BMBF-Fachprogramm Medizintechnik

Neue Strategie der Innovationsförderung

Das Bundesforschungsministerium hat das Fachprogramm Medizintechnik veröffentlicht, damit gute Ideen aus der Medizintechnik-Branche nicht in der Schublade bleiben, sondern schneller als bisher den Patienten erreichen.

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Mitte dieses Jahres hat das Bundesforschungsministerium das „Fachprogramm Medizintechnik“ (FPMT) veröffentlicht. Das FPMT ist der neue strategische Rahmen für die Innovationsförderung des Bundesforschungsministeriums im Bereich Gesundheitswirtschaft. Wo die öffentliche Förderung bisher überwiegend der Grundlagen- und Technologieforschung zu Gute kam, soll künftig der gesamte Innovationsprozess begleitet werden. So müssen Interessenten, die sich um eine Förderung bemühen, früh belegen können, dass ihr Produkt das Potenzial zur Integration in die Versorgung hat. von Tim Gabel

Das Fachprogramm Medizintechnik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung will versorgungs- und zugleich industrieorientierte Innovationen im Dienste der Patienten fördern. Dafür soll beispielsweise der Zugang zu Versorgungswissen erleichtert werden, damit Unternehmen ihre Entwicklungsideen und Produkte noch stärker am tatsächlichen Bedarf ausrichten können.

Im Vorwort des Fachprogramms Medizintechnik geht Bundesforschungsministerin Johanna Wanka auf die Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft ein.

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Mit entsprechenden Fördermaßnahmen, auch zum klinischen Bereich, und der engen Vernetzung von Industrie und Wissenschaft will man für die Zukunft sicher gehen, dass gute Ideen nicht in der Schublade bleiben, sondern schneller als bisher den Patienten erreichen.

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland befindet sich auf einem hohen Niveau. Innovative Medizinprodukte haben wesentlich dazu beigetragen. Sie sind gleichzeitig ein zentraler Treiber der deutschen Gesundheitswirtschaft. Doch „weltweit wandeln sich derzeit die Gesundheitssysteme und fokussieren stärker als je zuvor auf eine bedarfsorientierte Patientenversorgung. Für Medizinprodukte-Hersteller heißt das letztlich, dass sie den medizinischen Nutzen innovativer Produkte stärker belegen müssen“, heißt es im Vorwort des neuen Fachprogramms von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka. Sie benennt damit die zentrale Herausforderung der Branche. Innovationen müssen früh vom Ende her gedacht werden.

Strategieprozess identifizierte die Stellschrauben

Um die Stellschrauben der Innovationsförderung zu identifizieren, hat das Bundesforschungsministerium (BMBF) vor fünf Jahren gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheitsversorgung und der Selbstverwaltung  den Nationalen Strategieprozesses „Innovationen in der Medizintechnik“ ins Leben gerufen. Die Teilnehmer erarbeiteten Handlungsempfehlungen, die sich an Politiker, Branchenvertreter und andere Verantwortliche im Gesundheitssystem richteten. Mit dem Fachprogramm Medizintechnik setzt das BMBF die wesentlichen Handlungsempfehlungen um, die sich an die Forschungspolitik richten.

„Um Erfolge zu erzielen, ist es besonders wichtig, dass Forscher, Hersteller und Anwender zusammenarbeiten und Produkte gemeinsam von der Idee bis zur Marktreife bringen“, betonte Christoph Miethke, geschäftsführender Gesellschafter der Christoph Miethke GmbH & Co KG, bei der Präsentation des Fachprogramms. Nur auf diese Weise würden Wissen und Kreativität aller Beteiligten möglichst effektiv eingesetzt, sagte der Unternehmenseigner, der neben vielen anderen KMU-Vertretern den Strategieprozess der Bundesregierung begleitet hatte. Produktideen müssten von Beginn an nach ihrem Nutzen für die Patientenversorgung bewertet werden, und während der Entwicklung müsse ein stetiger Dialog mit den klinischen Anwendern aufrechterhalten werden, so Miethke.

Aktives Leben bis ins hohe Alter

Medizinproduktehersteller Christoph Miethke (links) und BMBF-Staatssekretär Dr. Georg Schütte (rechts) bei der Vorstellung des Fachprogramms Medizintechnik in Berlin.

