Strahlentherapie

Präzisionswaffe gegen den Krebs

In der Bildmitte strahlt ein orange-gelbes Licht und sendet Lichtstrahlen aus. Darumherum sind in dunklen grautönen eckige und runde Geräte angeordnet. Zum Licht führt eine glatte Oberfläche.

Früher wurde Strahlung als Mannöver des letzten Augenblicks in der Tumortherapie eingesetzt. Heute ist es vielfach eine schonende Alternative zu operativen Verfahren.

Quelle: Fotolia/Thomas Hecker

Von der letzten Option bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen zu einer zentralen Säule der Krebsmedizin – die Strahlentherapie hat in den letzten Jahren einen enormen Entwicklungssprung gemacht. Innovationen wie CT-gestützte Behandlungsplanung am Computer, intensitätsmodulierte Radiotherapie oder Atemgating ermöglichen es heute, Tumoren zielgenau zu bestrahlen und das umliegende gesunde Gewebe zu schonen. Forscher und Firmen entwickeln weiter neue Technologien, die das Einsatzgebiet der Strahlentherapie künftig noch weiter vergrößern könnten. von Ulrich Kraft

Schon jetzt erhält jeder zweite Krebspatient im Laufe seiner Behandlung mindestens einmal eine Strahlentherapie. Bei manchen Tumorerkrankungen gilt sie inzwischen sogar als schonende Alternative zur Operation. Auch deshalb rechnen Experten damit, dass Bestrahlung in den nächsten Jahren noch an Bedeutung gewinnt.

Ein älterer Herr mit kurzen, lichten, grauen Haaren und Dreitagebart ist mit weißem Kittel über weißem Hemd und roter Krawatte als Portrait zu sehen.

Wilfried Budach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

Quelle: DEGRO

„Die Strahlentherapie hatte lange einen ziemlich schlechten Ruf – und das nicht ganz zu Unrecht“, räumt Wilfried Budach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), freimütig ein. Grund für das Negativ-Image der Behandlungsmethode, die bösartige Tumoren mithilfe ionisierender Strahlung zerstört, waren vor allem die schweren Nebenwirkungen, die bis hin zu Verbrennungen reichten. Sie entstehen, weil durch die Strahlen nicht nur die Krebszellen, sondern auch gesunde Körperzellen geschädigt werden. Die gefürchteten unerwünschten Effekte machten die Bestrahlung in erster Linie dann zu einer Option, wenn der Krebs weit fortgeschritten und andere Behandlungsmöglichkeiten wie Operation oder Chemotherapie bereits ausgeschöpft waren.

Das hat sich mittlerweile einschneidend verändert, weiß Wilfried Budach und belegt das Gesagte gleich mit Zahlen. Bei jedem zweiten Patienten mit Krebs sei die Strahlentherapie derzeit Bestandteil der Behandlung. „Die Hälfte der Krebserkrankungen kann inzwischen geheilt werden“, berichtet der Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Bei 40 Prozent dieser Heilungen hat die Bestrahlung einen ganz wesentlichen Anteil.“ Auch Stephanie Combs vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München betont, dass die Strahlentherapie jetzt einen ganz anderen Stellenwert besitzt als noch vor 10 bis 15 Jahren. Treiber hinter dieser Entwicklung sind technische Innovationen, die es ermöglichen, den Tumor zielgenau zu bestrahlen. „Mit den modernen Bestrahlungstechniken können wir sicherstellen, dass die Strahlendosis dort ankommt, wo sie hin muss“, sagt Combs. „Das macht die Behandlung effektiver und reduziert die Nebenwirkungen.“

Pluspunkt Funktionserhalt

Stephanie Combs, Expertin für Strahlenmedizin vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Quelle: Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Einst primär als Ergänzung zur chirurgischen Entfernung des Tumors eingesetzt, avanciert die Strahlentherapie bei manchen Krebsformen mehr und mehr zu einer Alternative zur OP. So zeigen Studien, dass beispielsweise beim Prostatakarzinom oder bestimmten Kopf-Hals-Tumoren wie dem Kehlkopfkrebs eine alleinige Bestrahlung genauso gute therapeutische Ergebnisse bringt wie die Chirurgie. Im Unterschied zur Operation verbleiben die betroffenen Organe aber im Körper und können dort weiterhin ihre Aufgaben erfüllen – im Beispiel Kehlkopfkrebs das Sprechen und Schlucken. „Da die Strahlentherapie eine funktionserhaltende Behandlung ermöglicht, ist das Nebenwirkungsspektrum oft sogar besser als bei einer OP“, erläutert Combs.

