Elektronischer Medikationsplan

Gute Idee, schleppende Umsetzung

Ein schematisch gezeichnetes Bild: eine Ärztin hält links ein Schriftstück hoch, daneben sind ein Schreibtisch, ein Regal mit farbigen Büchern und Ordnern dargestellt, und rechts oben hängen Bilder von Organen und eine Art Urkunde oder Zertifikat an der Wand.

Seit 1. April sind Ärzte verpflichtet, Patienten, die dauerhaft Medikamente einnehmen müssen, einen Medikationsplan auszustellen.

Quelle: cornecoba/Fotolia

Der lange geforderte und im Vorfeld intensiv diskutierte, bundeseinheitliche Medikationsplan ist in der Versorgung angekommen. Aber er hat es schwer. Zwar werden viele Pläne abgerechnet. Als Werkzeug der intersektoralen Kommunikation ist der Plan bisher aber noch kein Erfolg. App-Anbieter wollen dazu beitragen, dass das anders wird. Auch integrierte Netzwerke für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit setzen auf die Digitalisierung. von Philipp Grätzel

Der bundeseinheitliche Medikationsplan gilt als ein Stück Innovationspolitik. In der Versorgungswirklichkeit ist er derzeit vor allem ein Stück Papier. Immerhin: Erstmals gibt es einen einheitlichen Medikationsplan, den alle Praxis-IT-Systeme beherrschen und auf den die Patienten unter bestimmten Voraussetzungen ein verbrieftes Recht haben.

Seit dem 1. Oktober 2016 haben Versicherte, die drei oder mehr Medikamente dauerhaft einnehmen, einen gesetzlichen Anspruch auf Aushändigung eines Medikationsplans. Zurück geht dieser Anspruch auf das E-Health-Gesetz. Bis zum 1. April 2017 lief eine Übergangsfrist. Seither müssen Ärzte nicht nur irgendeinen Medikationsplan, sondern den im Rahmen des Aktionsplans Arzneimitteltherapiesicherheit des Bundesministeriums für Gesundheit gemeinsam mit Patienten, Ärzten und Apothekern entwickelten, bundeseinheitlichen Medikationsplan erstellen.

Inhalte des bundeseinheitlichen Medikationsplans

Dabei handelt es sich letztlich um eine standardisierte Medikamentenliste. Sie enthält den Wirkstoffnamen, den Handelsnamen des Präparats, die Wirkstärke und die Applikationsform. Außerdem können vier verschiedene Einnahmezeitpunkte markiert werden, nämlich morgens, mittags, abends und zur Nacht. Ein Freitextfeld erlaubt, wo nötig, die Dokumentation detaillierter Hinweise, beispielsweise „auf wechselnde Einstichstellen achten“ bei Subkutanspritzen. Auch der Name des verordnenden Arztes kann, muss aber nicht im Freitext niedergelegt werden. Schließlich gibt es am Ende jeder Zeile noch ein Feld, das den Grund der Einnahme in Patientensprache dokumentiert, etwa „Herz“ oder „Blutdruck“.

Zu sehen sind links die ineinandergefalteten Hände - wahrscheinlich - eines Patienten, und rechts die Hände eines Arztes, mit Kittel und Stetoskop um den Hals, auf einer weißen Tischplatte.

Der Hausarzt ist in der Regel derjenige, der den Medikationsplan ausstellt.

Quelle: Syda Productions/Fotolia

Ausstellen darf bzw. muss den Medikationsplan in erster Linie der Hausarzt. Aktualisieren müssen auf Wunsch des Patienten auch Fachärzte und Apotheker. Der Hausarzt händigt dem Patienten den Plan in Form eines DIN A4-Bogens aus. Zu einem Stück Innovationspolitik wird er dadurch, dass er als digitaler Medikationsplan angelegt ist. Sämtliche Informationen in der Medikationsliste sind auch Teil eines zweidimensionalen Barcodes in der rechten oberen Ecke des Papiers. Auf diese Weise kann der Medikationsplan mit einem Barcode-Lesegerät eingelesen und direkt in die IT-Systeme von Ärzten, Krankenhäusern oder Apotheken importiert werden. Indirekt bedeutete die Frist 1. April 2017 daher, dass ab diesem Zeitpunkt jede Arztpraxis ein digitales Modul für den Medikationsplan haben musste.