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Man wolle mit dem Fachprogramm Medizintechnik den Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft begegnen, erläuterte Georg Schütte, Staatssekretär des BMBF bei der Vorstellung des BMBF auf der Nationalen Strategiekonferenz 2016 in Berlin. Gleichzeitig solle das Fachprogramm dazu beitragen den Erwartungen an eine moderne und möglichst individuelle Medizin zu genügen und gleichzeitig das Gesundheitssystem zu entlasten. Innovative Produkte seien gefragt, die diesen Ansprüchen genügen. Sie könnten wesentlich dazu beitragen, „dass Menschen bis ins hohe Alter ein aktives Leben führen können und dass eine soziale Teilhabe von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gesichert ist“, erläuterte Schütte. Konkrete Anwendungsfelder sieht Schütte etwa in der technischen und telemedizinischen Unterstützung bei der Pflege älterer Menschen und bei der Versorgung auch in ländlichen Regionen.

240 Millionen Euro, also knapp eine Viertelmilliarde Euro, stehen in den nächsten fünf Jahren für die Umsetzung des Fachprogramms zur Verfügung. In den vergangenen Monaten war der politische Rückenwind für das Fachprogramm immer größer geworden. Ende April hatte der Bundestag den Antrag von CDU/CSU und SPD beschlossen, den Transfer von Forschungsergebnissen und Innovationen in die Gesundheitsversorgung zu beschleunigen. In diesem Antrag war unter anderem ein Fachprogramm Medizintechnik gefordert worden. Es dauere nach wie vor im Durchschnitt etwa 14 Jahre, bis ein neues Produkt oder eine neue wissenschaftliche Erkenntnis beim Patienten ankomme, sagt dazu Forschungspolitiker Stephan Albani (CDU). „Das ist für einen Menschen, der unter seiner Krankheit leidet oder die Diagnostik braucht, ein unerträglicher Zustand“, so Albani. Bei allen Beschleunigungsversuchen sei natürlich die Patientensicherheit die erste Priorität. „Es gibt im System aber viele Knackpunkte, die man beheben kann, ohne die Patientensicherheit zu gefährden“, sagte Albani im Bundestag.

Fünf Handlungsfelder für die Innovationsförderung

Diese „Knackpunkte“ und Bedarfe verortet das BMBF in seinem Fachprogramm in fünf Handlungsfeldern. Die Felder Patientennutzen, Innovationstreiber, Mittelstand, Innovationsprozess und Innovationssystem bilden den Handlungsrahmen für konkrete Fördermaßnahmen. Fester Bestandteil des Fachprogramms ist auch die Evaluierung dieser Fördermaßnahmen. Zum Ende der Aufbau- und Mobilisierungsphase und am Ende der zehnjährigen Laufzeit, also im Jahr 2026, sollen die mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen auf das Innovationssystem Medizintechnik nachgewiesen werden.

Nicht jede neue Technologie ist gleichzeitig eine Innovation. Nur wenn eine neues Medizinprodukt eine verbesserte Gesundheitsversorgung garantiert und seinen Nutzen für den Patienten belegen kann, erfüllt es diese Definition.

Die Gesundheitsversorgung von Kindern zu verbessern ist eines der Ziele, die das Bundesforschungsministerium mit dem Fachprogramm erreichen will.

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„Nicht die Technologie ist der Wert, sondern der medizinische Fortschritt“, sagt Professor Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin. Seiner Auffassung nach definieren drei patientenzentrierte Endpunkte eine Innovation: Reduktion der Mortalität und Morbidität sowie eine Steigerung der Lebensqualität. „Meiner Auffassung nach sollte in mindestens einem der drei Endpunkte ein Unterschied von 15 Prozent zum Standardverfahren messbar sein“, so Köhler. Aus diesem Grund, meint der Mediziner, sollten sich Forscher und Entwickler zwei Fragen stellen: „Welche spezifischen Anforderungen stellen Patienten an eine innovative medizintechnische Lösung?“ und „Wie kann ich mein Produkt in das bestehende Versorgungsumfeld integrieren?“