Nicht nur deshalb dürfte diese auch Radiotherapie genannte Säule der Krebsmedizin (Onkologie) künftig noch an Bedeutung gewinnen. So erwarten Experten, dass die Zahl der jährlichen Tumor-Neuerkrankungen in Europa von derzeit 3,4 Millionen auf 4 Millionen im Jahr 2025 ansteigt. Aktuell braucht jeder zweite Krebspatient im Laufe seiner Behandlung mindestens einmal eine Bestrahlung. Davon ausgehend, dass diese Rate konstant bleibt, sind 2025 in Europa 300.000 zusätzliche Strahlentherapien notwendig. Auch technologisch ist noch Luft nach oben. „Die Strahlentherapie hat sich enorm entwickelt“, sagt Wilfried Budach. „Trotzdem gibt es weiterhin ein hohes Potenzial für technische Innovationen.“

Ein entscheidender Durchbruch ist die intensitätsmodulierte Radiotherapie, die es erlaubt, auch komplex geformte Tumoren präzise und damit nebenwirkungsarm zu behandeln. Weiterentwicklungen wie die Volumetric Modulated Arc verkürzen die relativ lang dauernden Behandlungssitzungen jetzt auf wenige Minuten.

Präzise Aufnahmen durch einen Computertomographen, wie hier im Bild, haben die Revolution der Strahlentherapie erst möglich gemacht. Die Zukunft liegt allerdings auf Seiten der Magnetresonanztomographie, mit der sich Weichteile wie Organe und das Gehirn besser darstellen lassen.

Quelle: Fotolia/Werner

Wegbereiter der modernen Strahlentherapie war eine andere medizintechnische Innovation: die Computertomografie (CT). Mit dem bildgebenden Verfahren lassen sich der Tumor und die benachbarten Organe scheibchenweise in hoher Genauigkeit darstellen. Damit wurde es möglich, die Bestrahlung auf Basis eines räumlich hoch aufgelösten dreidimensionalen Bilddatensatzes vorab zu planen. Und zwar so, dass einerseits der Krebs vollständig erfasst, andererseits das umliegende gesunde Gewebe bestmöglich geschont wird. Diesen Dualismus nennt man bei der Krebsbehandlung: konformale Strahlentherapie. Eingesetzt werden heute oft Kombigeräte aus CT und Linearstrahler. Diese oder die Liege, auf der der Patient liegt, können bewegt werden, um aus unterschiedlichen Positionen und Richtungen zu bestrahlen. Man spricht deshalb auch von der 3D-konformalen Strahlentherapie.

In einem ersten Schritt legt der zuständige Medizinphysiker den Tumorbereich und die Risikoorgane individuell für jeden Patienten fest. Mit einer Planungssoftware berechnet er dann Anzahl, Richtung und Form der Bestrahlungsfelder, die der Linearbeschleuniger während der Behandlungssitzung appliziert. Zur Planung wird mittlerweile immer häufiger die Magnetresonanztomografie (MRT) benutzt. Diese Bildgebungstechnik macht die Bestrahlungsregion oft noch deutlicher sichtbar als das CT und hat zudem den Vorteil, dass sie keine zusätzliche Strahlenbelastung verursacht. Egal ob mit CT oder MRT, die computergestützte 3-D-Bestrahlung ist nach wie vor die Grundlage jeder strahlentherapeutischen Behandlung. Wenn der Tumor allerdings eine komplexe Form besitzt, sich sehr nah an strahlenempfindlichen Organen befindet oder gar ein Risikoorgan umschließt, kommt diese konformale Technik an ihre Grenze.

Multileaf-Kollimatoren formen Bestrahlungsfelder

Hier ist die intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT) besser geeignet, bei der die Zielregion ebenfalls aus verschiedenen Richtungen bestrahlt wird. Das Besondere an der intensitätsmodulierten Therapie steckt schon im Namen: Der Strahl kann während der Behandlung moduliert werden, so dass die Strahlenform je nach Richtung und Position geändert werden kann.

