Neue Geschäftsmodelle

Die digitale Kurve kriegen

Verschiedene Symbole sind in unterschiedlicher Größe und miteinander vernetzt, vor einem unscharfen Hintergrund dargestellt.

Auch wenn man das Wort nicht mehr hören mag: Die Digitalisierung der Medizin ist ein Megatrend. Medizintechnikunternehmen, die im Spiel bleiben möchten, sollten neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Quelle: Fotolia/wladimir1804

Die Zukunft des Gesundheitswesens ist digital – das sagen immer mehr Ärzte, Medizintechniker und Versicherer. Wer den Anschluss nicht verpassen möchte, sollte über neue Lösungen nachdenken. Zur Inspiration lohnt ein Blick über Branchengrenzen hinweg. von Romy König

Spinnert, verrückt, utopisch. Markus Müschenich hat sich einiges anhören müssen, als er vor zehn Jahren erste Szenarien für digitale Anwendungen in der Gesundheitswelt entwickelt hat. „Entweder fanden die Leute die Ansätze interessant, aber versponnen“, erinnert sich der gelernte Kinderarzt und ehemalige Vorstand der Sana-Kliniken. „Oder sie hielten den Einsatz von IT im Gesundheitswesen grundsätzlich für Teufelszeug.“

Kaum eine Dekade später ist die Welt eine andere: Apps zum Messen der eigenen Fitness und persönlicher Gesundheitswerte überschwemmen den Markt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe spricht bereits von 100.000 Gesundheitsapps, aus denen die Menschen derzeit wählen könnten, einer Masse an Anwendungen also, die es Bürgern, aber auch Ärzten heute schwer mache, „zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden“, so der Politiker. So werden heute etwa Diabetes-Management-Apps wie MySugr oder SiDiary auf IT-Konsumentenseiten vorgestellt und bewertet wie bisher nur Textprogramme, Browser oder Computerspiele.

Ein schwarzer und ein weißer Insulinstift mit einem kleinen Display zur Anzeige sind vor einem schwarzem Hintergrund zu sehen.

Der Insulinstift von Esysta funkt die Insulinwerte des Patienten an ein Portal, in dem die Behandlungsdaten ausgewertet werden.

Quelle: Emperra

Das Entwicklerkonzept von Janko Schildt dreht die Idee vom Diabetes-Monitoring noch um einiges weiter: Der Kindergastroenterologe, der auch heute noch in Teilzeit als Klinikarzt arbeitet, hatte 2008 die Idee für ein automatisiertes Telemonitoring für Diabetiker und gründete kurzerhand sein eigenes Medizintechnik-Unternehmen: Emperra. „Bei den aktuell genutzten Messverfahren müssen Diabetiker oder Pflegekräfte die Insulineinheiten manuell übermitteln oder aufwändig in ihren Diabetes-Aufzeichnungen vermerken“, sagt Schildt. Das koste nicht nur viel Zeit, die Daten seien auch manchmal kaum leserlich, unvollständig oder schlicht falsch. Das Besondere seines Systems, das er unter dem Markennamen Esysta vertreibt, ist ein funkbasierter Insulinstift, der die verabreichten Insulinwerte lückenlos zur weiteren Auswertung der Behandlungsdaten in ein spezielles Portal überträgt. Auch die Blutzuckerwerte vorab per webbasiertem Messgerät aufgezeichnet und Kohlehydrat-Einheiten werden dort dokumentiert. „Die Patienten benötigen weder ein Übertragungskabel noch eine spezielle Software; selbst das Drücken eines Übertragungsknopfes entfällt“, erklärt Schildt. Das Portal dient als automatisches Tagebuch, alle Daten können in ihren Zusammenhängen auf Monate hinaus zurückverfolgt werden.

Mittlerweile ist Emperra deutlich gewachsen, versammelt einen wissenschaftlichen Expertenbeirat um sich und arbeitet ständig an weiteren neuen digitalen Produktideen für die Diabetesversorgung. Das Esysta-System ist heute mitsamt Hard- und Software als Medizinprodukt zertifiziert und kann über ein einfaches Rezept verordnet werden.

