Australien

Der unterschätzte Kontinent

Im linken Vordergrund ist ein gelbes Achtung-Känguruhs-Schild mit dazugrhörigem "NEXT 20 km" zu sehen. Von rechts unten verläuft eine rote Straße geradeaus zum Horizont, links und rechts daneben roter Sand mit spärlichem Wüstenbewuchs. Darüber der Himmel ist strahlend blau.

Die Sonne brennt, die Wirtschaft floriert: In Australien gibt es auch für deutsche Medizintechnikunternehmen viel zu entdecken.

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Es tut sich was in Down Under: Die australische Wirtschaft boomt seit Jahrzehnten, die Regierung investiert Milliarden in das Gesundheitswesen – eine Situation, von der auch ausländische Health-IT-Firmen profitieren könnten. Doch vielen deutschen Unternehmen erscheint der Kontinent zu klein, die Entfernung für langfristige Geschäfte zu groß. Das könnte ein Fehler sein. von Romy König

Seit Jahren gedeiht die australische Wirtschaft. Doch das Land hat auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Wohlstandskrankheiten treiben die Gesundheitsausgaben in die Höhe.

Australiens Wirtschaft geht es prächtig: Der kleinste Kontinent der Welt kann auf 105 Quartale ohne Rezession zurückblicken. Er trotzte der Finanzkrise und stellt heute mit 26 Jahren wirtschaftlichen Wachstums einen weltweiten Rekord, wie Germany Trade and Invest (GTAI) berichtet. Die Analysten der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik schätzen, dass die australische Wirtschaft auch das laufende Kalenderjahr mit einem Bruttoinlandsprodukt-Plus von 2,0 Prozent abschließen wird. 2018 soll es gar mit einem BIP-Wachstum von mindestens 2,5 Prozent weitergehen.

Die derzeitigen Wirtschaftstreiber sind – nach einem zurückliegenden Bergbauboom – Dienstleistungen, unter anderem im Finanzsektor; sie machten 2015 knapp 72 Prozent des BIP aus (Finanzsektor allein: 8,7 Prozent). Ein weiterer Wachstumstreiber ist das Gesundheitswesen. Mehr als 154 Milliarden Australische Dollar (AUS-D), das entspricht etwa 111 Milliarden Euro, gaben die Australier 2013/2014 für Produkte und Dienstleistungen der Gesundheitswirtschaft aus. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 3,1 Prozent. Ein Trend, der sich fortsetzen wird: Um jährlich 3,4 Prozent – und damit stärker als das BIP – soll der Teilmarkt in den kommenden fünf Jahren steigen, so die GTAI-Prognose.

Australier werden älter und dicker

Im Gegenlicht sind die dunklen Silhouetten von einem übergewichtigem Paar zu sehen. Dahinter der Himmel mit untergehender Sonne und farbig leuchtenden Schön-Wetter-Wolken.

Die Australier werden immer dicker – 60 Prozent von ihnen sind übergewichtig.

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Grund für den Trend ist unter anderem Australiens Bevölkerungswachstum. Seinem Ruf als klassisches Einwanderungsland wird der Commonwealth immer noch gerecht, der Zuzug aus dem Ausland reißt nicht ab. Doch Australier bekommen auch mehr Kinder. 2015 lebten 23,8 Millionen Menschen auf dem Kontinent, ein Jahr später waren es 24,2 Millionen. In 60 Jahren, das legen Schätzungen laut GTAI nahe, wird sich die australische Bevölkerung verdoppelt haben.

Der kleinste Kontinent der Erde altert zudem stark: Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 82,15 Jahren ist die australische Bevölkerung eine der ältesten der Welt; 15 Prozent der Einwohner sind schon heute über 65 Jahre alt. Hörhilfen sind eine der größten Produktgruppen der australischen Medizintechnikindustrie – mit einem Umsatzwert von 671 Millionen US-Dollar liegen sie noch vor ärztlichen und chirurgischen Hilfsmitteln (624 Millionen US-Dollar).

Darüber hinaus werden Australier immer dicker. Eine Erhebung brachte 2012 zutage, dass 60 Prozent der Menschen in Australien  übergewichtig sind, ein Viertel davon ist sogar als adipös einzustufen. Bereits 2007 warnten Wissenschaftler, dass 25 Prozent der australischen Kinder unter 16 Jahren an Übergewicht leiden. „Wenn dieser Trend so weitergeht, werden bald zwei Drittel aller Australier übergewichtig sein“, so die Prognose des GTAI.