Krankheitsbilder, Patientengruppen und Behandlungspfade

Beantworten kann diese Fragen nur, wer Patientenversorgung und Behandlungsabläufe im Detail kennt. Im Fokus des Handlungsfelds Patientennutzen stehen daher relevante Krankheitsbilder, Patientengruppen oder Behandlungspfade. Das BMBF stellt dabei vor allem chronische Erkrankungen sowie psychische und neurologische Krankheitsbilder heraus. Daneben soll die Forschungs- und Entwicklungsförderung auch Patientengruppen mit spezifischem Versorgungsbedarf in den Blick nehmen: Hier wird insbesondere die Versorgung von Kindern und Menschen mit Funktionsstörungen als besonders relevant angesehen. Schließlich zielt die Förderung auf neue Versorgungsmodelle ab. Vor allem Lösungen für die mobile und ambulante Versorgung von Patienten seien hier gefragt, wie auch der Ausbau der Selbstbeteiligung der Patienten im Versorgungsalltag. Innovative medizintechnische Lösungen sollen entlang von Behandlungspfaden entwickelt werden. Entlang dieser Pfade gilt es, die Effektivität der Behandlung und damit den Patientennutzen stetig zu steigern.

Nicht nur für die Gesundheitsversorgung der Patienten ist die Fokussierung auf eine stärker bedarfsorientierte Entwicklung von Medizinprodukten entscheidend. Die Forschungsförderung hat auch im Blick, dass die Gesundheitssysteme weltweit unter einem hohen Anpassungs- und Kostendruck stehen.

„Aufgrund des demografischen Wandels und der gesteigerten Anspruchshaltung der Patienten braucht das Gesundheitssystem Innovationen, um den daraus erwachsenden Anforderungen gerecht werden zu können. Die Unternehmen wiederum brauchen Innovationen, die gezielt auf den Patientenbedarf zugeschnitten sind, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Dr. Gabriele Soskuty, Vizepräsidentin der Abteilung „Global Government Affairs & Market Access“ beim Medizinproduktehersteller BBraun. Dass zunehmend die Nutzenbewertung von Produkten vor einen möglichen Marktzutritt geschaltet wird, hängt eng mit dem zunehmenden Kostendruck in den Gesundheitssystemen zusammen.

Während das Innovationssystem Medizintechnik traditionell stark technologiegetrieben war, wird der Gesundheitsmarkt inzwischen maßgeblich von der Nachfrage geprägt. Effektivität und Effizienz in der Versorgung werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren. Der tatsächliche Versorgungsbedarf und die digitale Transformation werden künftig zentrale Innovationstreiber des Gesundheitswesens sein.

Digitalisierung verändert Anforderung an die Gesundheitsversorgung

Die bietet Chancen für ein effizienteres Gesundheitssystem.

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Zentrales Element im Handlungsfeld Innovationstreiber ist es daher, Innovatoren schon im Entwicklungsprozess den Zugang zu Versorgungswissen über die spezifischen Patientenbedarfe und das sich im Zuge der Digitalisierung wandelnde Versorgungsumfeld zu erleichtern. Das BMBF will Strukturen und Schnittstellen zur Nutzung von Versorgungswissen schaffen und ausbauen. Die Zusammenarbeit mit medizinischen Fachgesellschaften soll intensiviert werden, damit KMU stärker bedarfsgetrieben innovieren können. Neben Geld wird also künftig auch mit Informationen und spezifischem Wissen gefördert. Der Versorgungsbedarf ist für einzelne Produkte aber auch gesamtgesellschaftlich gesehen nicht zementiert. Krankheiten, Patientengruppen und das Versorgungsumfeld ändern sich immer wieder. Der Diskurs zur Bewertung und Definition von Versorgungsbedarfen im Austausch mit allen Akteuren wird vom BMBF unterstützt. Register, Plattformen, Modellvorhaben und eine internationale Zusammenarbeit sind mögliche Elemente einer Innovationspartnerschaft von Wissenschaft und Wirtschaft zur Deckung von Versorgungsbedarfen.

Die zunehmende Digitalisierung des gesellschaftlichen Lebens verändert auch die Anforderungen an eine moderne Gesundheitsversorgung und bietet zugleich Chancen für ein effizienteres Gesundheitssystem. Allerdings sind Zeitpunkt und Umfang bestimmter Ausbaustufen eines digitalisierten Gesundheitssystems schwer zu beurteilen. „Die Integration digitaler Innovationen in die Versorgung ist für Unternehmer kaum einschätzbar. Dies erhöht das Risiko, dass eine Innovation nicht zur rechten Zeit, am rechten Ort und im richtigen System das Licht der Welt erblickt. Das Fachprogramm wird daher die Vernetzung der Medizintechnik- mit der IT-Branche forcieren. Zudem sind die Entwicklung des Rechts- und Normenrahmens aktiv zu begleiten und geeignete Förderinitiativen unter Einbindung entsprechender Experten des Versorgungssystems aufzusetzen“, heißt es dazu im Fachprogramm. Mit der Fördermaßnahme „Medizintechnische Lösungen für die digitale Gesundheitsversorgung“ wird diese Entwicklung aktuell vom BMBF begleitet.

