Indien

Ein Subkontinent voller Versprechen

Es sind drei bunte Buddha-Statuen, mit jeweils einem Löwen links und rechts, vor einem sehr bunten Tempel, zu sehen.

Geheimnisvolles Indien – in gewisser Weise trifft dieses Attribut auch auf den Gesundheitsmarkt des Landes zu. Ein Medical Device Act soll das aber ab 2018 ändern.

Quelle: swisshippo / Fotolia

Indien – das bedeutet Wachstum, Vielfalt, Größe. So auch im Bereich der Medizintechnik. Der Markt für Medizinprodukte wächst unaufhörlich, ebenso das Volumen des Gesundheitsmarktes insgesamt. Deutschland nimmt seit Jahren eine stabile, führende Position als Importeur in den Subkontinent ein. Dennoch empfinden viele Analysten und Unternehmer das zweitgrößte Land der Welt aufgrund seiner undurchsichtigen Regularien und häufig nicht eingehaltenen Versprechen als schwierig. von Martina Merten

Indien ist eine der am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt. Das geht am Gesundheitsmarkt nicht spurlos vorüber.

Incredibable und amazing – mit diesen Attributen lässt sich das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt wohl am besten beschreiben. Unglaublich reich, gleichzeitig unglaublich arm. Faszinierende Vielfalt herrscht auch in einem der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsbereiche: dem Gesundheitsmarkt. Dessen Gesamtvolumen wird in der „Zielmarktanalyse Indien 2017“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) auf etwa 100 Milliarden US-Dollar beziffert. Bis 2020, heißt es darin, steigt es auf 280 Milliarden Euro.

Die Gründe für das rasante Wachstum liegen auf der Hand: Die Bevölkerungsanzahl steigt stetig – bald werden in Indien mehr Menschen leben als in der Volksrepublik China. Die Einkommen steigen und es bildet sich eine Mittelklasse heraus, die in der Lage ist, in ihren Lebensstandard zu investieren. Da die Inder immer älter werden und sich die Lebensgewohnheiten ändern, nimmt die Zahl der Menschen mit chronischen Erkrankungen zu. Es ist mittlerweile die Rede von einem „double burden“ – einer doppelten Krankheitslast aus Infektionserkrankungen und nicht-übertragbaren Erkrankungen. Diese Last muss behandelt werden.

Rahmendaten zum Gesundheitssystem in Indien (Schätzungen)

Indikator Wert
Einwohnerzahl (2014 in Mrd.)1,2
Bevölkerungswachstum (2014 in Prozent p.a.)1,3

Altersstruktur der Bevölkerung (2012)

Anteil der unter 14-Jährigen (Prozent)

Anteil der über 65-Jährigen (Prozent)

 

28,9

5,8

Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt
(2011 in Jahren)

66

Durchschnittseinkommen eines Arbeiters
(2012 in indischen Rupien brutto pro Monat) *)

8.000 bis 15.800
Gesundheitsausgaben pro Kopf (2014 in US-Dollar pro Jahr)75
Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP (2015 in Prozent)4,1
Ärzte/100.000 Einwohner (2015)70
Zahnärzte/100.000 Einwohner (2013)12 bis 24
Krankenhausbetten/100.000 Einwohner (2015)90

*) durchschnittlicher Wechselkurs am 19. Oktober 2016: 1 Euro = 73,30 indische Rupien

Quelle: GTAI, „Branche Kompakt: Nachholbedarf am indischen Medizintechnikmarkt“

 

Der Privatsektor spielt eine zunehmend wichtige Rolle im indischen Gesundheitswesen, sagt die Vize-Vorsitzende der Apollo Hospitals in Indien, Shobana Kamineni. Knapp 75 Prozent der Ausgaben im Gesundheitsbereich entstünden durch Behandlungen in privaten Einrichtungen. Wieviel genau in Indien für Gesundheit ausgeben wird, kann nur geschätzt werden: Offiziellen Daten der Weltgesundheitsorganisation zufolge beträgt der Anteil der Ausgaben für Gesundheit am Bruttoinlandsprodukt rund vier Prozent. Der Großteil dieser vier Prozent kommt aus privater Hand, berichtet die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing, Germany Trade and Invest (GTAI).