Zu sehen ist das Portrait eines Mannes mit grau mellierten kurzen Haaren und Brille, der in die Kamera schaut. Er trägt ein hellblaues Hemd und ein schwarzes Sakko.

Galt vor zehn Jahren als Utopist, heute als Pionier der Internetmedizin: Dr. Markus Müschenich.

Quelle: Müschenich

Ohne falsche Ehrfurcht

Erfolgsgeschichten wie diese zeigen, wie weit die Professionalisierung im digitalen Gesundheitsmarkt gediehen ist. Auch Markus Müschenich, der vermeintliche Utopist, ist am Ball geblieben: Vor knapp vier Jahren gründete der Gesundheitsmarktexperte, der auch Vorstandsmitglied des Bundesverbands Internetmedizin ist, Flying Health. Das Unternehmen unterstützt Start-ups dabei, ihre Geschäftskonzepte auf den Markt zu bringen. Müschenich merkte bald, wo der eigentliche Bedarf liegt: im Zusammenbringen zweier Welten. „Diese jungen Gründer haben zwar großartige Ideen, weil sie dem Gesundheitswesen ohne Angst gegenübertreten, ihre Lösungen ohne den sonst bremsenden Respekt entwickeln“, erklärt der Start-up-Experte. Doch sie wüssten zu wenig Bescheid über das Gesundheitswesen und seine speziellen Befindlichkeiten. Auf der anderen Seite erkannte Müschenich ein gesteigertes Interesse bei den „Playern“, den Versicherern, Pharmafirmen, Krankenhäusern, Industrieunternehmen und entschied, als Mittler zu fungieren. Seine Beobachtung: „Die meisten Firmen und Organisationen haben mittlerweile erkannt, dass IT im Gesundheitswesen keine Blase ist, dass die Firmen, wenn sie die digitale Transformation nicht mitmachen, zwangsläufig den Weg von Quelle oder Kodak gehen.“ Quelle und Kodak der Versandhandelriese und die Ikone der Fotografie verpassten den Trend zu Onlinehandel und Digitaltechnik, mussten beide schließlich Insolvenz anmelden.

Auch traditionsreiche Unternehmen sollten sich deshalb beeilen, die digitale Kurve zu kriegen. Beispiele aus anderen Branchen machen es vor, etwa Miele: Der Haushaltsgerätehersteller aus Gütersloh brachte schon vor einigen Jahren vernetzungsfähige Küchengeräte auf den Markt, die per App gesteuert werden können. Jüngster Coup ist eine Waschmaschine mit digitalem Dosiersystem: Ist die Waschmittelkartusche so gut wie leer, sendet die Elektronik eine Nachricht aufs Smartphone. Der Nutzer kann per Knopfdruck neues Waschmittel nachbestellen, und zwar direkt im Miele-Onlineshop.

Traditionshäuser: „Müssen so flexibel wie Start-ups sein“

Entwickelt wurde die digitale Waschmaschine noch unter dem langjährigen Miele-Technik-Geschäftsführer Eduard Sailer, ein bekennender Fan der Gerätevernetzung. Bevor er sich zum vergangenen Jahreswechsel in den Ruhestand verabschiedete, beschwor er nochmal die gewünschte weitere Marschrichtung: „Als digital natives' denken junge Leute bei neuen Technologien oftmals konsequenter und radikaler als meine Generation, und das brauchen wir auch“, sagte der 61-Jährige. „Auf diesem Gebiet müssen wir so flexibel wie Start-up-Unternehmen sein.“

Oder sich mit Start-ups zusammen tun, wie es Müschenich propagiert: Sein im vergangenen Jahr gegründetes und vom Bundesforschungsministerium gefördertes Projekt „Flying Health Incubator" bringt junge Tüftler und alte Hasen zusammen. Neun Partner hat er bereits im Boot, und genauso viele Start-ups begleitet er derzeit. „Wir bilden in unserem Reallabor das Gesundheitswesen als digitalen Mikrokosmos ab.“ Zwei Klinikketten, darunter Müschenichs früherer Arbeitgeber Sana sowie der christliche Krankenhausverbund Agaplesion, sind dabei; der Medizinkonzern Pfizer sowie der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) vertreten die Pharmaindustrie, und zwei Krankenkassen eine gesetzliche und eine private die Kostenträger. Die Forschersicht wird beigesteuert vom Zentrum für Klinische Forschung des Unfallkrankenhauses Berlin. Auch ein Anbieter von Arztsoftware beteiligt sich am Ideenaustausch. „Wir haben sie alle ins Boot geholt, weil wir mit unseren Partnern ganze geschlossene Versorgungsketten bauen wollen“, erklärt Müschenich.