Statistiken sind noch Mangelware

Soweit die Theorie. Die Frage ist, ob dieser Medikationsplan im Versorgungsalltag auch wirklich im Einsatz ist. Und das ist gar nicht so leicht zu ermitteln. Beim Aktionsbündnis Patientensicherheit, das an der Konzeption des Plans maßgeblich beteiligt war, verweist man auf die Koordinierungsstelle bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Dort wird betont, dass es zum aktuellen Zeitpunkt noch keine Statistiken zur Ausstellung von Medikationsplänen gebe. Was die IT-Umsetzung angeht, habe man aber den Eindruck, dass die Praxis-IT-Hersteller die elektronischen Module flächendeckend zur Verfügung gestellt haben.

Etwas auskunftsfreudiger hinsichtlich der möglicherweise ausgestellten Pläne ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein. Sie deckt, gemessen an der Mitgliederzahl, rund ein Achtel des deutschen Gesundheitswesens ab. Auf Nachfrage von Medizintechnologie.de betont die KV Nordrhein, dass allein im vierten Quartal 2016 die EBM-Ziffer 03222 zur Abrechnung des Medikationsplans rund 2,9 Millionen Mal abgerechnet wurde. Dies sei mit Blick auf die Gesamtzahl der gesetzlich Versicherten, nämlich 8,5 Millionen, und mit Blick auf die Behandlungsfälle in Nordrhein, nämlich 17 Millionen, enorm viel.

Vergütungssystem macht Auswertung nahezu unmöglich

Das bedeutet allerdings nicht, dass in Nordrhein 2,9 Millionen Patienten einen (zu diesem Zeitpunkt noch nicht zwangsläufig bundeseinheitlichen) Medikationsplan erhalten haben. Der Grund ist das komplexe Vergütungsmodell, auf das sich Krankenkassen und Ärzte beim Medikationsplan geeinigt haben. Grundsätzlich kann mit der EBM-Ziffer 01630 – etwa vier Euro im Jahr – die Erstellung und Aktualisierung einzelner Medikationspläne abgerechnet werden. Das macht aber kaum jemand. Viel gängiger ist die Ziffer 03222, ein ebenfalls etwa vier Euro pro Jahr umfassender Zuschlag zur Chronikerpauschale.

Dieser Zuschlag – und das ist das Problem aller Statistiken – wird unabhängig davon gezahlt, ob wirklich ein Medikationsplan ausgestellt wurde. Mit anderen Worten: Da nur ein Teil der Patienten, für die die Chronikerpauschale gilt, einen Medikationsplan in Anspruch nehmen kann, erhalten Ärzte pro Medikationsplan letztlich mehr als die mager klingenden vier Euro. Wie viel mehr, hängt davon ab, wie intensiv der Arzt Medikationspläne ausstellt. Ein Anreiz für die Ausstellung von Medikationsplänen ist diese Vergütung in jedem Fall nicht, eher im Gegenteil: Wer mehr ausstellt, hat mehr Arbeit, bekommt aber nicht mehr Geld.

Der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschuss, Josef Hecken, fällte beim Gesundheitskongress des Westens ein wenig schmeichelhaftes Urteil: Der Bundesmedikationsplan bringe die intersektorale Kommunikation nicht weiter. Das Geld dafür, 163 Millionen im Jahr, hätte man besser für einen Brunnenbau im Kongo ausgegeben. Was ist da los, und wie lässt es sich ändern?