Krankenversicherungen oder gar einen universellen Krankenversicherungsschutz sucht man auf dem Subkontinent so gut wie vergebens. Lediglich fünf bis sechs Prozent der Inder sind im Besitz einer Krankenversicherung, schätzt Apollo-Fachfrau Kamineni. Allerdings seien die Leistungskataloge dieser Versicherungen massiv eingeschränkt. Zuzahlungen stünden an der Tagesordnung.

Die indische Regierung um Premierminister Narendra Modi, der seit 2014 im Amt ist, will das im Rahmen eines Fünf-Jahres-Planes, der 2017 ausläuft, ändern. Danach soll eine Reform des Gesundheitssystems angestoßen werden – eine „universal health coverage“-Reform.

17 Prozent der Gesamtimporte Indiens stammen aus Deutschland. Der wachsende Medizintechnikbereich – vor allem im Privatsektor – könnte die Bedeutung deutscher Unternehmen auf dem Subkontinent noch weiter stärken.

Protrait eines Mannes mittleren Alters mit kurzem Haar und Brille.

Von vielversprechenden Wachstumsraten auf dem indischen Medizintechnikmarkt spricht Volker Wiechmann, medways.

Quelle: medways e.V.

Der Medizintechniksektor hat analog zum Anstieg des Gesundheitsmarktvolumens an Bedeutung gewonnen. Die jährlichen Wachstumsraten liegen bei rund 15 Prozent, weiß Volker Wiechmann vom thüringischen Branchenverband medways. Derzeit liege das Marktvolumen bei rund 2,8 Milliarden US-Dollar. Bis 2023 könne es auf sieben Milliarden US-Dollar steigen, heißt es in einer medways-Analyse, in der die Potenziale für Thüringer Medizintechnikunternehmen auf dem indischen Gesundheitsmarkt ausgelotet werden. Ähnliche Zahlen nennen auch die GTAI, das Marktforschungsunternehmen Business Monitor oder der Branchenverband Spectaris. Daniela Bartscher-Herold, Partnerin beim Beratungsunternehmen EAC (Euro Asia Consulting PartG), prognostiziert bereits für 2020 ein Marktvolumen von 7,8 Milliarden US-Dollar. Ihre Firma ist seit 25 Jahren mit eigenen Büros in Mumbai in Indien aktiv.

Einfuhr ausgewählter medizintechnischer Produkte nach Indien (in Millionen US-Dollar)

Produktgruppe20142015davon aus D (2015)

Elektrodiagnoseapparate und -geräte

314,2323,340,2
Röntgenapparate etc.405,6542,496,9
Sterilisierapparate36,522,73,5
Rollstühle9,211,40,1

Zahnmedizinische Instrumente

45,242,34,8

Spritzen, Nadeln,Katheter, Kanülen etc.

295,2259,711,8

Ophthalmologische Instrumente

163,4160,937,6

Andere Instrumente, Apparate und Geräte

565,9529,2133,2

Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc.

136,5130,86,1
Medizinmöbel etc.41,339,56,1

Orthopädietechnik,Prothesen etc.

