Spitzencluster

Europäische Metropolregion Nürnberg auf Wachstumskurs

Ein Mann mittleren Alters mit Brille und lichtem Haar spricht - mit den Händen gestikulierend - mit jemandem, der offenbar rechts von der Kamera steht.

Erich R. Reinhardt, Vorstandsvorsitzender des Medical Valley EMN: „Durch ein Ökosystem wie das Medical Valley gibt es viel Unterstützung für Innovationen. Es erzeugt eine stimulierende Atmosphäre, die optimistisch stimmt und dazu motiviert, Neues zu wagen.“

Quelle: Medical Valley EMN e.V.

Das Medical Valley Europäische Metropolregion Nürnberg ist als einer der Gewinner aus der Spitzenclusterförderung des Bundesforschungsministeriums (BMBF) hervorgegangen. Aktuell fließen im Rahmen der Fördermaßnahme „Internationalisierung von Spitzenclustern, Zukunftsprojekten und vergleichbaren Netzwerken“ bis 2020 bis zu vier Millionen Euro jährlich in die Region. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sollen davon profitieren. Mittlerweile sind über 190 Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesundheitsversorgung im Medical Valley zusammengeschlossen. Nun wurde der Cluster um ein neues Innovationszentrum in Forchheim erweitert. Professor Erich R. Reinhardt, Vorstandsvorsitzender des Medical Valley EMN e. V., spricht in unserem Interview darüber, welche Bedingungen das neue Center für Start-ups und Wachstumsunternehmen in der Gesundheitswirtschaft bietet. von Anja Speitel

Professor Reinhardt, bitte beschreiben Sie, was das Medical Valley ausmacht.

Reinhardt: Von hier geht eine große Innovationskraft aus. In den vergangenen Jahren haben wir ganz gezielt daran gearbeitet, ein besonders innovationsförderndes Ökosystem in der EMN zu schaffen: Um neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle im Gesundheitsbereich zu entwickeln, die auch wettbewerbsfähig sind, bedarf es der Kooperation sehr unterschiedlicher Partner – aus Wirtschaft, Wissenschaft, klinischer Forschung, Gesundheitsversorgung und dem Sektor der Kostenträger. Sich schon in Frühphasen des Innovationsprozesses zusammenzufinden und gemeinsam zu arbeiten, haben wir hier stark vorangetrieben.

Wie gelingt diese Vernetzung?

Wir unterstützten die Vernetzung aktiv, indem wir beispielsweise sogenannte „Communities of Practice“ eingerichtet haben: Durch den Dialog um ähnliche Fragestellungen können neue Gedanken, Themen und Kooperationen entwickelt werden. Diese Atmosphäre stimuliert zur Zusammenarbeit. Auch Partner, die nicht vor Ort sind oder aus der Region kommen, werden hier oft eingebunden, um wettbewerbsfähige Innovationen entstehen zu lassen. Selbst Unternehmen, die im Wettbewerb zueinander stehen, tauschen sich hier aus. Letztendlich profitieren davon alle.

Eine Frau im roten Mantel hält eine Rede vor einem Auditorium.

Hoher Besuch bei der Eröffnung des Medical Valley Centers in Forchheim: Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (li.).

Quelle: Medical Valley EMN e.V.

Geben Sie auch gezielte Impulse, damit sich bestimmte Firmen zusammenfinden?

Zunächst setzen wir auf Selbstorganisation der Unternehmen und Institutionen. Wenn jemand jedoch Partner benötigt, um aus einer Idee eine Innovation zu machen, vernetzen wir aktiv. Das umfasst auch die Suche nach Geld – öffentlichem und privatem. Hier gehen wir beim Thema Crowdinvesting gerade ganz neue Wege: Unter dem Dach des European Institute of Innovation and Technology (EIT) Health sind wir federführend dabei, eine europaweite Plattform für Finanzierungen aufzubauen.

Bekomme ich als Mitglied des Medical Valley solche Dienstleistungen gratis?

