Telediabetologie

Unterstützung aus der Ferne

Es ist ein Schreibtisch mit Bildschirm und Tastatur zu sehen, an dem eine Frau mit kurzen braunen Haaren, markanter Brille und Headset sitzt. Sie schaut in die Kamera. Auf dem Bildschirm ist eine blonde Frau zu sehen, und daneben Tabellen mit Daten.

Telemedizin ist grundsätzlich ein Trend in der Medizin. Für manche Bereiche könnte die Fernbehandlung aber besonders vorteilhaft sein. Die Langzeit-Betreuung von Diabetes-Patienten etwa ist ein Feld, auf dem Ärzte und Patiente durch Digitale Sprechstunden viel Zeit sparen und die Therapie verbessern könnten.

Quelle: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Eine virtuelle Diabetesambulanz, die Kinder und Jugendliche mit insulinpflichtigem Diabetes engmaschig betreut, ein Telemonitoring-System für Zuckerkranke, deren Glukosestoffwechsel häufig entgleist, ein telemedizinisches Programm, das Diabetiker beim Ändern ihrer Lebensgewohnheiten unterstützt – die Telediabetologie kommt gerade ins Rollen. Innovative Ideen sind weiterhin gefragt. Denn nach Ansicht von Experten ist Telemedizin ein Muss, um die wachsende Zahl von Diabetes-Patienten künftig optimal zu versorgen. von Ulrich Kraft

Verglichen mit Großbritannien oder der Schweiz hinkt Deutschland in Sachen Telemedizin noch hinterher. E-Health-Gesetz, Erstattung von digitalen Sprechsprechstunden und medizintechnische Neuerungen wie bluetoothfähige Blutzuckermessgeräte ebnen dem raschen Ausbau der telemedizinischen Programme für Diabetiker jetzt den Weg.

Alltag für Diabetes-Patienten: ohne die technischen Helfer geht nichts. Denn Betroffene müssen mehrmals täglich ihren Blutzuckerspiegel bestimmen und sich Tabletten oder eine entsprechende Dosis Insulin verabreichen.

Quelle: Fotolia

Informatik und moderne Telekommunikationsmedien für Diagnostik, Therapie und Vorsorge von Erkrankungen zu nutzen – viele Fachleute erachten Telemedizin als die Zukunftstechnologie im Gesundheitswesen. Insbesondere bei chronischen Leiden wie Diabetes. Aktuell sind rund 6,7 Millionen Bundesbürger zuckerkrank und die Zahl der Betroffenen wächst seit Jahren stetig an. „Wir brauchen telemedizinische Lösungen, um eine hochwertige Versorgung der Patienten zu gewährleisten, vor allem in ländlichen Regionen, wo es wenig Diabetologen gibt“, sagt Dirk Müller-Wieland, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Per Telekonferenz kann der behandelnde Arzt Experten anderer Fachrichtungen hinzuziehen, Röntgenbilder, Laborwerte und sonstige Befunde elektronisch austauschen, sich beraten. Das würde die bei Diabetes erforderlich interdisziplinäre Betreuung vereinfachen und den Umgang mit der Erkrankung erleichtern, die - so Müller-Wieland - viel von den Betroffenen verlange. „Es ist eine politische Forderung der DDG, alle Voraussetzungen für die Telediabetologie zu schaffen“, sagt der Diabetologe vom der Uniklinik RWTH Aachen.

„Es ist eine politische Forderung der DDG, alle Voraussetzungen für die Telediabetologie zu schaffen.“

Deutschland hat noch Nachholbedarf

Ein Mann mittleren Alters mit unscheinbarer Brille, dunklem Sakko, hellblauem Hemd und rot-blau-gestreifter Krawatte lächelt freundlich in die Kamera.