Wen auch immer man derzeit zum Thema Bundesmedikationsplan fragt: Fast jeder betont, dass dieser Plan schon wegen seiner Einheitlichkeit und seiner standardisierten elektronischen Umsetzung grundsätzlich ein enormer Fortschritt sei. Nicht nur gibt es die standardisierten Barcodes. Auch die Umsetzung des Plans für die elektronische Gesundheitskarte, die laut E-Health-Gesetz ab 2019 kommen soll, ist technisch in trockenen Tüchern. Sie wurde von Industrie und Selbstverwaltung unter Einbeziehung von Standardisierungsgremien erarbeitet und gilt in der Branche als Meilenstein.

„Das uneheliche Kind des Gesundheitswesen“

Praktisch jeder, der sich zum Thema Medikationsplan äußert, sagt aber auch, dass der Plan derzeit, wenn er denn ausgestellt wird, vor allem in der Schublade lande. Der Plan wird offenbar nicht zum Arzt- oder Apothekenbesuch mitgenommen. Das konterkariert die Intention dahinter, denn auf diese Weise entstehen eher mehr unterschiedliche Medikationspläne als vorher. „Apotheken sehen im Moment noch keine Medikationspläne in relevantem Umfang. Nur ein nicht quantifizierbarer Bruchteil der Medikationspläne kommt in den Apotheken an“, sagte etwa Martin Schulz vom Geschäftsbereich Arzneimittel des Apothekerverbands Abda bei der Gesundheits-IT-Messe conhIT.

Diesen Eindruck haben auch andere. Sebastian Gaede ist Geschäftsführer des Unternehmens smartpatient, in Deutschland unter dem Namen MyTherapy ein marktführender Anbieter eines App-basierten Medikationsplans. Mit der Smartphone-Kamera kann die MyTherapy-App den bundeseinheitlichen Medikationsplan einlesen und verarbeiten. Der Patient kann dann zusätzlich beispielsweise Alarmfunktionen programmieren. „Der einheitliche Medikationsplan ist ein Schritt in die richtige Richtung und eigentlich eine großartige Sache. Aber unser Eindruck ist, dass er bisher wenig, wirklich wenig genutzt wird“, sagt Gaede. „Er scheint ein wenig wie das uneheliche Kind des Gesundheitswesens: Es ist da, aber keiner will darüber reden.“

Marc Oberkirch vom Unternehmen MMI macht ähnliche Erfahrungen. MMI bietet unter der Bezeichnung Pharmindex verschiedene medikationsassoziierte Software-Tools für Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an. Kürzlich hat das Unternehmen mit Mediplan auch eine Medikationsplan-App für Patienten ins Portfolio genommen: „Der Medikationsplan wird als Information für Zuhause genutzt und verschwindet in der Schublade. Die Patienten, die den Plan bekommen, wissen nicht wirklich, was damit zu tun ist. Und bei den Ärzten wird von offizieller Seite kaum etwas getan, um die Marktteilnehmer zu begeistern und abzuholen.“

Immer dabei: Der Medikationsplan auf dem Smartphone

Ein Smartphone mit einem Barcode auf dem Bildschirm wird über ein Blatt Papier, ebenfalls mit einem Barcode oben rechts in der Ecke gehalten.

Die MyTherapy-App könnte weit mehr als nur den Medikationsplan darstellen – ihn zum Beispiel einscannen oder in Apotheken ausgeben.

Quelle: MyTherapy

Apps wie Mediplan und MyTherapy können für sich in Anspruch nehmen, das „Schubladenproblem“ anzugehen. Denn ein Smartphone hat der Patient im Zweifel eher dabei als einen DIN A4-Zettel. Um das Papier wirklich ersetzen zu können, müssten die App-Anbieter den Medikationsplan aber nicht nur einlesen, sondern auch ausgeben können: Der Barcode müsste so abgebildet werden, dass er mit den Scannern, die in immer mehr Arztpraxen vorhanden sind, ausgelesen werden kann.