Das Radiochirurgiesystem am Uniklinikum Düsseldorf verfügt über einen Hochleistungs-Linearbeschleuniger der neuesten Generation mit Multilamellenkollimator. Die Bestrahlungseinheit rotiert um den Patienten und kann die Bestrahlung so aus verschiedenen Winkeln plazieren.

Quelle: Budach

Zuständig für Formung des Bestrahlungsfeldes in dem Linearbeschleuniger ist der Kollimator. „Ein Kollimator besitzt auf jeder Seite 40 bis 100 kleine Metall-Lamellen, die als Blenden dienen“, erläutert der Experte von der Düsseldorfer Uniklinik. Jedes dieser sogenannten Leafs (englisch für Blätter) lässt sich einzeln ansteuern und bewegen. Ist in einem Strahlengang ein Organ im Weg, das es zu schonen gilt, wird ein Teil des Tumors hier nicht bestrahlt. Dafür wird dieses Subsegment aber in einem anderen Feld einer besonders hohen Strahlendosis ausgesetzt. „Durch die Steuerung lassen sich auch komplexe geformte Bestrahlungsfelder erzeugen, die nicht nur den Tumor abbilden, sondern auch die Risikoorgane, die ausgespart werden müssen“, so Budach.

Ein Weg, um die Strahlung bei der IMRT zu verabreichen, ist die Step-and-shot-Methode. Bei dieser Technik fahren die Leafs in eine bestimmte Position, in der sie eine Öffnung vorgeben. Nachdem das Subsegment des Feldes bestrahlt wurde, bewegen sich die Lamellen in eine neue Position. Dort wird dann das nächste Subsegment zur Bestrahlung freigegeben und so weiter. Ist ein Bestrahlungsfeld auf diese Weise Schritt für Schritt abgearbeitet, wandert der Linearbeschleuniger zur nächsten Position. Dass die Bestrahlung nach jedem Schuss kurz unterbrochen wird, kostet allerdings Zeit. Bis zu 45 Minuten kann eine Behandlungssitzung mit der Step-and-shot-Methode in Anspruch nehmen. Problematisch daran ist, dass der Patient währenddessen ruhig liegen muss. Bewegt er sich, besteht die Gefahr, den Tumor nicht mehr optimal zu treffen und das umliegende gesunde Gewebe der Strahlung auszusetzen.

VMAT: präzise und schnell

Bestrahlung eine Karzinoms im Halsbereich eines Patienten mit der IMRT (VMAT) Technologie. In der unteren Reihe ist das Zielvolumen des Tumors lila gefärnt. Die anderen farbigen Linien entsprechen verschiedenen Isodosen, Die gelbe Linie zeigt zum Beispiel einer etwas weiter gefasstes Gebiet, das nur noch mit 85,5 Prozent der verschriebenen Dosis bestrahlt wird.

Quelle: Budach

Um die Behandlungsdauer und die damit verbundenen Lagerungsunsicherheiten zu minimieren, haben die Herstellerfirmen die IMRT zur Volumetric Modulated Arc Therapy (VMAT) weiterentwickelt. „Die VMAT ist die präziseste und modernste Bestrahlungstechnik“, sagt Wilfried Budach. Während der Linearbeschleuniger um den Patienten rotiert, nehmen die Leafs stetig neue Positionen ein. So können permanent neue Feldformen erzeugt werden. Anders als bei der Step-and-Shot-Methode muss der Linearbeschleuniger nicht Feld für Feld abarbeiten, sondern die Lamellen ändern während der Rotation ihre Position: Wenn er schnell dreht, sieht so aus, „als würden die Leafs schunkeln“, sagt der DEGRO-Präsident. Das große Plus der VMAT: Da eine Rotation nur zwei, drei Minuten in Anspruch nimmt, verringert sich die Liegezeit deutlich. Und je kürzer die Behandlung dauert, desto leichter fällt es den Patienten, sich dabei nicht zu bewegen.