444,6431,125,7
Gesamt2.457,62.493,3366

Quelle: GTAI, „Branche Kompakt: Nachholbedarf am indischen Medizintechnikmarkt“

Den Großteil der Medizinprodukte führt Indien ein. In der „Zielmarktanalyse Indien 2017“ de BMWi wird die hohe Importabhängigkeit deutlich: 77 Prozent des Marktvolumens werden durch Importe abgedeckt. Der größte Abnehmer dieser Importe ist der Privatsektor. 17 Prozent der Gesamtimporte stammen aus Deutschland. An erster Stelle liegen die USA mit 25 Prozent, China befindet sich dicht hinter Deutschland mit einem Anteil von 16 Prozent, gefolgt von Japan mit sieben 7 Prozent Marktanteil, heißt es in „Branche Kompakt Indien“ der GTAI. Indien wird darin als „preissensibler Markt“ beschrieben, auf dem „Good-enough-Produkte“ – also Produkte mit mittlerer Qualität, zum Beispiel aus China – noch gut genug sind. Geräte für die Augen- und Zahnmedizin stellen mit 25 Prozent das größte Segment des indischen Medizintechnikmarktes dar. Orthopädietechnik hat einen Anteil von 20 Prozent am Gesamtmarkt, gefolgt von elektromedizinischen Apparaten. Auch der Diagnostikbereich entwickelt sich der GTAI zufolge dynamisch. Hier wird ein jährliches Wachstum von 30 Prozent erwartet, sagt Anna Westenberger, Senior Manager Asien/Pazifik der GTAI.

Indiens Regierung lockt ausländische Investoren

Wie in anderen Schwellenländern will auch die indische Regierung die bislang schwache heimische Industrie stärken. Durch das Regierungsprogramm „Make in India“ soll das indische Produktionsvolumen gesteigert werden. Gleichzeitig ist es ein Aufruf an ausländische Investoren, in Indien zu produzieren und so das dortige verarbeitende Gewerbe zu unterstützen. Es soll Erleichterungen bei ausländischen Direktinvestitionen geben, heißt es bei der GTAI. Die EAC unterstützt die indische Botschaft in Berlin bei diesem Vorhaben. Daniela Bartscher-Herold zufolge sind bereits über 70 deutsche Unternehmen involviert, sehr viele davon aus der Medizintechnikbranche. „Die Zuversicht auf dem Kontinent wächst“, sagt Bartscher-Herold. Der strategische Fokus deutscher Unternehmen auf Indien sei ungebrochen, in erster Linie wegen Premierminister Modi.

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GTAI Branche kompakt: Nachholbedarf am indischen Medizintechnikmarkt

Der Zugang zum indischen Medizinproduktemarkt gilt als unklar und wenig transparent. Ein „Medical Device Act“ soll das ändern. Experten erhoffen sich davon klare Vorgaben und mehr Verlässlichkeit für Investoren.

Die zuständige Überwachungsbehörde für Medizinprodukte in Indien ist die „Central Drugs Standard Control Organization“ (CDSCO). Sie bearbeitet den Antrag zur Registrierung eines Medizinprodukts und ist der indischen Arzneimittelaufsicht untergeordnet. Diese wiederum untersteht dem Ministerium für Gesundheit und Familienwohlfahrt.

Regulierung so unüberschaubar wie das Land

Eines lässt sich über den Zugang zum indischen Medizintechnikmarkt vorwegnehmen: Er ist schwierig. Investoren lasen sich davon häufig abschrecken, erzählen Anna Westenberger, GTAI-Senior-Managerin für den Asien-Pazifik-Raum, und ihre Kollegin Heena Nazir aus Mumbai. Es fehle eine klare Rechtsgrundlage – also ein Gesetz, in dem der Zugang und die Risikoklassen beschrieben sind. So würden auch Geräte mangelnder Qualität ins Land gelangen, heißt es bei der GTAI.

Portrait einer blonden schlanken Frau mit weißer Bluse und schwarzem Blazer, die in die Kamera lächelt.

Der Medical Device Act wird den Zugang zum indischen Markt vereinfachen, glaubt Daniela Bartscher-Herold, EAC.