Damit einhergehen können Stoffwechselerkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Leiden wie Schlaganfall oder Herzinfarkte. Diabetes und hoher Blutdruck machen schon heute besonders der indigenen Bevölkerung zu schaffen: Laut GTAI leide derzeit jeder sechste Aborigine oder Torres-Strait-Insulaner über 24 Jahren an einer dieser Krankheiten. Daneben sind psychische Störungen in Australien recht verbreitet: Nach Schätzungen des Council of Australian Governments (COAG) wird jeder dritte Australier im Laufe seines Lebens an einem mentalen Leiden, zum Beispiel einer Depression, erkranken.

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Branche kompakt: Medizintechnik für Senioren in Australien gefragt

Australische Kliniken werden zurzeit zu wahren Hightech-Tempeln umgebaut.

Das Jahr 2011 war eine Wegmarke für das australische Gesundheitswesen: Nach dreijährigen Verhandlungen unterzeichneten alle Bundesstaaten gemeinsam mit dem Commonwealth ein National Health Reform Agreement und machten damit den Weg frei für eine umfassende Gesundheitsreform. Kern des Gesetzes: mit staatlichen Investitionen Kliniken und die Telemedizin zu fördern. Langfristig soll so die medizinische Versorgung der australischen Einwohner – auch außerhalb der Metropolen – verbessert werden.

Der australische Klinikmarkt umfasste 2014 laut dem Australian Institute of Health and Welfare 1.359 Krankenhäuser, davon 747 öffentliche und 612 private Einrichtungen. Insgesamt stellten sie 89.500 Betten bereit. Mit Investitionssummen von zum Teil mehr als einer Milliarde AUS-Dollar pro Einrichtung wurden zuletzt landesweit sechs neue Krankenhäuser geplant oder bereits gebaut. Was hier entsteht, sind wahre Hightech-Kliniken – wie das im September neu eröffnete Royal Adelaide Hospital in Südaustralien: Mit 2,3 Milliarden Dollar gilt das insgesamt zehn Hektar umfassende Klinikprojekt als derzeit teuerster Krankenhausbau der Welt. Etwa 85.000 Patienten sollen in dem staatlichen Haus jährlich stationär, weitere 400.000 ambulant behandelt werden, 40 Operationssäle stehen zur Verfügung. Zu den technischen Finessen gehören Tracking-Systeme, mit denen Medizingeräte innerhalb des Hauses geortet werden können, und kleine Roboter-Fahrzeuge, die Material anliefern.

VorhabenInvestitionssumme in US$*ProjektstandGetragen von...
New South Wales Regional Hospitals Package743,5 Mio. Tenderverfahren läuft NSW Government; teilweise PPP
Prince of Wales Hospital Reconfiguration and Expansion (Sydney, NSW)535,3 Mio. angekündigt NSW Government
Blacktown and Mt Druitt Hospitals (BMDH) Redevelopment - Stage 2 (Sydney, NSW) 520,5 Mio. Main Works Tender wird vergeben im Januar 2017 NSW Government
Campbelltown Hospital Redevelopment - Stage 2 (Sydney, NSW) 469,9 Mio. angekündigtNSW Government
Nepean Hospital Redevelopment (Sydney, NSW) 428,3 Mio. Baustart für Neubau ab 2018 geplant, Bauende 2021 NSW Government
New Tweed Heads Hospital (NSW)397,0 Mio. angekündigtNSW Government
Adelaide Women's Hospital (SA) 392,6 Mio. angekündigtSA Government
Concord Hospital Upgrade (NSW) 253,5 Mio. angekündigtNSW Government
Rouse Hill Hospital (Sydney, NSW)223,1 Mio.Planungsphase/BudgetNSW Government
Queen Elizabeth Hospital Emergency Department (SA) 185,9 Mio. angekündigtSA Government

* umgerechnet anhand des durchschnittlichen Wechselkurses von 2016: 1 AUS-Dollar = 0,7435 US-Dollar

