M&A-Aktivitäten

Eine Branche auf Selbstfindungstrip

Ein junger Mann schüttelt eine Hand, die von rechts oben ins Bild ragt.

Kaufen und verkaufen – in der Medizintechnikbranche herrscht ein reges Transaktionstreiben, das derzeit noch zunimmt.

Quelle: Sergey Nivens / Fotolia

Die Medizintechnikindustrie rüttelt es seit Jahren kräftig durch. Im ersten Halbjahr 2017 ist das Volumen der Mergers&Aquisitions (M&A)-Deals gegenüber dem gleichen Zeitraum 2016 wieder gestiegen. Allerdings reicht es nicht an die Höchstwerte aus den Jahren 2014/2015 heran. Die Branche steht vor enormen Herausforderungen: Der Innovationsdruck durch die Digitalisierung, sinkende Erlöse in einigen Produktsegmenten, verschärfte Regulierungsauflagen und der Markteintritt von Apple, Google & Co. sorgen für reges Marktreiben. von Ingrid Mühlnikel

„Die M&A-Geschäfte in der Medizintechnikbranche ziehen wieder an, erreichen aber nicht die Spitzenwerte aus 2014, wo Unternehmen im Wert von 395 Millionen US-Dollar die Besitzer wechselten“, erklärt Thomas Rudolph, Leiter Pharma und Medizintechnik bei McKinsey, die Lage der Medizintechnikbranche. Zum Vergleich: 2016 betrug das Deal-Volumen 239 Millionen US-Dollar. „Die Anzahl der Deals ist im ersten Halbjahr 2017 bei gleichbleibendem Deal-Volumen etwas geringer gegenüber dem Vorjahr 2016.“ Im Schnitt komme die Branche auf rund 400 Deals im Jahr, wovon sieben Deals die Schwelle sogenannter Mega-Deals erreichen – also ein Deal-Volumen von mehr als fünf Billionen US-Dollar.

Es werden Unternehmen gekauft und verkauft, Portfolios bereinigt, Beteiligungen an anderen Unternehmen eingegangen, Start-ups mit Venture Capital versorgt, Finanzinvestoren mit ins Boot geholt – keine Frage, der Markt ist in Bewegung.

„Die Vielfalt unterschiedlichster Transaktionen und Transaktionsmotive war nie so bunt wie heute“, beschreibt Dr. Christian Bridts, Geschäftsführer Bridts Corporate Finance GmbH & Co. KG, die Lage der Branche. „Spektakulärste Transaktion mit Ausstrahlung auf den globalen Medizintechnikmarkt war sicher die Übernahme von C R Bard durch Beckton Dickinson für 24 Milliarden Dollar. Sie steht allein für rund 40 Prozent des gesamten M&A-Volumens im ersten Halbjahr 2017.“ Beckton Dickinson erhöht mit diesem Deal weiter den Druck auf den deutschen Markt. Das Unternehmen beliefert Krankenhäuser mit Verbrauchsartikeln wie Injektionsmaterialien.

Mann Mitte 30, dunkelblond,  gepflegte Erscheinung, Vollbart und Brille mit dunklem Gestell, lächelnd.

Thomas Rudolph, Leiter Pharma und Medizintechnik bei McKinsey

Quelle: McKinsey

Doch nicht die schiere Größe durch einen Zusammenschluss von Unternehmen spielt eine Rolle. Welche zentralen Unternehmensstrategien liegen den Transaktionen in der Medizintechnikbranche zugrunde? „Es ist ganz klar ein Mix aus Konsolidierung, auch entlang der Wertschöpfungskette, Bereinigung der Kerngeschäfts-Portfolios, aber auch dem Zukauf von Innovationen“, sagt Thomas Rudolph von McKinsey. „Ein Beispiel für Konsolidierung entlang der Wertschöpfungskette ist sicherlich der Verkauf des Geschäfts mit Blutzuckermessgeräten der Firma Bayer an den amerikanischen Private-Equity-Investor Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR). Dieser hatte zuvor bereits Panasonic Healthcare erworben und nun die beiden Firmen zusammengeführt. Die Firma Trumpf kommt klassisch aus dem Maschinenbau und hat 2014 ihre Medizinsparte an Hill-Rom, einen der weltweit führenden Hersteller von Krankenhausausstattung, verkauft und damit ihr Portfolio bereinigt. Roche Diabetes kaufte jüngst mit mysugr.com alle Anteile des Wiener Start-ups und bietet Services an, versucht also durch die Hinzunahme von Innovationen, sein Geschäftsfeld attraktiv zu halten.“

Für die D-A-CH-Region werden technologisch getriebene Transaktionen erwartet

Spannende Deals erwartet der Experte Bridts im Hinblick auf Größe der M&As insbesondere für den US-amerikanischen Markt, auch weil das Bewertungslevel der Unternehmen in den USA noch einmal höher ist als hierzulande und die Unternehmen ein Gegengewicht zu den Kostenträgern bilden wollen. Für die D-A-CH-Region – also Deutschland, Österreich, Schweiz – erwartet Bridts weiter eher technologisch getriebene Transaktionen, auch durch den Eintritt branchenfremder Unternehmen. Dazu zählen sicherlich Apple, Google & Co – doch auch andere Konzerne möchten an dem lukrativen Gesundheitsmarkt teilhaben.