Dirk Müller-Wieland, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Quelle: DDG

Im Vergleich zu Skandinavien, der Schweiz oder Großbritannien hat Deutschland hier zwar noch Nachholbedarf. Doch Müller-Wieland zeigt sich zuversichtlich. In wenigen Jahren werde Telemedizin integraler Bestandteil aller Versorgungssysteme des Gesundheitswesens sein, mit einem „bunten Strauß an bedarfsgerechten Angeboten für jeden Versicherten“, prognostiziert er. Die Grundsteine dafür wurden mittlerweile gelegt. So hat die Bundesregierung im E-Health-Gesetz den flächendeckenden Aufbau der Telematik-Infrastruktur bis Mitte 2018 festgeschrieben. Seit dem 1. April diesen Jahres können Ärzte Online-Sprechstunden bei den Krankenkassen abrechnen. Die ersten telemedizinischen Programme für Diabetiker sind inzwischen angelaufen. Medizintechnik-Hersteller haben Blutzuckermessgeräte, Waagen, Insulinpens- und –pumpen auf den Markt gebracht, die ihre Daten automatisch und per Funkverbindung weiterreichen. Damit ebnen die Unternehmen den Weg zur Connected Care, wie Telemedizinexperten und Diabetologen die vernetzte Versorgung der Patienten mit Hilfe digitaler Technologien nennen.

In einem Modellprojekt kommt der Diabetologie alle vier Wochen zu Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes nach Hause – nicht persönlich sondern per Videokonferenz. Mit der virtuellen Diabetesambulanz wollen die Macher diese Diabetesform, die stets ein Insulintherapie erfordert, optimal behandeln und die krankheitsbedingten Belastungen reduzieren.

Jahr für Jahr wächst die Zahl der unter 16-Jährigen mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes um fast vier Prozent.

Quelle: Fotolia

„Diabetes gehört zu den Erkrankungen, bei denen sich Telemedizin ganz besonders anbietet“, sagt Simone von Sengbusch. Unter Federführung der Kinderdiabetologin wurde am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein im Juli 2017 die Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche (ViDiKi) gestartet. Das telemedizinische Modellprojekt richtet sich an Typ-1-Diabetiker im Alter von eins bis 16, die ein Gerät zum kontinuierlichen Glukose-Monitoring (continuous glucose monitoring CGM) tragen. Bei den CGM-Systemen misst ein im Unterhautfettgewebe liegender Sensor in kurzen Zeitabständen den Zuckerspiegel. Die Werte werden dann drahtlos an einen Empfänger übertragen, dort angezeigt und gespeichert. Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes, deren Glukosespiegel oft schwankt, lässt sich mit der Kombination aus CGM und Insulinpumpe eine „tolle, stabile Stoffwechseleinstellung erreichen“, sagt von Sengbusch. „Dafür muss der Arzt die Daten allerdings durchsehen, mit Patient und Angehörigen besprechen, die Therapie entsprechend anpassen – und das regelmäßig.“

Zusätzliche Arztgespräche per Videokonferenz

 

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen in Schleswig-Holstein kommen dazu alle drei Monate in eines der beiden kinderdiabetologischen Zentren, die es im nördlichsten Bundesland nur an den Universitätskliniken in Lübeck und Kiel gibt. Ergänzend zu diesen regulären Arztterminen vor Ort werden die kleinen Patienten bei ViDiKi telemedizinisch betreut – in der Regel einmal im Monat, bei Bedarf auch öfter. Statt von ihrem Heimatdorf Obernwohlde nach Lübeck zu fahren, inklusive Parkplatzsuche und Wartezeit ein nachmittagfüllendes Programm, sitzt Sandra Abel gerade mit Tochter Lina und Sohn Merlin entspannt zu Hause vor dem Computer. Beide Kinder leiden seit ihrem dritten Lebensjahr an Typ-1-Diabetes. Mutter Sandra aktiviert die Webcam und loggt sich in ein gesichertes Videoportal ein. Auf dem Bildschirm erscheint Simone von Sengbusch, sagt allen hallo, fragt, wie es so geht.