„Fahrer soll entspannter aussteigen, als er ins Auto eingestiegen ist“

Ein Glied in dieser Kette überrascht dann aber doch: Als einer der Gründungspartner ist der Automobilhersteller Audi mit eingestiegen. Das Ingolstädter Unternehmen hatte zuvor ein neues Geschäftsfeld lanciert: Unter dem Begriff „Automotive Health“ wolle es künftig „mit Services und Funktionalitäten die Gesundheit und Fitness während der Autofahrt beeinflussen“, so Audi-Vorstandsmitglied Dietmar Voggenreiter. Ziel der aktuellen Forschungsarbeit, die bereits seit zwei Jahren läuft, sei ein vollvernetztes Fahrzeug, das die gegenwärtige Stimmung des Fahrers erkennt, also wahrnimmt, ob er müde ist oder gestresst. Es schlägt ihm dann Musik vor oder regt ihn zu einer Atemübung an. Dazu dienen Sensoren im Auto sowie Fitnessarmbänder oder Smartwatches, die verschiedene Vitalparameter des Fahrers aufzeichnen und an dessen Smartphone senden. Von dort werden sie über eine App an das Auto übertragen.

Die Fahrzeugsensorik liefert zusätzliche Analysewerte, zum Beispiel über die Art und Schnelligkeit der Lenkbewegungen. Registriert der Wagen, dass der Fahrer gestresst ist, bietet er zum Beispiel eine Massage über im Sitz befindliche Druckpunkte an der Fahrersitz wird zum Massagesessel. Oder das Auto reguliert automatisch die Beleuchtung oder Temperatur im Innenraum. Dem System hinterlegt sind außerdem Algorithmen, die nach und nach den Fahrer und sein Fahrverhalten kennenlernen, aber sich auch merken, was der Fahrer schätzt, was ihm gut tut.

Zu sehen sind die Hände eines Autofahrers am Lenkrad eines Audi. Am Handgelenk trägt er eine digitale Armbanduhr.

Audi will nicht nur das Wohlbefinden des Fahrers messen und eventuell mit einer Massage im Fahrersessel steigern. Im selbstfahrenden Fahrzeug soll der Fahrer künftig auch eine virtuelle Sprechstunde mit seinem Arzt abhalten können.

Quelle: Audi

Projektleiterin Christiane Stark ist die maßgebliche Ideengeberin für das System, das der Konzern „Audi Fit Driver“ genannt hat: „Die Vision ist ein Fahrer, der am Ziel entspannter aus dem Auto aussteigt, als er eingestiegen ist.“ Entspannter und vielleicht auch gleich von einem Arzt begutachtet? Soweit gehen zumindest bereits die Pläne, die sich zwischen Markus Müschenich, Audi und dem Start-up Patientus im gemeinsamen Think Tank entsponnen haben: Wenn, wie es Automobilhersteller wie Audi zumindest anpeilen, künftig das Auto streckenweise selbstständig fahren können soll, der Fahrer also im Cockpit viel Zeit und Ruhe hat, könne er doch gleich bei einem Arzt vorbeischauen virtuell natürlich. Hier kommt Patientus ins Spiel, die Firma, die eine Online-Sprechstunde entwickelt hat und ebenfalls zum Flying-Health-Brutkasten gehört. Sie soll die Infrastruktur für die erste Arzt-Visite im Auto bereitstellen. Noch im zweiten Halbjahr dieses Jahres wollen die Entwickler ihr ungewöhnliches Projekt pilotieren, verrät Müschenich.