Die Medizintechnikindustrie in Deutschland ist eine höchst innovative und wachstumsstarke Branche. Neben einigen Großunternehmen bilden die rund 1.200 kleinen, mittleren und mittelständischen Unternehmen (KMU), die der aktuelle Spectaris-Branchenbericht aufführt, das innovative Rückgrat der Branche.

Rund 1.200 kleine und mittelständische Unternehmen der Medizintechnikbranche beschäftigen rund 117.000 Mitarbeiter.

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Mit rund 117.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 23 Milliarden Euro ist die Branche eine wichtige Säule der deutschen Gesundheitswirtschaft. Mit einer Exportquote von 68 Prozent in 2015 sind die deutschen Firmen international gut aufgestellt und gehören in etlichen Bereichen zur Weltspitze. Ausgangsbasis für den wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Medizintechnik im In- und Ausland sind insbesondere die vielen innovativen Produkte: rund ein Drittel des Umsatzes wird mit Produkten erzielt, die jünger als drei Jahre sind.

Künftig werden die Anforderungen an Patientensicherheit und Patientennutzen auch durch die kürzlich beschlossene EU-Medizinprodukteverordnung weiter steigen. So werden innovative Medizinprodukte in Zukunft schon vor der Kostenerstattung ihren Nutzen und die Kosteneffizienz in klinischen Studien nachweisen müssen. Diese Entwicklung belastet gerade die für die Branche so wichtigen kleinen und mittleren Familienunternehmen und den Mittelstand. „Großunternehmen können Wachstumsdynamiken besser wegstecken und sich den ein oder anderen Fehlschlag leisten“, meint Stephan von Bandemer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Technik mit dem Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft. „Außerdem verfügen Großunternehmen über Reimbursement-Abteilungen und genügend Eigenkapital, um die Entwicklung von Innovationen selbst zu finanzieren und anschließend zu refinanzieren“. Eine wachsende Interdisziplinarität und die zunehmende Komplexität der Entwicklungsprozesse machen kleinen Unternehmen darüber hinaus zu schaffen.

Mehrere Fördermaßnahmen für den Mittelstand

Das Handlungsfeld Mittelstand zielt daher darauf ab, kleinere und mittelständische Unternehmen dabei zu unterstützen, erfolgreich in diesem regulativen Umfeld neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Dazu bietet das BMBF inzwischen auf den Mittelstand zugeschnittene Förderrichtlinien, die im Fachprogramm nun auch langfristig verankert sind. Mit „KMU-innovativ Medizintechnik“ etwa haben Mittelständler ein verlässliches Förderangebot für FuE-Projekte. Gefördert werden hier Projekte der industriellen Forschung und experimentellen Entwicklung, die durch ein hohes wissenschaftliche-technisches Risiko gekennzeichnet sind. Sie sollen darüber hinaus einen belegten medizinischen Bedarf decken und eine Umsetzung im ersten oder zweiten Gesundheitsmarkt erwarten lassen. Die bereits im Handlungsfeld Innovationstreiber erwähnte Maßnahme Industrie-in-Klinik-Plattform richtet sich ebenfalls gezielt an KMU.

Als Basis für Innovationen in der Medizintechnik hat die angewandte Grundlagenforschung große Bedeutung. „Das BMBF unterstützt die Förderung von Schlüsseltechnologien für die Medizintechnik im erheblichen Umfang. Bis 2020 stehen etwa 200 Millionen Euro im Rahmen der einschlägigen Forschungsprogramme zur Verfügung“, heißt es im Fachprogramm.

Ein wichtiges Element der Förderstrategie im Bereich Medizintechnik, die mit dem Fachprogramm für die nächsten zehn Jahre festgelegt wurde, wird sein, die Anschlussfähigkeit von Innovationen in den Schlüsseltechnologien in die Versorgung zu gewährleisten. „Entwicklung und klinische Prüfung werden künftig die erfolgskritischen Phasen im Innovationprozess von Medizinprodukten. Das Programm fokussiert daher auf diese Innovationsphasen und stellt sich anschlussfähig für die wissenschaftlich-technologische Forschung auf“, heißt es daher.