Quelle: GTAI

Doch auch in weniger prestigeträchtige Häuser außerhalb von Metropolen wird investiert, etwa im Bundesstaat Victoria. Hier steckt die Bezirksregierung im laufenden Finanzjahr 2017/2018 knapp 430 Millionen Dollar in das Upgrade ihrer Kliniken. Über 160 Millionen davon erhält allein das Northern Hospital, ein Krankenhausverbund einige Meilen nördlich von Melbourne – vor allem um hier die „wachsenden Außenbezirke“ der Staatshauptstadt medizinisch zu versorgen, wie es in einer Regierungserklärung heißt. Mit der Finanzspritze wurde diesen Sommer unter anderem ein OP-Zentrum um zwei auf nun vier Operationssäle erweitert, womit jährlich 2.500 mehr Operationen möglich würden. „Das bedeutet, dass mehr Menschen ihre Eingriffe schneller und näher an ihrem Zuhause erhalten werden“, so Victorias Gesundheitsministerin Jill Hennessy.

Enorme Summen investiert die australische Regierung derzeit in E-Health-Anwendungen. Ihr vorrangiges Ansinnen: die Menschen auch außerhalb urbaner Zentren sowie im Outback medizinisch zu versorgen.

„Näher an ihrem Zuhause“ – das ist eine programmatische Ansage in einem Land, das sich auf 7,7 Millionen Quadratkilometer Fläche erstreckt. In Australien, dem sechstgrößten Land der Erde, kommen drei Ärzte auf 1.000 Einwohner. Je nach Wohnort müssen die Menschen lange Strecken für einen Arztbesuch auf sich nehmen. „Einige meiner Patienten waren 2.500 Kilometer gereist, um mich zu sehen“, berichtet Professor Dr. Michael Schütz, der über zehn Jahre die Unfallchirurgie am Princess Alexandra Hospital in Brisbane, Queensland, geleitet hat. Seit der Gesundheitsreform treibt die Regierung nun die Förderung neuer lokaler medizinischer Versorgungspunkte voran, Vor-Ort-Stationen, die für die Erstversorgung von Patienten zuständig sein sollen.

Ein Mann mit OP-Kleidung: kurzärmeliges weißes Shirt und OP-Haube. Er stützt mit dem rechten Arm auf einem Stehtisch mit Tastatur und Bildschirm mit Röntgenfotos der Halswirbelsäule aus zwei Perspektiven. Dahinter sind Menschen und Aparate aus dem OP-Bereich zu sehen.

Zehn Jahre als Arzt in Australien, nun an der Berliner Charité: Unfallchirurg und Australienkenner Professor Dr. Michael Schütz.

Quelle: Privat

„Eine solche Infrastruktur ist gerade für ein Land wie Australien mit seinen weiten Distanzen sehr wichtig“, sagt Schütz, der nach seiner Rückkehr aus Australien 2016 die Leitung des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie an der Berliner Charité übernommen hat. „Queensland ist viermal so groß wie Deutschland, besteht aber bis auf kleinere Ballungszentren hauptsächlich aus sogenannten Rural-and Remote-Areas“, aus Gegenden also, in denen nur wenige Menschen leben.

Um auch diese Einwohner medizinisch zu versorgen, führte Queensland schon vor zehn Jahren ländliche Versorgungsstellen für Notfälle ein. Sogenannte RIPRN-Fachkräfte (RIRPN = rural and isolated practice registered nurse) kümmern sich im Outback um eine schnelle Vor-Ort-Versorgung der Patienten und sind dafür telemedizinisch mit zwei Stationen in Brisbane und Townsville verbunden. „In den Stationen steht rund um die Uhr ein Senior Consultant, also ein erfahrener Notfallmediziner, bereit, der sich die eingehenden Laborwerte oder Röntgenbilder ansehen und die Nurses vor Ort in die Behandlung führen kann.“ Bei Bedarf veranlasst und organisiert die zentrale Stelle auch die Verlegung des Patienten, schickt etwa einen Hubschrauber. Schütz: „Das Modell ist dort heute etabliert.“ Und machte landesweit Schule.