Bei MyTherapy will man diese Lücke schließen: „Wir werden das einführen, und es ist technisch auch nicht besonders schwierig. Wegen der noch geringen Verbreitung des Plans ist das aber im Moment noch nicht ganz oben auf der Prioritätenliste“, so Gaede. MyTherapy ist in mehreren regionalen Arzneimitteltherapiesicherheitsprojekten involviert und probt dort bereits die elektronische Übergabe und Aktualisierung des Medikationsplans zwischen klinischen Systemen und der App. Unter anderem läuft an der Charité Berlin ein Nachsorgeprojekt für Patienten mit Nierentransplantation, dessen Ergebnisse im Spätsommer vorgestellt werden sollen.

Solche digital integrierten Medikationsplanprojekte gibt es an vielen Stellen des deutschen Gesundheitswesens, und sie funktionieren oft gut. Ein anderes Beispiel wäre das – ohne App arbeitende – Armin-Projekt in Sachsen und Thüringen, wo Ärzte und Apotheker an einem Strang ziehen und einen deutlich umfassenderen elektronischen Medikationsplan nutzen. Armin ist ein Selektivvertrag, bei dem sich Arzt-Apotheker-Pärchen bilden. Das Projekt hat zwar noch einige datenschutzrechtliche und organisatorische Hürden zu umschiffen. „Diejenigen, die am Netz sind, finden es aber richtig gut“, sagt Ulf Maywald von der AOK plus. „Speziell die Ärzte haben nachher weniger Arbeit, bzw. der Apotheker nimmt ihnen sogar einen Teil der Arbeit ab.“

Medikationsmanagement ist mehr als Liste

Viele Kritiker des Medikationsplans machen angesichts dieser an sich positiven Erfahrungen die fehlende Koordination der Arzneimitteltherapie in der Regelversorgung des deutschen Gesundheitswesens mit dafür verantwortlich, dass der bundeseinheitliche Medikationsplan bisher noch nicht „fliegt“. Es bräuchte insbesondere eine engere Verzahnung von niedergelassenen Ärzten und Apothekern, die durch den Bundesmedikationsplan unter anderem deswegen nicht erreicht wird, weil die Apotheker nicht das Recht haben, ihn zu erstellen und auch bei der Aktualisierung nicht in die Vergütungsmodelle eingebunden sind.

„Die enge Abstimmung zwischen Apothekern und Ärzten ist ein zentraler Punkt, das zeigen alle wissenschaftlichen Untersuchungen zu Medikationsplänen“, betonte Martin Schulz für die Abda. Solche Kooperationsszenarien machten es auch leichter als der derzeitige Medikationsplan, die Selbstmedikation zu integrieren. Das betrifft immerhin 40 Prozent aller abgegebenen Medikamente. Auch eine Verknüpfung von Medikamenten und Diagnosen im Rahmen eines Medikationsplans wäre mit Blick auf die Arzneimitteltherapiesicherheit wünschenswert.

Für ein systematisches, softwaregestütztes Medikationsmanagement statt einer reinen digitalen Liste spricht sich auch die Arbeitsgemeinschaft Gesundheit 65 PLUS aus. Ein effektives Medikationsmanagement sei für eine sichere Arzneimitteltherapie gerade bei Senioren zwingend und wegen der Fülle der zu berücksichtigenden Daten nur computergestützt umzusetzen, betonte Professor Marion Schaefer von der Charité Berlin bei einer Pressekonferenz der AG 65 PLUS.

Dass sich mehr Engagement für einen wie auch immer weiterentwickelten Medikationsplan sowohl für die Patienten als auch für das Gesundheitswesen lohnt, darin sind sich also alle einig. Hardy Müller vom Aktionsbündnis Patientensicherheit erinnerte bei der conhIT an eine aktuelle OECD-Studie zur Ökonomie der Patientensicherheit. Demnach wenden Krankenhäuser 15 Prozent aller Ausgaben dafür auf, nicht intendierte Ereignisse zu beheben. Medikationsfolgen sind dabei neben nosokomialen Infektionen, Stürzen und chirurgischen Fehlern eines der großen Themen.

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