Dieser Paradigmenwechsel ist die Reaktion auf den Schlussbericht des Nationalen Strategieprozesses „Innovationen in der Medizintechnik“, ein Konsenspapier aller beteiligten Experten, das empfiehlt die Forschungsförderung des Bundes stärker bedarfsgetrieben auszurichten. Die Medizintechnik benötigt eine breite Technologiebasis. Neue Technologien sind ein Nährboden für innovative Produktideen. Sollen diese Eingang in die Versorgung finden, braucht es spätestens mit Eintritt in die Produktentwicklung spezifisches Versorgungs- und Methodenwissen, dessen Zugang und Vermittlung wie beschrieben eine zentrale Rolle im Fachprogramm spielt. Innovationsprozesse schneller, flexibler und nachhaltiger zu gestalten, um den Weg von der Forschung in die Anwendung zu verkürzen, ist das Ziel des vierten Handlungsfeldes.

Neue Methoden, um klinische Studien durchführbar zu machen

Damit Innovationen in die Versorgung gelangen müssen Forschung, Entwicklung und klinische Prüfung passfähig sein.

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„Da sind im Prinzip zwei Maßnahmen entscheidend: Dass die Innovationen schneller ins Entgeltsystem kommen, um Entwicklungen zu refinanzieren und dass die gigantischen Aufwendungen reduziert werden, die klinische Studien erzeugen“, sagt Heinrich Wecker, Geschäftsführer des Medizintechnik-KMU CeramTec GmbH. Das BMBF will mit dem Fachprogramm deshalb einen „klinischen Fahrplan“ erarbeiten, der eine standardisierte Überführung von Forschungsprojekten in die angewandte klinische Forschung und Entwicklung ermöglicht. In Aussicht gestellt wird etwa die Entwicklung von Methoden, die die klinische Erprobung flexibler gestalten. Außerdem sollen mögliche finanzielle Engpässe im Bereich der klinischen Studien überbrückt werden. „Wir müssen zum Beispiel ernsthaft über klinische Surrogatparameter nachdenken, die es ermöglichen, klinische Studien kompakter, flexibler und damit für KMU durchführbar zu machen“, sagt Staatssekretär Dr. Georg Schütte. In den USA seien beispielsweise bereits Registerdaten in klinische Effektivitätsbewertungen einbezogen worden. Auch aus Routinedaten, die ja ohnehin erhoben werden, ließen sich Aussagen über den medizinischen Nutzen eines Verfahrens ableiten. „Wir wollen ein Methodenrepertoire schaffen, dass dies in Deutschland ermöglicht. Bislang ist das noch nicht der Fall“, so Schütte.

Bei Medizinprodukten hänge die Wirkung – anders als bei Medikamenten – nicht pharmakologisch von einem Wirkstoff im Körper ab, sondern von vielen anderen Faktoren mehr: Davon, wie der Arzt das Medizinprodukt anwendet; davon, wie der einzelne Patient auf eine Anwendung reagiert; auch die Dauer der Anwendung einer Methode sei von Belang. „Deshalb sollten klinische Studien auf der Basis von Register- und Routinedaten durchgeführt werden können. Dann können KMU klinische Studien ,schaffen‘“, so Schütte.

Mit dem Fachprogramm will das BMBF auf diese Synergien bauen. Durch frühzeitige Kommunikation und Koordination zwischen Forschern, Entwicklern, Regulierungs- und Zulassungsinstanzen soll der Innovationsprozess beschleunigt werden.

Durch bessere Analyse, mehr Kommunikation und eine engere Vernetzung sollen Synergien im Innovationssystem Medizintechnik genutzt werden.

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„Es gibt im Innovationssystem Medizintechnik ein großes Potenzial für Synergien. Damit die Branche hochinnovativ bleibt, sollten diese Chancen durch Information, Vernetzung, Kommunikation und Koordination genutzt werden“, sagt Dr. Thomas Feigl, Geschäftsführer und Vorstand des Forum MedTech Pharma einem Cluster aus Medizintechnik-Firmen. Das Handlungsfeld Innovationssystem schreibt daher unter anderem den Dialog mit allen relevanten Akteuren des Nationalen Strategieprozesses „Innovationen in der Medizintechnik“ fort. „Der Strategieprozess kann die Handlungsfelder für die Forschungsförderung klar benennen. Zum Zweiten kann er dabei helfen Lösungen für diese Handlungsfelder zu entwickeln“, sagt Dr. Florian Frensch, Head of Strategy and New Business Development der Philips GmbH.