Eines der modernsten Strahlentherapie-Systeme wird gerade in der Abteilung von Stephanie Combs am Klinikum rechts der Isar in Betrieb genommen. Das Tomotherapie-Gerät arbeitet grundsätzlich wie die VMAT. Dabei liegt der Patient allerdings auf einem Behandlungstisch, der kontinuierlich vorgeschoben wird – mit variabler Geschwindigkeit. „Durch das Kreisen und die gleichzeitige Längsbewegung ergibt sich eine Bestrahlungsspirale“, sagt Combs. „Damit können auch große, komplizierte Zielvolumina homogen bestrahlt werden.“ Ein Anwendungsbeispiel dafür ist die Radiotherapie des gesamten zentralen Nervensystems mit Gehirn und Rückenmark. Auch in der Dosisverteilung bietet die Technik Vorteile, von der zum Beispiel Patienten mit Prostatakrebs oder Hals-Nasen-Ohren-Tumoren profitieren. Selbst mehrere im Körper verstreute Metastasen lassen sich mittels Multitarget-Behandlung in einer Tomotherapie-Sitzung behandeln.

Die Image guided Radiotherapy kombiniert Linearbeschleuniger und CT-Gerät. So lässt sich zu Beginn jeder Therapiesitzung vor Ort prüfen, ob der Tumor optimal getroffen wird. Auch bei der Bestrahlung von Tumoren, die sich mit jedem Atemzug des Patienten bewegen, gibt es entscheidende Fortschritte.

Die Image guided Radiotherapy kombiniert Linearbeschleuniger und CT-Gerät. Mit einem solchen Gerät arbeitet das Team von Stephanie Combs in der Klinik für Radioonkologie am Klinikum rechts der Isar.

Quelle: Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Eine laut Stephanie Combs „ganz besonders wichtige“ Innovation in der Radioonkologie ist die bildgeführte Strahlentherapie (Image guided Radiotherapy IGRT). Denn die IGRT erleichtert die exakte Positionierung des Patienten, die für Verträglichkeit und Erfolg der Behandlung entscheidende Bedeutung besitzt. Zu Beginn jeder Sitzung muss der Tumor aufs Neue in die richtige Lage gebracht werden. Im Normalfall benutzt das Ärzteteam dazu Markierungen, die meist mit wasserfesten Stiften auf die Haut aufgezeichnet sind. Dass diese Methode nicht auf den Millimeter genau ist, liegt auf der Hand. Um zu gewährleisten, dass die Strahlung den Tumor trotzdem vollständig trifft, wird ein Sicherheitssaum eingeplant. Mit der Folge, dass das bestrahlte Gebiet größer ist als der eigentliche Tumor.

Bei der IGRT ist im Linearbeschleuniger ein Computertomografie-Gerät integriert, das unmittelbar vor der Behandlung eine CT-Aufnahme der Zielregion anfertigt. „Bevor wir bestrahlen, können wir damit vor Ort kontrollieren, wo sich der Tumor und die umliegenden Strukturen in dieser Sitzung befinden“, sagt Strahlentherapeutin Stephanie Combs von der TU München. Selbst wenn der Patient jedes Mal exakt die gleiche Lage einnimmt, kann sich das ändern – etwa weil der Kranke abgenommen hat, der Tumor bereits kleiner geworden ist oder, bei Prostatakrebs beispielsweise, durch die Füllung von Blase und Darm.

Individuelle Anpassung des Bestrahlungsplans

Lageunsicherheiten sind bei der Bestrahlung von Tumoren seit jeher ein Problem. Trotz Fixierung kann man eine Bewegung des Patienten nicht komplett ausschließen. Neue Technologien adressieren diese Herausforderung.

Quelle: Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Die IGRT gleicht die aktuellen CT-Bilder mit den Aufnahmen aus der Phase der Therapieplanung ab. Bei größeren Änderungen errechnet der Computer, wie der Bestrahlungsplan korrigiert werden muss. „Die Bildführung ermöglicht es, die Therapie in jeder Sitzung neu auf die individuelle Situation zuzuschneiden“, sagt Combs. Auch Wilfried Budach von der Uniklinik Düsseldorf lobt die Technologie und fügt einen Pluspunkt hinzu. „Weil es keine Lageunsicherheiten mehr gibt, können wir den Sicherheitsabstand um den Tumor verkleinern“, so der DEGRO-Präsident. Das modernste Strahlentherapie-System in Budachs Abteilung, das auch 3D-Bilder macht, erreicht eine Genauigkeit von unter einem Millimeter.

