnchirurgen vorrangig Schrauben aus Titan, also reinem Metall. Seit einigen Jahren werden auch Implantate aus Zirkonoxid, einer Keramikart, eingesetzt. Der Vorteil: Die Farbe dieser Einsätze ähnelt jener der Zähne. Schimmert das Implantat also durchs Zahnfleisch durch, fällt es nicht so sehr auf, wie das eine Metallschraube täte.

Fehlende Langzeitergebnisse

Gómez-Román setzt vorerst dennoch weiter auf Titan, zu hoch seien die Verlustquoten bei den Zirkonoxid-Modellen. „Anfangs lag das an den Oberflächen der Schrauben“, berichtet der Dentalmediziner. „Die waren nicht rau genug, um zuverlässig verankert werden zu können.“ Doch auch wenn er den Modellen heute eine gute Integration und gute biomechanische Eigenschaften attestiert – die Verlustquoten schrecken ihn immer noch ab. Zudem fehlten ihm Langzeitergebnisse. „Ein abschließendes Urteil ist deshalb im Moment nicht möglich.“

Gleiches gelte für sogenannte kurze Implantate, wie sie seit einiger Zeit eingesetzt werden, also Implantate mit einer Länge von unter acht Millimetern. Auch hier gebe es noch kaum Langzeiterfahrungen. Laut Gómez-Román liege ein Patientennutzen dieser verkürzten Schrauben aber auch so auf der Hand. Gerade bei jenen Patienten, die bereits viel Knochen verloren hätten und denen man, etwa aufgrund mehrerer Vorerkrankungen, keinen Knochenaufbau zumuten möchte, seien kurze Implantate sinnvoll.

Neue Biomaterialien wünschenswert

„Ich habe auch in meiner Klinik schon einige eingesetzt.“ Auch für den Knochenaufbau werde viel geforscht. Wissenschaftler versuchten Knochenersatzmaterialien (KEM) zu formen und zu züchten, aus Stammzellen ebenso wie aus Algen. Das Ziel: dem Patienten künftig die Entnahme eigenen Knochenmaterials zu ersparen. Zwar gelte die Verwendung körpereigenen Knochengewebes gemeinhin als Goldstandard. Aber auch bovine KEM, also Gewebe vom Rind, habe sich bewährt, so Gómez-Román. Trotz aller Forschung gelte für ihn in diesem Fall: „Never change a winning team.“

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