Die gestern von Sandra Abel in einer verschlüsselten Email übermittelten Daten des CGM-Systems und der Insulinpumpe hat die Diabetologin inzwischen angeschaut, mit Anmerkungen versehen und zurückgeschickt. Jetzt gehen die beiden auf ihren Monitoren Merlins Auswertung durch und besprechen gemeinsam, wie sie die Therapie noch verbessern könnten. „Die Stoffwechseldaten nicht nur vierteljährlich sondern alle vier Wochen mit dem Arzt durchzugehen, ist ein großer Vorteil, der uns Sicherheit gibt“, lobt Sandra Abel. Bei akuten Problemen kann sie die Experten in der virtuellen Diabetesambulanz auch abseits der regulären Termine konsultieren. So wie neulich, als sich die Einstichstelle von Linas Insulinpumpe entzündete. Via Webcam begutachtete ein Arzt die Region und gab umgehend Entwarnung.

Versorgungsform soll Schule machen

Kinderdiabetologin Simone von Sengbusch bei der Telesprechstunde.

Quelle: UKSH

„Ziel von ViDiKi ist, Kinder mit Typ-1-Diabetes optimal zu versorgen und die Belastungen, die diese nicht heilbare Erkrankung für sie und ihre Familien mit sich bringt, zu verringern“, sagt von Sengbusch. Das Projekt läuft über drei Jahre, die Gesamtkosten in Höhe von 1,7 Millionen Euro werden aus dem Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) finanziert. Als Konsortialpartner mit im Boot ist die AOK Nordwest, die das Vorhaben als wegweisend bezeichnet. 240 Kinder und Jugendliche können zunächst für ein Jahr an ViDiKi teilnehmen. Anschließend besteht die Option, die digitale Sprechstunde bis Ende 2019 weiter zu nutzen, bei frei wählbarer Kontaktfrequenz.

Welchen Einfluss die neue Versorgungsform auf die Stoffwechsellage der jungen Patienten, ihre Lebensqualität und die Belastungen der Familie hat, wird in der ViDiKi-Studie ebenso analysiert wie die technischen Hürden und die Wirtschaftlichkeit. Abschließende Ergebnisse liegen zwar erst 2020 vor. Familie Abel, die bereits in der vorgeschalteten Erprobungsphase dabei war, hat ihr Urteil schon jetzt gefällt. Für sie als Dorfbewohner sei das Angebot perfekt, sagt Mutter Sandra. „Einen nennenswerten Unterschied zur persönlichen Beratung in der Lübecker Diabetesambulanz gibt es nicht.“ Die Abels könnten sich vorstellen, künftig einen Teil der Vor-Ort-Termine durch die telemedizinischen Besprechungen zu ersetzen und sich so die aufwändigen Fahrten in die Hansestadt zu ersparen. Den Studienergebnissen vorgreifen will Simone von Sengbusch nicht, einen Ausblick gibt die leitende Ärztin der virtuellen Diabetesambulanz dennoch: „Wenn es so gut funktioniert, wie wir erwarten, kann das Modell über Schleswig-Holstein hinaus Schule machen.“

Mehr im Internet:

Website der Virtuellen Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche

Pressemitteilung zum Start von ViDIKi

Ein Produktsystem eines Startups aus Potsdam legt selbständig ein lückenloses elektronisches Diabetes-Tagebuch an, auf das Patient und behandelnder Arzt Zugriff haben. Typ-1-Diabetiker mit schwer einstellbaren Blutzuckerstoffwechsel, die bei der AOK Nordost versichert sind, können das preisgekrönte Versorgungskonzept schon kostenfrei nutzen.