Bewegt sich der Krebs aber während der Behandlung, kommt auch die bildgeführte Radiotherapie an ihre Grenzen. Dieses Problem besteht vor allem bei Tumoren im Bereich der Lunge und des Brustkorbs (Thorax) sowie im Oberbauch. Deren Lage kann sich durch die Atmung des Patienten aber auch durch die Magen- und Darmperistaltik um mehrere Zentimeter verändern. Ein Weg, um solche hochbeweglichen Tumoren präzise zu treffen, ist die atemgesteuerte Bestrahlung. Mit einem 4-D-CT – das vierte D steht für die Zeit – wird dabei zunächst ermittelt, wie sich die Zielregion in Abhängigkeit von der Atmung bewegt. Das geschieht individuell für jeden Patienten und über mehrere Atemzyklen hinweg. Eine Option sei, an Hand der gewonnenen Daten das Bestrahlungsgebiet so groß zu wählen, dass es den Tumor immer einschließt. Das bedeutet aber zwangsläufig, dass auch gesundes Gewebe bestrahlt wird.

Gating: Tor auf, Tor zu

Wesentlich schonender ist das sogenannte Gating, das sich zunehmend etabliert, zumindest in den großen radioonkologischen Zentren. „Noch ist die Technologie kein Standard, wird es aber in den nächsten Jahren sicherlich werden“, sagt Wilfried Budach. Der Trick beim Gating (abgeleitet vom englischen „gate“ für Tor) besteht darin, nur dann zu bestrahlen, wenn der Tumor sich an der richtigen Stelle befindet. Wandert er aus dem Strahlungsfeld, geht das Tor zu und der Linearbeschleuniger legt eine Pause ein. Um auf die Position des Tumors zurückzuschließen, werden die Bewegungen des Brustkorbs mit Sensoren oder optischen Oberflächen-Scannern kontinuierlich und in Echtzeit erfasst. Per Videobrille oder auf einem kleinen Monitor, der über dem Kopf angebracht ist, erhält der Patient Rückmeldung über seine Atmung. Dort kann er live sehen, ob er tatsächlich so atmet wie zuvor im 4-D-CT und falls nicht – entsprechend gegensteuern.

Das sogenannte Atemgating macht eine Bestrahlung trotz Atmungsbewegung möglich. Der Trick: Es wird nur bestrahlt, wenn der Tumor sich innerhalb des Strahlenkegels befindet.

Tumorbestrahlung beim Hustenanfall

„Durch das Atemgating lässt sich die unerwünschte Bestrahlung des gesunden Gewebes deutlich verringern“, sagt Wilfried Budach. Perfekt sei die Technologie aber nicht. Denn zum einen ist die Korrelation zwischen den Bewegungen des Brustkorbs und der Lage des Tumors nicht millimetergenau, zum anderen dauert die Bestrahlung relativ lang. „Der Idealfall wäre: Wenn der Patient hustet, hustet der Linearbeschleuniger mit“, so Budach. Hier gibt es mehrere technologische Lösungen, an denen intensiv gearbeitet wird. Beim Tracking bewegt sich das Bestrahlungssystem selbst synchron zu den Lageveränderungen des Tumors. Allerdings funktioniert das zumindest bislang noch nicht schnell genug, um auch bei einem plötzlichen Hustenstoß dem Zielgebiet zu folgen. Einen anderen Weg ging das Verbundprojekt RoPaRa, das vom BMBF mit 1,5 Millionen Euro gefördert wurde. Die Projektpartner aus Forschung und Medizintechnik-Industrie entwickelten den Prototyp einer robotergeführten Patientenliege, die die Bewegungen des Tumors ausgleicht. „Noch ist das Science-Fiction, aber in Zukunft könnte sich eine Kombination aus beiden Ansätzen durchsetzen, weil das am schnellsten und genauesten ist“, sagt Experte Wilfried Budach.