Elektronische Patientenakte für alle

Rückgrat einer solchen Versorgungsform ist die Telemedizin. „Während Telemedizin in Deutschland oft als ein Nice-to-have gesehen wird, ist sie in Australien ein Muss“, so Schütz. Nicht nur um den Australiern lange Reisewege zum Arzt zu ersparen, „sondern auch, um Doppeluntersuchungen zu vermeiden.“. Das erkannte auch die Regierung des Commonwealth und brachte zuletzt eine elektronische Patientenakte auf den Weg: Über die national gesteuerte Plattform „MyHealth“ sollen spätestens ab 2018 alle Australier ihre Patientendaten online verwalten können. Röntgenbilder, Labordaten, CT-Scans, Arztbriefe, Impftermine – all diese Informationen werden dann digital hinterlegt sein.

„Das Besondere daran: Der Patient hat die Hoheit über die Daten“, so Schütz, „kann sie, wenn er will, jedem nach seinem Gusto zugänglich machen: ob seinem Hausarzt, seinem Facharzt – oder seiner Frau.“ Zehn Milliarden Euro soll das Projekt den Staat gekostet haben, „aber die hat er über die Reduzierung kostspieliger Doppeluntersuchungen bald wieder drin“, so die Prognose des australienerfahrenen Mediziners.

„MyHealth“ kommt an: Über fünf Millionen Australier, und damit mehr als ein Fünftel der Bevölkerung, haben schon heute einen aktiven MyHealth-Account. Neben den ersten Patienten sind derzeit bereits 10.600 Gesundheitseinrichtungen, darunter niedergelassene Ärzte, Kliniken und Apotheken, an die Plattform angeschlossen. 3,5 Millionen klinische Dokumente und 14 Millionen Rezepte wurden bislang hochgeladen. Das Programm ist für die Australier nicht verpflichtend, funktioniert aber auf Opt-Out-Basis, das heißt, die Bürger müssen sich aktiv austragen, wenn sie nicht daran teilnehmen wollen. Doch die Ausstiegsoption will laut einer Erhebung nur ein Prozent der Australier in Anspruch nehmen, wie Schütz aus Regierungskreisen weiß. „Die Digitalisierung ist in Australien schon lange angekommen.“

Health-IT: vielversprechende Nische

Auch das deutsche Bundeswirtschaftsministerium (BMWi), das den australischen Markt auf Geschäftsmöglichkeiten untersucht hat, ist optimistisch, was die Akzeptanz von Telemedizin Down Under angeht: Allein in einem Zeitraum von drei Jahren – zwischen Juni 2011 und März 2014 – seien in Australien bereits 169.000 Behandlungen per Telemedizin durchgeführt worden, so das BMWi in einem Positionspapier. Das Ministerium wertet diese Zahl nicht nur als Zeichen dafür, dass telemedizinische Anwendungen unter der australischen Bevölkerung Anklang finden, wie es schreibt: „Dass der E-Health-Bereich innerhalb der Gesundheitsreform Priorität genießt und mithilfe von konkreten Investitionen ausgebaut wird, eröffnet auch sehr gute Absatzchancen.“ Auch für deutsche Unternehmen: Neben Arztinformationssystemen würden auf dem Kontinent spezialisierte Lösungen wie Bildarchivierung und -verarbeitung, Spracherkennungssysteme oder Termin- und Ressourcenplanungssysteme gebraucht: „Diesen Spezialisierungen bieten sich vielerlei Absatzmöglichkeiten auf dem australischen E-Health-Markt.“

Australien hat eine tatkräftige Medizintechnikindustrie. Dennoch ist die Einfuhrrate hoch – mit Deutschland als zweitstärkstem Importeur.

Jüngste Branchenzahlen belegen den hohen Bedarf an Lösungen für den australischen Gesundheitsmarkt: Auf 4,8 Milliarden US-Dollar schätzt Marktbeobachter IBIS World das aktuelle Volumen des Medizintechnikmarktes auf der Pazifikinsel. Doch Australien hat mit 500 Inlands-Produzenten eine starke eigene Medizintechnikindustrie: Knapp 2,3 Milliarden US-Dollar setzten nationale Medizintechnikhersteller laut IBIS World 2016/2017 in ihrem Heimatland um. Den größten inländischen Branchenumsatz fuhren die Konzerne Resmed Holdings Limited (697 Millionen US-Dollar, 2015/2016), ein Anbieter von Medizintechnik für Atemwegsstörungen, und der Hörimplantatehersteller Cochlear (632,8 Mio. US-Dollar, gleicher Zeitraum) ein. Allerdings sind auch 35 Prozent der 500 Unternehmen Niederlassungen ausländischer Konzerne: Gleich hinter den australischen Umsatzschwergewichten liegen die in den USA angestammten Firmen Abbott Australasia und Baxter Healthcare mit jeweils 240 Millionen bzw. 150 Millionen US-Dollar Jahresumsatz.