Ob und wie schnell sich die Telediabetologie in Deutschland etablieren kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben dem raschen Ausbau der Telematik-Infrastruktur gehört dazu die Aufnahme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Dies setzt voraus, dass die innovativen Versorgungsprogramme ihren medizinischen Nutzen unter Beweis stellen. Im Rahmen einer Pilotstudie ist das dem ESYSTA Produktsystem der Emperra GmbH E-Health Technologies bereits gelungen. Um ihren Versicherten den telemedizinischen Betreuungsansatz anzubieten, haben die AOK Nordost und das Startup mit Sitz in Potsdam im Herbst 2016 einen Versorgungsvertrag geschlossen.

Carsten Neumann nutzt Esysta schon eine ganze Weile. Der Geoökologe erkrankte mit 16 an einem insulinpflichtigen Typ-1-Diabetes. Seit die Diagnose gestellt wurde, kämpft er mit starken Schwankungen seines Glukosestoffwechsels und erhöhten Langzeitblutzuckerwerten. Damit zählt der Mittdreißiger aus Potsdam zu den Betroffenen, denen die AOK Nordost ESYSTA kostenfrei zur Verfügung stellt. „Um gefährliche Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden und Folgeerkrankungen vorzubeugen, ist bei diesen Patienten eine engmaschige Betreuung durch den Arzt besonders wichtig“, sagt Pramono Supantia, Leiter des Unternehmensbereichs Programme und Verträge. „Das bedeutet aber für beide Seiten einen hohen Aufwand, den wir mit unserem telemedizinischen Ansatz entscheidend verringern wollen.“

Automatisiertes Sammeln therapierelevanter Daten

Janko Schildt, Mitgründer der Emperra GmbH und als Geschäftsführer für die Bereiche Medizin und Technik verantwortlich, ist selbst Kinderarzt und betreut viele Diabetiker. Dabei fiel ihm auf, wie schwer sich die Betroffenen und deren Eltern oft damit tun, für die Behandlung unerlässliche Informationen zu dokumentieren. So entstand die Idee, eine technologische Lösung zu entwickeln, die therapierelevante Daten mehr oder weniger selbständig einsammelt. Weit über zehn Jahre liegt das zurück. Heute beschäftigt Emperra 16 Mitarbeiter und wurde 2015 für Esysta mit dem renommierten Digital Health Award des Munich Networks ausgezeichnet.

Das Telemonitoring-System besteht aus einem Blutzuckermessgerät und – bei der Einführung einzigartig – einem Insulin-Pen, die sich per Bluetooth mit einer Sendeeinheit verbinden. Die überträgt BZ-Werte und gespritzte Insulinmenge automatisch in eine sichere Cloud, wo sämtliche Daten eines Patienten gespeichert werden. Über ein Internetportal und eine App für Smartphone, Tablet und sogar einige Smart-TV-Fernseher können die Patienten jederzeit auf dieses lückenlose Diabetes-Tagebuch zugreifen. Carsten Neumann macht das mindestens einmal am Tag, vermerkt die gegessenen Broteinheiten und schreibt gegebenenfalls Kommentare ein, etwa dass eine Unterzuckerung mit dem Sport zusammenhing. Früher musste er Glukosespiegel und Insulindosis mit Multifunktionstasten und „mühsamer Scollerei“ in sein kleines Blutzuckermessgerät eintragen. Das kostete Zeit und fiel deshalb öfters unter den Tisch, wie Neumann zugibt. „Für mich ist es eine große Erleichterung, dass die Daten automatisch erfasst werden.“

Rote Ampel zeigt Probleme

Drei Ampeln, oben an einer Stange aufgehängt, vor blauem Himmel, nebeneinander: die linke zeigt rot, die mittlere gelb, die rechte grün.

Das ESYSTA-Ampelsystem mit vorgegebenen Grenzwerten ist für Diabetiker einfach und intuitiv gestaltet.