Wünsche der Versicherten: Früher Akupunktur, heute die App

Und was haben die Krankenkassen von all den Vorstößen von Industrie und Internetkennern? Auf alle Fälle zeigen sie immer größeres Interesse, mitzuwirken. Nicht ohne Grund hat Müschenich die Barmer Ersatzkasse und den Privatversicherer Signal Iduna mit in seinem Inkubator-Boot sitzen. Dabei wollten die nicht nur, wie es immer so schnell heiße, "vom Payer zum Player" mutieren, wie Müschenich betont. "Eine Kasse, die keine digitale Strategie hat, ist heute auch einfach nicht mehr attraktiv - und zwar weder als Arbeitgeber noch als Versicherer", so der Gesundheitswissenschaftler. Die Beitragszahler schauten heute genau, welche Angebote eine Kasse mache. "Früher war es die Akupunktur, auf die die Versicherten Wert gelegt haben, heute ist es dagegen oft eine ganz spezielle App, die ihnen hilft, mit ihrer Krankheit oder ihren Beschwerden klar zu kommen."

Auch Janko Schildt hat für seine Firma Emperra den Kontakt zur Versicherungswelt gesucht - und ist jetzt über einen Vertrag der Integrierten Versorgung mit der AOK Nordost verbunden. Die Kasse übernimmt für ihre zuckerkranken Versicherten die Kosten des Tele-Diabetologie-Systems, wenn diese in ihrem speziellen Disease-Management-Programm eingeschrieben sind. Für Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied der Geschäftsleitung der AOK Nordost, ein klarer Vorteil für die Versicherten: "Diabetiker mit stark schwankenden Blutzuckerwerten benötigen ein möglichst lückenloses Monitoring ihrer Daten, damit ihre Therapie immer zeitnah entsprechend angepasst werden kann und dadurch Folgeerkrankungen möglichst vermieden werden." Diesen Versicherten wolle die AOK Nordost ein telemedizinisches Versorgungsprogramm anbieten, das einen "hohen medizinischen Nutzwert" für sie habe. Den Nutzen haben Kasse und Emperra noch in der Pilotphase prüfen lassen: In einer gemeinsam mit der Technischen Universität Dresden erhobenen Datenevaluation wurde deutlich, dass insbesondere die Langzeitblutzuckerwerte bei einer der teilnehmenden Patientengruppen gesunken waren. "Zudem waren geringere Krankenhaus- sowie Notfallbehandlungen wegen Diabetes mellitus zu verzeichnen", so Janko Schildt.

Natürlich denkt die Kassenwelt noch weiter, spielt mögliche Tarife und Prämienmodelle durch, die an das Gesundheitsverhalten der Versicherten gekoppelt sind. Die Generali-Versicherung war vor zwei Jahren in die Schlagzeilen geraten, als sie ankündigte, Kunden Gutscheine oder Rabatte anbieten zu wollen, wenn sie ihre Lebensweise über eine Generali-App dokumentieren und ein besonders „gesundheitsbewusstes Verhalten“ belegen können. „Verhaltensbasiertes und motivierendes Versicherungsmodell“ nennt die Versicherung ihre Idee, die mittlerweile unter dem Namen „Generali Vitality“ auf dem Markt ist. Von „Überwachung“ sprechen dagegen ihre Kritiker, die darin erste totalitäre Strukturen erkennen wollen. Die Bevölkerung zeigt sich dem Modell gegenüber recht aufgeschlossen: Einer Studie von YouGov zufolge können sich 32 Prozent der Befragten vorstellen, gesundheitsbezogene Daten zu messen und ihrer Krankenkasse mitzuteilen, wenn sie dadurch Vorteile erhalten. Für weitere 39 Prozent käme dies allerdings nicht in Frage.

Markus Müschenich jedenfalls wird mittlerweile weit häufiger von den Krankenkassen angefragt als umgekehrt. „Die suchen alle den Eintritt in die digitale Welt“, so der Experte. „Denn schließlich: Der Internetmedizin gehört die Zukunft. In wenigen Jahren werden wir uns nicht mehr mit Ärzten unterhalten, sondern mit Bots, die uns Diagnosen übermitteln. Wir werden dann alle unseren digitalen Leibarzt in der Hosentasche tragen.“ Wieder eine Aussage, die manche heute noch für versponnen, für verrückt halten mögen? Vielleicht.

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