Deutscher Herzbericht 2016

Trend zu Katheterverfahren hält an

Immer mehr Herzpatienten werden im Katheterlabor behandelt.

Quelle: Carolina Smith/Fotolia

Nicht zuletzt dank medizintechnischer Innovationen verbessert sich die Versorgung bei koronarer Herzerkrankung, Herzklappenerkrankungen und Herzrhythmusstörungen in Deutschland weiter. Händeringend gesucht werden dagegen neue Ansätze für Patienten mit Herzinsuffizienz. von Philipp Grätzel

Der von der Deutschen Herzstiftung herausgegebene Deutsche Herzbericht ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stiftung mit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), der Deutschen Gesellschaft für Throax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) und der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK). Der Bericht gibt jedes Jahr im Januar einen für das deutsche Gesundheitswesen ungewöhnlich breiten und detaillierten Überblick über die Versorgung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

KHK-Patienten: Weniger Krankenhauseinweisungen, weniger Todesfälle

Die große Erfolgsgeschichte bei der Versorgung von Herzpatienten in Deutschland ist seit Jahren die koronare Herzerkrankung (KHK). Nicht dass diese Erkrankung per se seltener wird. „Sie wird heute nur deutlich besser behandelt als früher“, sagte DGK-Präsident Professor Hugo Katus von der Universität Heidelberg. Ablesen lässt sich das an den Krankenhausaufnahmen wegen KHK. Die sind im Jahr 2015 um 1,86 Prozent auf rund 800 Patienten pro 100.000 Einwohner zurückgegangen. Damit wird ein Trend fortgesetzt, der ziemlich genau seit der Jahrtausendwende besteht. Damals wurden pro Jahr und 100.000 Einwohner noch deutlich über 1.000 Patienten mit KHK stationär aufgenommen.

Nicht nur die Krankenhausaufnahmen, auch die Todesereignisse wegen KHK sind stark rückläufig. Starben Mitte der 90er Jahre noch knapp 230 Menschen pro 100.000 Einwohner und Jahr an KHK, waren es zuletzt unter 150. Der Deutsche Herzbericht kann nicht beweisen, dass diese Entwicklung an besserer Diagnostik, Therapie und Prävention liegt, aber der Schluss liegt zumindest nahe. Neben dem Rückgang beim Zigarettenkonsum und einer besseren medikamentösen Versorgung von Patienten mit Risikofaktoren dürften auch die Katheterverfahren ihren Anteil haben: So sterben heute dank moderner Katheter- und Arzneimitteltherapie nur noch halb so viele Menschen an einem akuten Herzinfarkt wie in den 90er Jahren. Das zieht sich durch praktisch alle Altersklassen. Auch Hochbetagte profitieren.

Aortenklappen-Erkrankungen: Siegeszeug der Katheterklappe hält an

Mit Spannung erwartet werden in jedem Jahr die neuen Zahlen zu den katheterbasierten Eingriffen an der Aortenklappe (TAVI), einer der großen Innovationen in der Kardiologie in den letzten Jahren. Hier ist der Trend ungebrochen: Rund 15.500 TAVI-Eingriffe gab es 2015, über 2.000 mehr als im Jahr zuvor. Dies seien weiterhin überwiegend Patienten mit hohem Risiko, die für einen chirurgischen Eingriff nicht in Frage kämen, betonte Katus. Interessant in diesem Zusammenhang ist das Durchschnittsalter: Es liegt bei TAVI-Eingriffen bei 81 Jahren, bei chirurgischen Aortenklappenoperationen dagegen bei 68 Jahren.