Quelle: Veniamin Kraskov/Fotolia

Über- und Unterzuckerungen, Zahl der täglichen Glukosebestimmungen, Zeitabstand zwischen messen und Insulin spritzen – therapeutisch relevante Parameter veranschaulicht bei ESYSTA ein Ampelsystem mit vorgegebenen Grenzwerten. Einfach und intuitiv sei das, lobt Carsten Neumann. „Die Ampel gibt mir ein eindeutiges Zeichen, wo es hakt.“ Grün heißt alles okay, gelb könnte besser sein, bei Rot klingeln seine Alarmglocken und meist auch das Telefon. Dran ist dann entweder der Diabetes-Coach, der zum Programm gehört, oder seine Ärztin, der Neumann Zugriff auf das Portal erteilt hat. „Sie schaut regelmäßig in meine Daten, denn wenn mehrere Glukosewerte fehlen, weil ich nicht gemessen habe, bekomme ich einen Anruf“, berichtet Typ-1-Diabetiker aus Potsdam.

Wie Pramano Supantia betont, soll das telemedizinische Versorgungskonzept die regelmäßigen Termin beim Diabetologen nicht ersetzen sondern ergänzen. Droht bei einem Patienten mit schwer einstellbarem Diabetes der Glukosestoffwechsel aus dem Lot zu geraten, kann der Arzt das aber jederzeit sehen und umgehend intervenieren. Dass Esysta die Zahl der Notfallbehandlungen wegen Blutzuckerentgleisungen verringert und die Langzeitblutzuckerwerte senkt, hat eine Pilotstudie bereits gezeigt. Die AOK Nordost will ihr Engagement im Bereich der Telediabetologie weiter ausbauen. „Das ist eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen“, meint Supantia. Der Programmchef geht davon aus, dass die vielen Millionen Diabetiker telemedizinische Versorgungskonzepte zunehmend von ihrem Arzt einfordern. Dafür spricht eine repräsentative Umfrage aus dem letzten Jahr. Demnach können sich sechs von zehn Bundebürgern vorstellen, den eigenen Gesundheitszustand im Krankheitsfall per Telemedizin überwachen zu lassen.

Mehr im Internet:

Website der Emperra GmbH

Pressemitteilung der AOK Nordost zum Versorgungsvertrag

Gewicht normalisieren, die richtige Ernährung, regelmäßige Bewegung – was für eine erfolgreiche Therapie des Typ-2-Diabetes notwendig ist, fällt vielen Betroffenen schwer. Das telemedizinische Lebensstil-Interventions-Programm TeliPro bietet den Betroffenen Unterstützung bei diesen Verhaltensänderungen.

Stephan Martin.

Quelle: DITG Online-Plattform

Regelmäßige Messungen des Glukosespiegels, sowie eine individuell angepasste Therapie mit blutzuckersenkenden Medikamenten und - im fortgeschrittenen Stadium – mit Insulin spielen auch beim Typ-2-Diabetes eine zentrale Rolle. Um diese mit Abstand häufigste Form der Zuckerkrankheit optimal zu behandeln, ist es allerdings ähnlich wichtig, sich ausgewogen und gesund zu ernähren, Übergewicht zu reduzieren und sich viel zu bewegen, nicht nur vorrübergehend sondern dauerhaft. Meist bedeutet das eine einschneidende Umstellung der bisherigen Lebensgewohnheiten, die den Patienten im Alltag häufig Schwierigkeiten bereitet, wie Stephan Martin berichtet. Nur einmal im Quartal in die Praxis zu kommen und darüber zu reden, reiche oft nicht aus, sagt der Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf. „Viele Patienten müssten bei den Verhaltensänderungen mehr unterstützt werden, doch das kann der behandelnde Arzt vor Ort alleine gar nicht leisten.“

Bernd Altpeter.

Quelle: DITG Online-Portal

Deshalb haben das WDGZ und das Deutsche Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG) das telemedizinische Lebensstil-Interventions-Programm TeliPro ins Leben gerufen. „Mit TeliPro wollen wir bei Typ-2-Diabetikern die Lücke zwischen den Arztbesuchen schließen“, sagt DITG-Geschäftsführer Bernd Altpeter. Jeder Teilnehmer erhält zu Beginn ein Blutzuckermessgerät, eine Waage und einen Schrittzähler. Die damit ermittelten Daten werden via Bluetooth automatisch an ein smartphoneähnliches Übertragungsgerät und von da weiter an eine Internet-Plattform gesendet. Entwickelt wurde das Online-Portal vom Anwendungszentrum SYMILA des Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) in Hamm.