Hoher Importbedarf

Trotz der aktiven eigenen Medizintechnikproduktion ist das australische Gesundheitswesen auf Importware angewiesen: 83 Prozent der benötigten Medizintechnik wird laut GTAI aus dem Ausland eingeführt. Größter Australien-Importeur auf dem Gesundheitsfeld sind die USA. Aber auch Deutschland versorgt das Land – als zweitwichtigster Importeur – mit seinen Produkten: Die in Australien verwendeten Röntgengeräte stammen zum großen Teil aus deutscher Produktion (Umsatzanteil von 28,4 Prozent und damit Hauptimporteur), und auch Elektrodiagnosegeräte setzen deutsche Hersteller in großer Zahl ab (20,1 Prozent).

In der oberen Bildmitte ist ein großer grauer Gebäudekomplex zu sehen. Davor eine Straßenkreuzung mit Autos und parkähnlicher Anlage ringsum.

Das Fiona-Stanley-Krankenhaus in Perth baut auf Siemens: Der Erlangener Hersteller hat hier zahlreiche bildgebende Geräte im Einsatz.

Quelle: Siemens

Die großen Player sind längst vor Ort: Der Technologiekonzern Siemens agiert seit 145 Jahren vor Ort mit eigenen Niederlassungen und heute 2.200 Mitarbeitern; 2011 erhielt das Erlangener Unternehmen den ersten Großauftrag im australischen Kliniksektor: die medizintechnische Ausstattung des neu gebauten Fiona-Stanley-Krankenhauses in Perth mit einem Volumen von umgerechnet etwa 78 Millionen Euro. 6.000 Geräte, von CT-Scannern bis Anästhesie-Systemen, stellt Siemens per Managed-Equipment-Service-Vertrag bereit. Zudem betreibt Siemens Australia eine Forschungskooperation mit der Monash University, hat am hiesigen Biomedical Imaging Research Center einen 3-Tesla-MRI-Scanner und ein MR-PET für Forschungszwecke im Einsatz.

B.Braun hat 1982 einen ersten Standort in Sydney eröffnet und bietet dort eine breite Palette von Endoskopen über Diabetes- und Wundversorgung bis hin zu Orthopädie an. Heraeus Medical operiert von einem Büro in New South Wales aus. Fresenius Kabi ist seit 2004 in Australien aktiv, betreibt heute drei Standorte auf dem Kontinent, bietet neben medizinischer Ausstattung pharmazeutische und vor allem onkologische Produkte an. Vor drei Jahren baute der Konzern eine 42 Millionen US-Dollar schwere Arzneimittelproduktionsanlage in Victoria.

Einfuhr ausgewählter medizintechnischer Produkte nach Australien (in Tsd. US-$)

Produktgruppe

2015

2016

davon aus Deutschland (2016)

Elektrodiagnoseapparate und -geräte

343.828

317.291

45.956

Röntgenapparate etc.

336.200

342.094

141.966

Sterilisierapparate

19.993

18.465

4.228

Rollstühle

40.174

39.533

1.136

Zahnmedizinische Instrumente

99.443

99.502

27.316

Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc.

369.182

391.518

9.040

Ophthalmologische Instrumente

83.692

78.907

11.424

Andere Instrumente, Apparate und Geräte

1.159.429

1.305.979

82.454

Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc.

294.551

311.283

14.019

Medizinmöbel etc.

94.648

95.754

12.093

Orthopädietechnik, Prothesen etc.

1.382.006

1.464.652

94.475

 

4.223.146

4.464.978

444.107

Quelle: Comtrade, zitiert nach GTAI

Etwas zäh läuft sie an, die Akquise deutscher Unternehmen für den Gesundheitsmarkt in Australien. Doch wenn die Firmen die Scheu vor der Entfernung einmal überwinden, winken Chancen.