Im Wesentlichen hat die Einführung der TAVI also dazu geführt, dass Patienten eine Therapie erhalten, die früher nur symptomatisch behandelt worden wären. Allerdings: Die neuen Operationsstatistiken vermitteln zum ersten Mal den Eindruck, dass die Zahl der offenen Aortenklappenoperationen zurückgehen könnte. Offen operiert an der Aortenklappe wurden im Jahr 2015 insgesamt 9.502 Patienten, das sind 450 weniger als im Jahr zuvor. Würde sich dieser Trend fortsetzen, dann spräche das dafür, dass zunehmend Patienten eine TAVI erhalten, die bisher operiert wurden. Erste Hinweise könnten die neuen herzchirurgischen Statistiken für das Jahr 2016 geben, die Mitte Februar vorgestellt werden sollen.

DGK: Neuer Kriterienkatalog für die Qualität von Ablationen

Die Entscheidung zwischen TAVI und Aortenklappenoperation muss gemeinsam von Kardiologen und Herzchirurgen im so genannten Herz-Team fallen. Dafür haben sich sowohl DGK als auch DGTHG engagiert, und der Gemeinsame Bundesausschuss hat interdisziplinäre Strukturen zu einer Grundlage für die Erstattung gemacht. Diesen Weg wollen die Kardiologen jetzt auch bei anderen Eingriffen beschreiten. Aktuell arbeitet die DGK gerade an einem Positionspapier, das strukturelle Anforderungen an Zentren formuliert, die Katheterablationen, insbesondere Ablationen bei Vorhofflimmern anbieten.

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Auch die Krankenkassen dürften an Qualitätskriterien für Vorhofflimmerablationen ein Interesse haben. Denn der neue Herzbericht zeigt, dass die Eingriffszahlen hier weiter stark zunehmen. Hochrechnungen der DGK zufolge gab es in Deutschland im Jahr 2015 rund 66.000 elektrophysiologische Untersuchungen und 76.000 Ablationen. Das sind 13 Prozent beziehungsweise 10 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Knapp die Hälfte der Einrichtungen, die Katheterablationen durchführen, machen davon weniger als 150 im Jahr, und 38,7 Prozent schaffen nicht einmal 100 Behandlungen. Reine Fallzallregelungen sind freilich nicht das, was die DGK anstrebt: „Wir brauchen Indikatoren für Qualität, aber das dürfen nicht nur Mindestmengen sein“, so Katus in Berlin. 

Sorgenkind Herzinsuffizienz

Das große Sorgenkind der Herzmedizin bleibt in Deutschland wie anderswo die Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz. So steigt die Häufigkeit dieser Erkrankung deutlich an. Das liegt nicht zuletzt daran, dass aus vielen einst tödlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen heute chronische Erkrankungen geworden sind, die letztlich in eine Herzinsuffizienz münden. Entsprechend geht die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz anders als bei der KHK nach oben: 541 Patienten pro 100.000 Einwohner wurden im Jahr 2015 wegen Herzinsuffizienz stationär aufgenommen, 10 Prozent mehr als 2013 und fast doppelt so viele wie Mitte der neunziger Jahre.

Hauptproblem bei der Herzinsuffizienz ist, dass es bei Patienten mit schwer ausgeprägter Erkrankung an innovativen Therapien mangelt. Ultima ratio war bisher die Herztransplantation. Doch davon wurden im Jahr 2015 nur noch 286 durchgeführt, halb so viele wie Ende der neunziger Jahre. Gleichzeitig stagniert die Zahl der mechanischen Herzunterstützungssysteme seit Jahren auf relativ niedrigem Niveau. 915 monoventrikuläre und 30 biventrikuläre Systeme wurden im Jahr 2015 eingesetzt, außerdem 27 Kunstherzen. Das hat sich in drei Jahren nicht wesentlich verändert.

Derzeit erfolgten Transplantationen vor allem bei jungen Patienten, während ältere Patienten eher die Herzunterstützungssysteme erhielten, sagte DGTHG-Vizepräsident Wolfgang Harringer. Insgesamt sei die Versorgungssituation bei weit fortgeschrittener Herzinsuffizienz aber sehr unbefriedigend. Viele Patienten stürben auf der Warteliste für Transplantationen oder würden gar nicht erst zur Transplantation angemeldet.

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