Informationsangebot ausbauen

Konkret unterstützt das BMBF zum Beispiel die Nationale Informationsplattform Medizintechnik (Medizintechnologie.de). Die Homepage vermittelt Innovatoren der Medizintechnik-Branche Informationen rund um das Thema Innovation und soll dabei behilflich sein, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen. Mit Medizintechnologie.de setzt das BMBF eine der zentralen Handlungsempfehlung des Strategieprozesses um. Einen besseren Zugang für Informationen will das BMBF auch in puncto internationaler Gesundheits- und Innovationssysteme gewährleisten. „Es ist von erheblicher Bedeutung für Innovatoren, den Versorgungsbedarf und damit die Passfähigkeit einer medizintechnischen Lösung im jeweiligen Gesundheitssystem bewerten zu können“, schreibt das BMBF im Fachprogramm. Und sieht zur Unterstützung vor, „innovationsrelevantes Versorgungswissen aus maßgeblichen Gesundheitssystemen weltweit zu sammeln, geeignet aufzubereiten und dieses Wissen Innovatoren zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen.“

Evaluierung der Innovationsförderung

Darüber hinaus wird auch die Beobachtung und Analyse des Innovationssystems und der Innovationsförderung selbst mit diesem Handlungsfeld abgedeckt. Das BMBF will die Versorgungs- und Markteffektivität der Förderung gezielt optimieren und dazu evaluieren: „Das Fachprogramm zielt darauf ab, Schritt für Schritt den Anteil geförderter und erfolgreich am Markt eingeführter Medizinprodukt-Innovationen zu erhöhen“, heißt es im entsprechenden Abschnitt. Um das zu gewährleisten und messbar zu machen, soll die Innovationskraft der deutschen Medizintechnik-Branche gemessen, die Markteffektivität und Versorgungsrelevanz der Forschungsförderung evaluiert und Ausfallursachen und -risiken von Medizinprodukten analysiert werden.

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär des Bundesforschungsministeriums, erklärt im mit Medizintechnologie.de-Redakteurin Jana Ehrhardt-Joswig die Herausforderungen und Erwartungen, die die Grundlage des Fachprogramms Medizintechnik sind. Er beschreibt den neuen Weg der Innovationsförderung.

Dr. Georg Schütte, Staatssekretär des Bundesforschungsministeriums, stellt bei der 2. Nationalen Strategiekonferenz „Innovationen in der Medizintechnik“, am 31. Mai 2016 in Berlin, das Fachprogramm Medizintechnik vor.

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Im vorliegenden Fachprogramm Medizintechnik vollzieht das BMBF einen Strategiewechsel – hin zu einer Innovationsförderung, die stärker bedarfsgetrieben ausgerichtet ist. Warum?

Dr. Georg Schütte: Zum einen steht die Gesundheitsversorgung in Deutschland angesichts des demographischen Wandels vor enormen Herausforderungen. Die Menschen werden immer älter, und im Zuge dessen nehmen muskuloskelettale Erkrankungen, Demenzen oder lebensstilassoziierte Erkrankungen wie Diabetes mellitus zu – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Patientinnen und Patienten an eine moderne und möglichst individuelle Medizin. Wenn wir über den eigenen Tellerrand hinausblicken, sehen wir in den Entwicklungsländern zwischen Arm und Reich oder zwischen Ballungsgebieten und dünn besiedelten Regionen eklatante Unterschiede in der Gesundheitsversorgung. Um diese Herausforderungen bewältigen zu können, brauchen wir innovative medizinische Lösungen, die exakt auf diese Bedarfe zugeschnitten sind. Zum anderen wandeln sich die Gesundheitssysteme weltweit hin zu einer stärker bedarfsorientierten Patientenversorgung. Das hat zur Folge, dass zunehmend nur noch Medizinprodukte ins System gelangen, deren medizinischer Nutzen frühzeitig belegt ist. In Deutschland hat der Gesetzgeber eine frühe und systematische Nutzenbewertung für Medizinprodukte der höheren Klassen eingeführt. Damit die Förderung also nicht ins Leere läuft, muss sich bereits im Entwicklungsprozess einer Innovation zeigen, dass sie in die Versorgung überführt werden kann. Dafür muss ihr nachweislich ein medizinischer Bedarf zugrunde liegen.