Coaches wachen und helfen

Auf diesem Herzstück von TeliPro, welches das FIT in einem eigenen Rechenzentrum betreibt, werden sämtliche Daten eines Patienten gesammelt, analysiert und grafisch aufbereitet. Zugriff haben die Teilnehmer selbst, von ihnen autorisierte Personen wie der Ehepartner oder andere Familienangehörige und die speziell geschulten persönlichen Berater beim DITG, die, so Altpeter, „entscheidend für den Erfolg des Programms sind.“ Zu Beginn verabreden sich Coach und Diabetiker alle zwei Wochen zu einem Telefontermin. Dabei besprechen sie die Messdaten und legen gemeinsam konkrete Ziele für die kommende Zeit fest.

Wird ein definierter Richtwert nicht erreicht, beispielsweise die vereinbarten 10.000 Schritte am Tag, versendet das Portal automatisiert Warnungen, so dass die Coaches situationsangepasst intervenieren können. Umgekehrt haben die Patienten die Möglichkeit, Probleme bei der Umstellung ihres Lebensstils umgehend mit einem Experten zu bereden – und nicht erst Wochen später beim nächsten Arzttermin. In den Beratungsgesprächen erhalten die Betroffenen neben detaillierten Informationen über den Typ-2-Diabetes auch konkrete Tipps zu den Schlüsselthemen Bewegung und Ernährung.

Programm kommt in die Arztpraxen

Es ist eine Tabelle mit verbundenen Punkten und farbig unterlegten Begriffen zu sehen.

Durch TeliPro wird die automatische Erfassung via Blutzuckermessgerät oder manueller Erfassung in einer Datenbank möglich.

Quelle: DITG Online-Portal

Die DITG hat TeliPro jetzt dahingehend erweitert, dass sie niedergelassenen Hausärzten und Diabetologen die Portallösung zur eigenständigen Nutzung überlässt. „Wir befähigen das Praxispersonal, das zu machen, was bisher unsere Coaches übernommen haben“, erläutert Geschäftsführer Altpeter die dahinter stehende Idee. „Millionen Typ-2-Diabetiker bei ihren Lebensstiländerungen telemedizinisch zu unterstützen, können wir gar nicht leisten.“ Basierend auf den erhobenen Daten macht das Programm Vorschläge, welcher der hinterlegten Coaching-Pfade sich individuell für einen Patienten eignet. Altpeter spricht von einem intelligenten System. „Damit kommt die Telediabetologie in die Praxen und ist dort in den Behandlungsablauf eingebettet“, sagt er.

„Leider gibt es in der Ärzteschaft noch reichlich Vorbehalte gegenüber der Telemedizin“, weiß Stephan Martin, wissenschaftlicher Leiter des DITG. Doch nach und nach ändert sich das. Im aktuellen MLP-Gesundheitsreport befürworten 61 Prozent der über 500 befragten Ärzte den Ausbau telemedizinischer Angebote. Nach dem neusten Gesundheitsmonitor rechnen knapp zwei Drittel der rund 11.000 teilnehmenden niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten damit, das virtuelle Sprechstunden, Telemonitoring und anderes in fünf Jahren fester Bestandteil ihres Praxisalltags sein werden. Dass die Akzeptanz für die Telemedizin wächst, ist ebenso erfreulich wie notwendig, meint Diabetologe Martin. „Denn ohne diese Technologien werden wir die Versorgung der stetig wachsenden Zahl von Diabetespatienten nicht bewältigen.“

Mehr im Internet:

Website des Fraunhofer FIT zu TeliPro

Website des DITG zu TeliPro

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