Gratis bieten wir viel inhaltliche Beratung, etwa zum Thema Fördermittel: Insbesondere, was die verschiedenen Fördertöpfe des bayerischen Staates angeht, können wir Unternehmen gut beraten, um welchen es sich am ehesten zu bewerben lohnt. Welche Anforderungen da erfüllt werden müssen und wie man seine Innovation deshalb beschreiben muss. Wir helfen also, dass alle äußeren Bedingungen für eine Förderung erfüllt sind. Werden wir hingegen gebeten, intensive Projektarbeit zu leisten, muss solch eine Dienstleistung natürlich extra bezahlt werden. Und wenn wir Partner vermitteln, die Dienstleistungen anbieten, vereinbaren die Unternehmen die Bezahlung natürlich untereinander.

In welchen Bereichen brauchen Start-ups, Spin-offs oder KMU besonders viel Unterstützung?

Bei Zulassungsfragen. Es ist auch besonders wichtig, sich hierum sehr früh zu kümmern. Sonst kann es passieren, dass Sie zwar eine ganz tolle Idee haben, aber einen wichtigen Punkt für die Zulassung nicht bedacht haben. Und dann können Sie nicht in den regulierten Markt eintreten oder nur sehr eingeschränkt oder verlieren wichtige Zeit im Produktentwicklungsprozess. Auch sollte man frühzeitig eruieren, ob das Marktinteresse noch groß genug ist, falls ich doch nicht in den regulierten Medizinbereich hineinkomme. Hilfestellung hier bieten unter anderem unsere Senior Experts. Das sind häufig pensionierte Mitarbeiter von Siemens Healthineers, die junge Projekte auf dem Weg zur Marktreife mit ihrer Erfahrung begleiten, damit deren Erfolgswahrscheinlichkeit zunimmt.

Gibt es noch weitere Faktoren, die das Innovationszentrum insbesondere für sehr junge Gründer attraktiv machen?

Der größte Vorteil im Medical Valley ist, Teil eines Netzwerkes zu werden, das von Wissensaustausch geprägt ist. Man bekommt vielfältige Verbindungen, etwa zur Forschung und den Gesundheitsversorgern, Beratung in Marketing- und Vertriebsmaßnahmen sowie für internationale Aktivitäten. Denn eine Innovation im Gesundheitsbereich ist im Allgemeinen ja von globalem Interesse. Um die Vernetzung weltweit voranzutreiben und Wachstumsmöglichkeiten zu forcieren, haben wir Kooperationen mit Partnerorganisationen in China, Brasilien und den USA geschlossen. Daneben kann man bei uns über Co-Working-Spaces zeitweise Arbeitsplätze anmieten, wenn ein Projekt kurzfristig Verstärkung braucht. Es braucht Flexibilität, um Gründungen zu stimulieren. Außerdem etablieren wir in Forchheim ein Forschungsinstitut, aus welchem mittelfristig Start-ups entstehen sollen. Schließlich wird Digital Health zu Innovationen in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung führen – also ein Riesenmarkt, der für 2020 auf 230 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Darum ist dies ein Schwerpunkt im Medical Valley und damit auch in Forchheim.

Wie versuchen Sie darüber hinaus, die Branche zu beflügeln?

Wir investieren seit knapp drei Jahren viel Zeit und Ressourcen in die Vorgründungsphasen. Beispielsweise haben wir den Medical Valley Award durchgeführt, um Ausgründungen von Universitäten und Hochschulen zu fördern. Qualifizieren sich Projekte, werden sie von Mentoren begleitet, um deren Erfolgschancen zu verbessern.

Welche innovativen Impulse gehen aktuell vom Medical Valley aus?

Ein hochinteressantes Innovationsfeld ist das Thema „Sensor basierte Bewegungsanalyse“. Die Anwendungen betreffen ganz neue Möglichkeiten zum individuellen Training für verschiedene Sportarten. Genauso neue spielerische Ansätze, um Menschen zu mehr Bewegung oder einem gesünderen Lebensstil zu motivieren. Zusätzlich gibt es Synergien zu Projekten im Bereich Sturzerkennung. Das Sturzrisiko nimmt insbesondere bei älteren Menschen zu. Erkennt man dies früh, lässt sich das Sturzrisiko durch therapeutische Maßnahmen minimieren. Auch bestimmte Erkrankungen, etwa Parkinson, können durch Bewegungsanalyse diagnostiziert und Therapiewirkungen ermittelt werden. Dies ist ein Beispiel, wie durch transdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Gruppen im Medical Valley Innovationen für ein breites Anwendungsspektrum entstehen.