Der aus der Ruhrkohle AG entstandene Mischkonzern Evonik ist ein Beispiel dafür, wie große Industrieunternehmen sich über Beteiligungen an Start-ups medizintechnisches Know-how einkaufen.

Evonik Industries gehört heute zu den weltweit führenden Unternehmen in der Spezialchemie. Daneben ist das Essener Unternehmen noch in den Bereichen Energie und Infrastruktur unterwegs. Der Chemiekonzern will darüber hinaus aber auch auf strategisch wichtigen Wachstumsfeldern mit dabei sein. Eines dieser innovativen Wachstumsfelder ist Gesundheit.

Pinkfarbene Fahnen flattern vor einer Glasfassade.

Für Evonik Industries ist Medizintechnik ein strategisches Wachstumsfeld.

Quelle: Evonik

Anfang 2016 investierte Evonik über seinen Venturecapital-Arm in das finnische Start-up Synoste Oy. Die jungen Unternehmensgründer wollen ein Hightech-Implantat auf den Markt bringen, mit dem unterschiedliche Beinlängen therapiert werden können. Bislang wurden diese Behinderungen mit einem Fixateur behandelt – ein Stahlkonstrukt, das außen am Bein befestigt wird. Das Synoste-Team hat nun eine minimal-invasive Methode entwickelt, bei der das Implantat in den zuvor getrennten Knochen eingesetzt wird – eine Art intramedullärer Nagel. Durch den Einsatz elektromagnetischer Strahlung fährt das Implantat wie ein Teleskop in kleinen Schritten von 0,5 Millimeter auseinander. Zwischen den Knochenhälften bildet sich neue Knochensubstanz. Auf diese Weise soll ein Längenwachstum des Knochens um mehrere Zentimeter ermöglicht werden.

Produktidee und Material finden zusammen

„Bei der Fertigung des Implantats soll auch Vestakeep Peek zum Einsatz kommen, ein Hochleistungskunststoff von Evonik, der sich aufgrund seiner sehr guten mechanischen Eigenschaften und seiner Bioverträglichkeit in der Implantat-, Dental- und Medizintechnik etabliert hat“, heißt es in dem Pressetext. Noch befindet sich das Implantat in der klinischen Prüfung – 2019 soll es dann auf den Markt kommen.

Das Implantat zur Beinverlängerung ist nicht Evoniks einziges Engagement. Der Konzern hält mehrere direkte Venture Capital-Beteiligungen. Beispielsweise investiert Evonik in die Firma Wiivv – ein Hersteller von 3D-gedruckten biomechanisch gefertigten Schuheinlagen. Eine weitere Beteiligung hält der Konzern am irischen Hersteller Vivasure Medical, der bioabsorbierbare Implantate für Gefäßverschlüsse entwickelt hat.

„Evonik ist über seine Fonds-Beteiligungen außerdem indirekt an weiteren Start-up-Unternehmen im Bereich Medizintechnik beteiligt“, erläutert Silke Linneweber von Evonik die Beteiligungsstrategie des Konzerns. „Wir sehen uns auch regelmäßig Unternehmen aus dem Bereich an. Weitere Investitionen sind denkbar, wenn das Start-up die strategischen und finanziellen Investitionskriterien von Evonik erfüllt.“ Insgesamt will Evonik bis 2025 in seinen sechs innovativen Wachstumsfeldern, darunter auch Healthcare, eine Milliarde Euro Umsatz machen.

Manche Herausforderungen sind zu groß, als dass kleine und mittlere Unternehmen sie allein stemmen können.