Quelle: EAC

Unternehmen, die in der Vergangenheit versucht haben, den indischen Markt zu erobern, sind häufig bereits an der Einordnung ihrer Produkte in Risikoklassen gescheitert. „Man wusste nicht so genau, was für die Zulassung erforderlich ist“, beschreibt es Georg Bauer, Manager für Auslandsbeziehungen beim TÜV Süd. Bislang, erläutert Daniela Bartscher-Herold von EAC, gibt es 22 Produktkategorien. Für Hochrisikoprodukte sind eine Registrierung und eine Lizenz erforderlich, sagt Volker Wiechmann von medways. Um das Dickicht an Unklarheiten irgendwie zu durchdringen, müssen Unternehmen Kontakte zu jemandem im Land pflegen. Entweder, so geht es der „Zielmarktanalyse Indien 2017“ hervor, sucht sich eine Firma einen Agenten, der das Unternehmen in Indien vertritt. Oder sie arbeitet mit einem Distributor zusammen, der die Waren beim Unternehmen einkauft und diese dann an seine Kunden oder Großhändler, Zwischenhändler oder Endverbraucher weiterverkauft.

Willkürliche Zölle machen KMU das Leben schwer

Unabhängig von den Regularien haben vor allem KMU mit weiteren Eigenheiten des indischen Marktes zu kämpfen. So habe beispielsweise der Zoll in Mumbai abhängig davon, welches Unternehmen Produkte ins Land bringen wollte, extra Zahlungen verlangt, erzählt Dr. Peter Rueckert, Geschäftsführer der Firma Biomark aus Rheinau. Der Versuch, Unterstützung von indischen Ministerien oder der Deutschen Botschaft zu erhalten, sei gescheitert. Zum Teil seien Produkte einfach einbehalten worden. Die Kompressen von Biomark seien dabei stark verschmutzt worden. Auch die Zusammenarbeit mit Distributoren beschreibt Rueckert als schwierig. Viele Firmen seien unseriös. Nur wenige Distributoren belieferten das gesamte Land. Auch der Versuch, mit regionalen Distributoren zusammenzuarbeiten, sei gescheitert. „Die Verträge, die wir geschlossen haben, sind nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind“, sagt Rueckert rückblickend. Seine Firma unternahm insgesamt drei Anläufe, ihre Produkte auf den indischen Markt zu bringen. Jedes Mal entstanden hohe finanzielle Verluste. Rueckerts Fazit: „Zu verkaufen geht schnell. Geld zu bekommen dauert ewig.“ Biomark hat sich vom indischen Markt zurückgezogen.

Die großen Medizintechnikunternehmen haben es da wahrscheinlich leichter. Die Drägerwerk AG beispielsweise ist bereits seit 45 Jahren auf dem indischen Markt tätig, sagt Nikil Rao, Geschäftsführer von Draeger India. Sie hat zahlreiche Niederlassungen über das Land verteilt, darunter in Mumbai, Delhi, Bangalore und Kalkutta. Vertrieb und Service regelt das Unternehmen landesweit selbst, vereinzelt werden Vertriebspartner hinzugezogen. Die Wachstumsraten in den vergangenen Jahren waren zweistellig. Von Problemen berichtet Rao nicht.

Ab 2018 soll Medical Device Act klare Regeln aufstellen

Künftig werden die Vorschriften zum Inverkehrbringen aller medizinischen Geräte unter ein Gesetz fallen: den Medical Device Act. Dieser soll 2018 in Kraft treten. Die darin enthaltenen Vorschriften orientieren sich an den Standards des International Medical Device Regulators Forum (IMDRF), so Prashant Kumar Sandhi, Projektmanager für internationale Kooperationen bei der Deutschen Kommission Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik. Das neue Gesetz soll vier Risikoklassen vorgeben: Klasse A „low risk“, Klasse B „low moderate risk“, Klasse C „moderate high risk“ und Klasse D „high risk“. Die CDSCO wird weiterhin die zentrale Überwachungsbehörde für Medizinprodukte sein. Grundsätzlich, sagt Sandhi, müssen Medizinprodukte aus der Europäischen Union, den USA, Australien und Japan weniger Anforderungen erfüllen als solche aus anderen Ländern. Daniela Bartscher-Herold von der EAC bezeichnet den Medical Device Act als „Meilenstein“. Seine Verabschiedung werde ein „Schlüsseldatum“ für die deutsche Medizintechnikindustrie sein, ihre Indien-Strategie neu aufzulegen.

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