So ganz auf dem Schirm hat die deutsche Gesundheitsindustrie Australien jedoch noch nicht, wie ein Wirtschaftsförderer, der namentlich nicht genannt werden möchte, durchblicken lässt: Bauunternehmen für Aktivitäten in dem fernen Kontinent zu gewinnen, wie es unlängst seine Aufgabe war, sei einfacher gewesen: „Da war die Lage offensichtlich, lagen die Geschäftsmöglichkeiten auf der Hand“, so der Australien-Fachmann. Aber die Chancen der australischen Gesundheitswirtschaft für Digital-Health-Firmen „herauszuarbeiten“, sei „diffiziler“: Den Deutschen erscheine der Markt zu klein, die Entfernung zu dem Kontinent auf der anderen Welthalbkugel zu groß.

Der Bedarf ist da

Und doch gibt es auch für Neulinge Geschäftsmöglichkeiten, weiß Britta Tonnätt. Die Projektmanagerin arbeitet bei trAIDe, einer Kölner Agentur, die kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums dabei unterstützt, im Ausland Fuß zu fassen. Vor einem Jahr führte Tonnätt Vertreter von 35 deutschen E-Health-Unternehmen durch die australische Gesundheitslandschaft, besuchte mit ihnen Kliniken, organisierte Treffen. „Die großen Firmen sind zwar schon alle in Australien vertreten“, sagt sie. Nun sei aber die Zeit für die kleineren Unternehmen, vor allem solche, die IT-Lösungen für den Medizinmarkt anbieten. „Dafür gibt es in Australien immer noch einen großen Bedarf.“

Rechts im Bild sitzt ein Mann im weißen Hemd und schaut auf drei nebeneinander angeordnete Bildschirme. Vor sich hat er eine schwarze Tastatur.

Insgesamt 16 Systeme für Telekonsile der Firma Meytec aus Brandenburg sind im australischen Victorian Stroke Medicine Network installiert.

Quelle: Meytec

Einer der Vorreiter ist Gerhard Meyer, mittelständischer Unternehmer aus Brandenburg. Er nahm 2013 mit seiner IT-Firma Meytec an einer internationalen Ausschreibung für das Victorian Stroke Telemedicine (VST) Network teil, ein telemedizinisches Schlaganfall-Pilotprojekt in Victoria, und setzte sich in der finalen Runde gegen einen US-Wettbewerber durch. Er bezeichnet es als große unternehmerische Herausforderung, „die riesige Entfernung von fast 16.000 Kilometern und den großen Zeitunterschied zu Deutschland“ zu überwinden. Heute hat seine Firma 16 mobile Telemedizin-Stationen sowie mehrere Server im VST-Netzwerk installiert. Etwa ein Dutzend australischer Neurologen und Schlaganfallexperten sind über das System mit kleineren lokalen Krankenhäusern verbunden, können so über hunderte Kilometer hinweg Patienten mit Schlaganfallsymptomen untersuchen und die Therapie festlegen.

Geschäftspotenzial für deutsche Unternehmen

Meyer könnte die Vorhut bilden: Prognosen zeigen laut trAIDe-Managerin Tonnätt, dass der australische Markt im Bereich Gesundheits-IT bis zum Jahr 2020 jährlich durchschnittlich um circa 12,3 Prozent wachsen wird. „Im Jahr 2020 wird er ein prognostiziertes Gesamtvolumen von etwa 2,21 Mrd. US-Dollar erreichen“, so die Außenhandelsexpertin. Ihre Agentur sieht mehrere Geschäftsfelder, in denen sich deutsche Firmen künftig einbringen können: zum einen bei der weiteren Umsetzung des MyHealth-Systems, zum anderen auch im Bereich von Schulung, Bildung und der Simulation medizinischer Angelegenheiten, mobiler Computing-Plattformen zur Datenanalyse und in der medizinischen Bildgebung. Auch für die klinische Analyse von Patientendaten würden Lösungen gesucht, ebenso Systeme, die den Patientenfluss, das Nachfrage- und operative Management steuern können. Ferndiagnose und -behandlung wird die Australier ebenfalls weiter beschäftigen, dafür einsetzbare Telehealth-Anwendungen werden weiter gefragt sein.