Zweifelsohne stellt die Digitalisierung einen Treiber für M&A und andere Transaktionen in der Medizintechnikbranche dar. „Insbesondere kleinere Unternehmen können oder wollen sich oft den technologischen Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, nicht stellen und wählen mitunter den Marktaustritt, wenn der Verkaufspreis stimmt“, erläutert Marcus Kuhlmann, Leiter Fachverband Medizintechnik, beim Industrieverband Spectaris. Der Veränderungsdruck auf die Unternehmen insgesamt ist groß. Dr. Christian Bridts verweist insbesondere auf das Verschwimmen der Branchengrenzen: „Personalisierte Medizin, Mobile-Health-Anwendungen, Big-Data-Analysen, 3D-Druck oder auch die Nanomedizin, um nur einige zu nennen, sind die technologischen Treiber. Aus einem klar umrissenen Medizinprodukt von ehedem ist heute nicht selten ein System geworden, das teilweise mehrere Schnittstellen zu anderen technologischen Bereichen aufweist und mitunter von diesen vorangetrieben wird.“

Ein anderes Szenario: Neue Medizinprodukte lösen alte einfach ab, beispielsweise nicht-invasive Blutzuckerbestimmung mittels biometrischer Diagnostik durch die Augenlinse. Experten verweisen allerdings darauf, dass der Ankündigung von Google noch kein marktreifes Produkt gefolgt ist.

Investment in Start-ups gleicht derzeit einer Wette auf Zeit

Drei junge Leute stehen vor einer weißen Wand, auf der bunte Klebezettel kleben.

Start-ups bringen frischen Wind in die Branche. Potenziellen Käufern ist das viel wert – manchmal zu viel.

Quelle: REDPIXEL / Fotolia

Nicht wenige Fachleute sehen derzeit einen Hype rund um das Thema Start-ups. Dr. Christian Bridts: „Ein typisches Start-up ist noch kein Unternehmen im eigentlichen Sinne, hat noch keinen nennenswerten Markt, in der Regel noch keine etablierte Wertschöpfungskette, und die Erstattung ist oft ebenfalls noch nicht geregelt.“ Dem stimmt Bernhard Calmer, Director Business Development Zentraleuropa von Cerner Deutschland, zu. „Start-ups sind derzeit zu hoch bewertet, gemessen an dem, was an Produktideen am Markt tatsächlich ankommt. Ein Beispiel ist Jawbone mit seiner Fitnesstracker-App. Einst mit drei Milliarden Euro bewertet, ist es jetzt noch 500 Millionen Euro wert. Dennoch gehen Start-ups im Moment weg wie warme Semmeln. Auch weil die Medizintechnikbranche auf der Suche nach den Geschäftsmodellen von morgen ist.“ Junge Start-ups sind der wichtige Treibstoff der E-Health-Produktszene und liefern die dazugehörigen Fantasien. Für Bernhard Calmer gleicht deswegen das Investment in Start-ups auch einer Wette auf Zeit – erst im Nachhinein zeige sich, ob diese in eine vielversprechende Zukunft weisen.

MDR treibt kleine Hersteller in die Enge

Auch was die Auswirkungen der Medical Device Regulation (MDR) insbesondere für kleine bis mittlere Medizintechnikunternehmen betrifft, sind sich die Experten einig. „Die MDR wird bei kleinen Unternehmen zu einer Konsolidierung führen“, prognostiziert Thomas Rudolph. Diese Einschätzung bestätigt auch Marcus Kuhlmann: „Viele insbesondere der kleineren Unternehmen klagen über die hohen regulatorischen Anforderungen: angefangen bei umfangreichen Dokumentationspflichten über die Anforderungen verschiedener Studientypen bei Nutzenbewertungen und Sicherheitsnachweisen bis hin zu den Kosten für die Unique Device Identification (UDI). Wir befürchten, dass immer mehr vor allem kleinere Unternehmen vom Markt verschwinden, weil sie sich den zusätzlichen regulatorischen Aufwand beim Marktzugang und im Rahmen der Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung nicht leisten können.“

Eine weitere Hürde für die kleinen Unternehmen stellen standardisierte Einkaufsprozesse beispielsweise durch Einkaufsverbünde wie Genossenschaften und Einkaufsgesellschaften großer Klinikketten dar. Die Unternehmen sitzen nicht mehr einem einzelnen Arzt gegenüber, sondern verhandlungsgeschulten Kaufleuten. Dies stellt besondere Anforderungen an das Marketing, was nicht alle gleich gut beherrschen.

Unter anderem diese Faktoren könnten dazu beitragen, den bislang hohen Anteil von zirka 95 Prozent kleinerer und mittlerer Medizintechnikunternehmen in Deutschland zu dezimieren, befürchten Branchenexperten. Doch gerade die enorme Vielfalt von kleinen und mittleren Unternehmen trägt entscheidend zur Innovationsfähigkeit der Branche bei. Allerdings gilt auch: Viele Unternehmen trotzen diesen Widerständen und wachsen profitabel als internationale Nischenplayer. Eine allgemeingültige Einschätzung über die Entwicklung der Medizintechnikbranche lässt sich aufgrund ihres hohen Heterogenitätsgrades deswegen auch nicht ohne Weiteres geben.

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