Die neuesten Bestrahlungssysteme vereinen den Linearbeschleuniger mit der Magnetresonanztomografie. Obwohl noch einige Entwicklungsarbeit nötig ist, rückt damit das Ideal einer bildgeführten Strahlentherapie in Echtzeit in greifbare Nähe. Vielversprechende Studienergebnisse liefert auch die Kombination der Bestrahlung mit einer neuen Generation von Krebsmedikamenten.

Professor Jürgen Debus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Uniklinikum Heidelberg.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Wie die Zukunft der Radiotherapie aussehen könnte, lässt sich am Universitätsklinikum Heidelberg bereits besichtigen. Dort steht eines von hierzulande bislang drei neuartigen Hybridgeräten, die ein Bestrahlungssystem und einen Magnetresonanztomografen (MRT) fusionieren. Finanziert wurde die 8,1 Millionen teure Innovation von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Förderwettbewerb setzte sich das Konsortium der Heidelberger Uniklinik und des Deutschen Krebsforschungszentrums gegen andere Standorte durch. „Die Kombination von Strahlentherapie mit MRT ermöglicht einen enormen Entwicklungssprung gegenüber den CT-gesteuerten Verfahren“, sagt Jürgen Debus, Sprecher des Konsortiums.

Wegen des höheren Weichteilkontrasts liefert die Magnetresonanztomografie oft präzisere Bilder des Krebsgewebes und seiner Umgebung als die Computertomografie. Zudem kommt sie ohne Strahlenbelastung aus und kann daher ohne Bedenken mehrmals wiederholt werden. „Bei der Diagnose vieler Tumoren hat sich die MRT bereits durchgesetzt“, sagt der ärztliche Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie. „Und was sich in der Diagnostik durchsetzt, wird sich meiner Einschätzung nach auch in der Strahlentherapie durchsetzen.“ Die Verknüpfung von MRT und Linearbeschleuniger erlaubt es prinzipiell, während der Behandlungssitzung in kurzen Abständen oder sogar kontinuierlich Bilder des Tumors zu machen, Bewegungen zu erfassen und die Bestrahlung direkt daran anzupassen. „Das ist dann tatsächlich eine bildgesteuerte Strahlentherapie in Echtzeit“, so Debus. Der Experte fügt aber gleich hinzu, dass bis dahin noch einiges an Forschung und Entwicklungsarbeit notwendig ist.

MRT gibt Einblicke in die Tumorbiologie

Am Uniklinikum Heidelberg steht eines von hierzulande bislang drei neuartigen Hybridgeräten, die ein Bestrahlungssystem und einen Magnetresonanztomografen (MRT) fusionieren.

Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Ein weiterer Pluspunkt der Magnetresonanztomografie ist, dass sie zu den räumlichen auch funktionelle Informationen aus dem Inneren des Tumors liefert – etwa welche Bereiche gut und welche schlecht durchblutet sind. Wie Studien zeigen, sind Areale mit geringer Blut- und Sauerstoffversorgung weniger strahlenempfindlich und benötigen deshalb eine höhere Dosis. Die funktionell-biologischen Daten des MRT könnten also genutzt werden, um den Bestrahlungsplan so zu optimieren, dass jeder Bereich des Tumors seine ideale Strahlendosis erhält. Die magnetresonanzgesteuerte Strahlentherapie MRgRT könnte das „next big thing“ werden, meint DEGRO-Präsident Wilfried Budach. Allerdings seien noch längst nicht alle Probleme gelöst. „Bis diese Bestrahlungstechnik in die klinische Routine kommt, wird es noch dauern“, sagt der Radioonkologe von der Düsseldorfer Uniklinik.

Einige klinische Studien laufen derzeit bereits zur Kombination der Strahlentherapie mit der neuen Generation von Krebsmedikamenten, die das Immunsystem im Kampf gegen den Tumor unterstützen. Dazu gehören die Immun-Checkpoint-Hemmer, die zum Beispiel bei fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom) die Überlebenschancen wesentlich verbessern. Studienergebnisse zeigen, dass eine Bestrahlung ergänzend zur Therapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren, den Behandlungseffekt deutlich steigern kann. „Wenn die kombinierte Radioimmuntherapie so gut funktioniert, wie es erste Studienergebnisse andeuten, könnte sich das Einsatzgebiet der Strahlentherapie noch wesentlich erweitern“, sagt Budach.

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