Warum wurde gerade in Forchheim neu investiert?

Einige Standortfaktoren haben für Forchheim gesprochen: Die Anbindung nach Erlangen ist sehr gut, sodass wir Synergien nutzen können. Zudem hat Siemens Healthineers dort einen großen Forschungs- und Entwicklungsstandort. Auch politisch haben wir große Unterstützung bekommen, um Forchheim als zweiten Standort neben Erlangen zu etablieren. Nun sind wir dabei einen dritten in Bamberg zu konzipieren – hier stehen wir aber noch ganz am Anfang, führen erste Gespräche zu Finanzierungsfragen.

Wie hoch war die Investition in Forchheim, und wer trägt diese?

Wir waren zwar Initiator, dass das Innovationszentrum in Forchheim zustande kam, sind aber nicht der Eigentümer. Die Medical Valley GmbH Forchheim gehört zu 100 Prozent der Stadt Forchheim. Die Baukosten von rund zehn Millionen Euro hat das bayerische Wirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt.

Wie finanzieren Sie sich?

Medical Valley EMN ist ein eingetragener Verein. Wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge und Sponsorenverträge, dazu kommen Einnahmen aus unseren Dienstleistungsangeboten sowie dem Betrieb der Medical Valley Center Erlangen und Forchheim. Auch um Förderprogramme bemühen wir uns. Aktuell kommt uns beispielsweise die Fördermaßnahme „Internationalisierung von Spitzenclustern, Zukunftsprojekten und vergleichbaren Netzwerken“ (InterSpiN) des Bundesministeriums für Bildung Forschung (BMBF) zugute.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Schnelligkeit ist ein großer Wettbewerbsfaktor, eine Schlüsselqualifikation. Wir müssen also schnell sein, wenn wir bestehen wollen – am besten so schnell wie das Silicon Valley oder Boston. Deshalb arbeiten wir stets daran, die Zusammenarbeit noch zu beschleunigen. Zudem möchten wir aus dem vielen neuen Wissen, das hier zusammenläuft, noch viel mehr wirtschaftlich verwertbare Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entwickeln. Insbesondere im Bereich Digital Health sehen wir große Möglichkeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unternehmen im Medical Valley Center Forchheim
Kaiser GmbHinnovative Technologien für Active Assisted Living (AAL): technische Infrastruktur in Gebäuden für Menschen in besonderen Lebenssituationen

http://www.elektroplanung40.de

http://www.elektro-kaiser.de
Infiana Group: Infiana Germany GmbH & Co. KGinnovative Spezialfolien für den Konsumgütermarkt und die Industriehttp://www.infiana.com
Timeline Consulting GmbH & Co.KGEntwicklung, Beratung und Vertrieb bei der Einführung von EDV-Produkten zur betriebswirtschaftlichen Steuerung von Handels-, Industrie- und Dienstleistungsunternehmenwww.timeline-erp.de
Consato GmbHIT-Lösungen und EDV-Systeme in Unternehmenwww.consato.de
Sports Innovation Technologies GmbH& Co.KGProdukte und Dienstleistungen zur Verbesserung von Ausbildung und Performance im Sport, zum Beispiel innovative Trainingsgeräte für den Fußball www.exerlights.com/
BioVarianceAnwendungen in der Pharmaforschung: Alle Produkte bewegen sich um das Wissen, das die biologischen Unterschiede zwischen Menschen und die daraus folgenden Konsequenzen der Behandlung durch Wirkstoffe erklärt.www.biovariance.com/
Sanosense AGBetriebliches Gesundheits-management: Erstellung passgenauer Lösungenwww.sanosense.de
QuantiSIMSoftwarelösungen zur detaillierten Dosisabschätzung/-planung bei  radiologischen UntersuchungenWebseite noch nicht verfügbar

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