Es heißt auch, in der Forschungsförderung müssten neue Wege beschritten werden. Welche Wege sind das?

Schütte: Dem Fachprogramm liegen folgende Leitbilder zugrunde: Es rückt die Patienten und den Versorgungsbedarf stärker in den Fokus, stellt den Mittelstand ins Zentrum der Förderung, stärkt die Marktposition der Branche national und international und gibt Impulse für eine Innovationspolitik aus einem Guss. Innovationspolitik aus einem Guss heißt, dass sie auf der einen Seite das Patientenwohl, auf der anderen Seite die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Medizintechnikbranche berücksichtigt. Damit setzt das Fachprogramm die Handlungsempfehlungen aus dem Nationalen Strategieprozess „Innovationen in der Medizintechnik“ in die Tat um. Diesen Prozess hat das Bundesforschungsministerium gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesgesundheitsministerium ins Leben gerufen. Im Kern geht es darum, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems zu steigern und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der Medizintechnik zu stärken. Denn – ich sagte es bereits – das Patientenwohl ist eng an den medizinischen und technischen Fortschritt geknüpft. Und nur eine wettbewerbsfähige und leistungsstarke Medizintechnikbranche kann die Produkte dafür liefern. Wir erreichen diese Ziele, wenn wir den Innovationstransfer von der Entwicklung in die Versorgung beschleunigen, die Förderung von der Forschung stärker in Richtung Entwicklung verschieben und insbesondere den Mittelstand unterstützen – denn er ist das innovative Rückgrat der Branche.

Das Fachprogramm will nicht nur Innovationen fördern, sondern auch die innovationsrelevanten Komponenten der Versorgungsforschung stärken. Warum ist das dem BMBF ein Anliegen?

Schütte: Ich bin bereits darauf eingegangen, dass sich die Innovationsförderung stärker am Versorgungsbedarf ausrichten wird, ja muss. Den realen Versorgungsbedarf erkennen kann jedoch nur, wer über ein solides Versorgungswissen verfügt. Das liegt bisher oftmals nur fragmentiert und häufig informell vor. Deshalb wollen wir Versorgungswissen sammeln, analysieren und für Innovatoren aufbereiten lassen. Dafür werden wir die Unterstützung medizinischer Fachgesellschaften suchen. Informationen zum Versorgungsbedarf sollen dann KMU im Rahmen der Projektförderung zur Verfügung gestellt werden – eben damit sie stärker bedarfsgetrieben innovieren können. Darüber hinaus ist eine Versorgungsforschung vonnöten, um einschätzen zu können, ob innovative Produkte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Dieses Wissen ist unverzichtbar. Wir werden deshalb auch den Austausch zwischen Industrie und Versorgungsforschern forcieren und dafür geeignete Strukturen – beispielsweise Register oder Plattformen –schaffen oder vorhandene nutzen.

Wenn wir über die Zukunft der Patientenversorgung sprechen, müssen wir auch die zunehmende Digitalisierung berücksichtigen. Inwiefern trägt das Fachprogramm dieser Entwicklung Rechnung?

Schütte: Das Bundesforschungsministerium hat im vergangenen Jahr die Fördermaßnahme „Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung“ gestartet – mit so großem Zulauf, dass die Maßnahme anlässlich der Veröffentlichung des Fachprogramms in die zweite Runde geht. Das Ministerium leistet damit einen Beitrag zur Umsetzung der Digitalen Agenda der Bundesregierung. In meinen Augen hat die Medizintechnikbranche gute Chancen, zum Treiber der digitalen Transformation des Gesundheitssystems zu werden. Die Branche weiß, was erforderlich ist, um ein Medizinprodukt zu entwickeln, zuzulassen und erfolgreich am Markt zu platzieren. Gleichzeitig gilt es, die Chancen der digitalen Gesundheitsversorgung zu erkennen und umzusetzen, möglicherweise in Kooperation mit IT-Firmen, die andere Kompetenzen und die Fantasie für ganz neue Lösungsansätze einbringen können. Das Fachprogramm wird daher die Vernetzung der Medizintechnik- mit der IT-Branche forcieren. Beide Branchen werden davon profitieren. Wie auch wir, die Patientinnen und Patienten.

Vielen Dank für das Gespräch!

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