Ganz konkret verweist Tonnätt auf das George Institute for Global Health: Das in Sydney sitzende Forschungshaus setzt sich mit Mobiltechnologie im Gesundheitswesen auseinander, untersucht etwa, wie Textnachrichten Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen dazu anhalten können, ihre Medikamente zu nehmen. „Im Rahmen von Kooperationen mit dem Institut können auch deutsche Unternehmen von dem Know-how und den weiteren Forschungen des Instituts profitieren“, so Tonnätt.

Wer die regulatorischen Vorgaben wuppt, kann sich in Australien ein solides Standbein aufbauen, um mit seinen Produkten weiter nach Asien vorzudringen.

Bevor ein Gesundheitsprodukt auf dem australischen Markt verkauft werden kann, muss es zuerst bei der Therapeutic Goods Administration (TGA) registriert und im Australian Register of Therapeutic Goods (ARTG) aufgenommen werden. „Die Regelungen des TGA haben viele Ähnlichkeiten mit den EU-Regelungen“, so Tonnätt. Mehr als 36.000 medizintechnische Produkte waren 2012 in dem Register verzeichnet.

Es spreche einiges für ein Engagement in dem fernen Kontinent, sagt Britta Tonnätt von trAIDe: Die bürokratischen Prozesse seien kurz, Unternehmen könnten schnell gegründet werden. Schon heute sind laut GTAI 54 Prozent der australischen Medizintechnikunternehmen Start-ups. Zu bedenken sei aber, dass noch kein einheitlicher IT-Standard besteht. Auch bestätigt Tonnätt, dass Entfernung und Zeitverschiebung zu Schwierigkeiten führen könnten: „Für eine bessere Kommunikation, Koordination sowie ein besseres Verhältnis zu lokalen Partnern kann es daher ratsam sein, eine Zweigniederlassung in Australien zu eröffnen oder eine strategische Partnerschaft mit einem vor Ort ansässigen Unternehmen einzugehen.“

Startrampe für Asien-Pazifik

Links im Bild ist ein Teil einer Weltkugel zu sehen, mit grünen Landmassen und blauem Wasser. Links oben ist Südasien, darunter Australien/Ozeanien abgebildet. Es sieht aus, als ob die Weltkugel hell strahlt. Rechts daneben ist blau auf blau nochmals Asien und Australien zu sehen.

Von Australien aus lässt es sich gut in den weiteren Asien-Pazifik-Raum vorstoßen.

Quelle: aycee78 / Fotolia

Der größte Fehler, den Unternehmen machen könnten, sei, Australien als kleinen Markt abzutun. „Wir versuchen, die Firmen darüber aufzuklären, dass sie nicht nur Australien, sondern die ganze Region als Expansionsfläche sehen müssen“, sagt der Wirtschaftsförderer, der im Hintergrund bleiben möchte. „Immerhin ist Australien hier mittendrin.“ Das bestätigt Australienkenner und Charité-Professor Michael Schütz: „Australien bietet sich als Hub für Asia-Pacific geradezu an.“ Denn hätte ein Unternehmen in Australien erst einmal einen Fuß in der Tür, knüpft es automatisch Kontakte zu „vielen Asiaten, die auf der Insel studieren oder bereits arbeiten“. Schütz: „Irgendwann gehen viele von denen wieder zurück in ihre Heimatländer, Vietnam oder Korea zum Beispiel, und nehmen die Kontakte mit.“

Australien könnte sich so als Startrampe für eine weitere Ausdehnung entpuppen. „Natürlich gibt es auch noch Singapur als Hub – aber Australien ist uns Europäern von der Mentalität her näher, das Vertrauen wächst schneller“, so Schütz' Erfahrung.

Neue Fraunhofer-Initiative hilft Firmen

Auch Schütz wird sich bald gemeinsam mit Industriepartnern in Australien engagieren: Bei der Fraunhofer-Initiative InnoHealth, einer Aktion, mit der bis 2019 Geschäfte zwischen deutschen und australischen Unternehmen gefördert werden sollen, wird er zwei Projekte für den australischen Markt einreichen: eines beschäftigt sich mit atmungsaktiven orthopädischen Schuhen, ein anderes mit der Speicherung von medizinischen Daten auf Mobilgeräten. „Die Zeit für solche Engagements ist genau jetzt“, sagt der Australienspezialist. „Es gilt, auf den Zug aufzuspringen.“

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