Mexiko

Marktwachstum mit Hindernissen

Mexiko führt den Großteil seines Bedarfs an Medizintechnik ein. Drittgrößter Handelspartner auf diesem Gebiet ist Deutschland.

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2017 ist ein schwieriges Jahr für den Medizintechnikmarkt in Mexiko. Die schwierige wirtschaftliche Situation der USA strahlt ins Nachbarland aus; das Ganze wird durch die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten nicht leichter. Nichtsdestotrotz ist Mexiko nach wie vor der zweitgrößte Medizintechnikmarkt Lateinamerikas. Über 80 Prozent des Bedarfs an Medizintechnik und Verbrauchsmaterialien werden eingeführt. Da die Regierung verstärkt ins Gesundheitssystem investiert, sind weitere Steigerungen zu erwarten. von Martina Merten

Das Positive vorweg: Mexiko ist der zweitgrößte Medizintechnikmarkt in Lateinamerika. Auch wenn es innerhalb der vergangenen zehn Jahre Schwankungen aufgrund politischer und wirtschaftlicher Instabilitäten gegeben hat – die Prognosen stimmen nach wie vor zuversichtlich: Von 2015 bis 2020 soll der Medizintechnikmarkt in nationaler Währung jährlich um 5,6 Prozent wachsen, heißt es in einem Bericht der Germany Trade and Invest (GTAI). Florian Steinmeyer, Direktor des Mexiko-Büros der GTAI, bezeichnet den Anstieg von Ein- und Ausfuhren als „durchweg konstant“. Die Nachfrage nach Medizintechnik und Verbrauchsmaterialien im Wert von etwa vier Milliarden US-Dollar wurde der GTAI zufolge 2014 zu 84 Prozent über Importe gedeckt. Der Staat, heißt es, nehme 70 bis 80 Prozent der importierten Medizintechnik ab. Gleichzeitig ist Mexiko ein wichtiger Standort für zahlreiche Lohnveredelungsfabriken US-amerikanischer Medizintechnikunternehmen.

Bei den Importen ist das 122 Millionen Einwohner zählende Land stark vom Nachbarland USA abhängig: 66 Prozent und damit der überwiegende Anteil der Einfuhren kamen 2015 aus den Staaten, gefolgt von China und Deutschland. Aus Deutschland wurden vor allem Röntgenapparate (18,7 Prozent) und ophthalmologische Instrumente (22,7 Prozent) eingeführt.

Wirtschaftsdynamik schwächelt nach Trump-Wahl

Dr. Roberto Fritzler, Verkaufsleiter bei Vaccubrand: „Derzeit ist die Situation schlechter als noch in 2009 und 2010.“

Quelle: Privat

Aufgrund der großen Abhängigkeit von der US-Wirtschaft war absehbar, dass die unruhige Situation in Amerika, die dortige wirtschaftliche Stagnation und der sogenannte Trump-Effekt vor allem in den vergangenen beiden Jahren für wirtschaftliche Einbrüche in Mexiko gesorgt haben. „Derzeit ist die Situation schlechter als noch in 2009 und 2010, da die Lage sich auch rückschrittlich auf die Währung ausgewirkt hat“, berichtet Dr. Roberto Fritzler, Verkaufsleiter der Firma Vaccubrand, die 1,5 Prozent ihrer Erzeugnisse nach Lateinamerika exportiert. Ähnlich beschreibt es auch Carlos Jimenez, geschäftsführender Direktor von BBraun in Mexiko. Der lokale Konsum sei „unerwartet gering“. Der mexikanische Markt liege auf dem weltweiten Ranking nur auf Platz 28. „Der Medizintechnikmarkt“, sagt Jimenez, „wird häufig überschätzt“.

Dennoch: wachsender Gesundheitsmarkt

Ein Blick auf die Entwicklung des mexikanischen Gesundheitswesens und dessen Versicherungsstrukturen zeigt allerdings, dass ausländische Unternehmen durchaus Hoffnungen haben dürfen: Die steigenden Einkommen der Mexikaner haben zu einem Anstieg privater Versicherungen geführt, weiß GTAI-Experte Steinmeyer. Zwar sind nur acht Prozent der Mexikaner privat vollversichert. Doch der Markt für Zusatzversicherungen wächst. 25 bis 30 Prozent der Gesundheitsdienstleistungen werden von privaten Anbietern erbracht.

Damit einhergehend ist das Interesseder Mexikaner an Qualitätsprodukten. „Mit billig ist man hier schnell wieder draußen“, glaubt Peter A. Rueckert, Geschäftsführer der Biomark GmbH, die aufgrund des wachsenden Privatsektors ernsthaft über einen Marktzugang nachdenkt.

Rahmendaten zum Gesundheitssystem in Mexiko
Indikator Wert
Einwohnerzahl (2016, in Mio.) 122,3
Bevölkerungswachstum (2016, in % p.a.) 1,2
Altersstruktur der Bevölkerung (2016)
   - Anteil der unter 14-Jährigen (in %)27,3
   - Anteil der über 65-Jährigen (in %) 6,9
Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (2014, in Jahren)

77

Durchschnittseinkommen (2016, in US$) 8.698,6
Gesundheitsausgaben pro Kopf (2014,in US US$) 677
Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP (2014, in %) 6,3
Ärzte/1.000 Einwohner (2014) 2,2
Zahnärzte/1.000 Einwohner (2014) 0,1
Krankenhausbetten/1.000 Einwohner (2014), davon
   - privat0,37
   - öffentlich1,25

 

Quelle: GTAI Wirtschaftsdaten kompakt, Weltbank, OECD

Öffentliche Gesundheitsausgaben steigen

Wie in vielen Schwellenländern sind auch in Mexiko chronische Erkrankungen auf dem Vormarsch. Insbesondere Übergewicht und Diabetes machen den Mexikanern zu schaffen. Die Regierung reagiert: Die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit sind in den vergangenen Jahren von 2,4 Prozent auf 3,2 Prozent gestiegen. Bis 2004 mussten die Mexikaner noch die Hälfte ihrer Behandlungskosten selbst tragen. Eine Vollversicherung für die breite Masse existierte nicht. Durch die Einführung einer Basiskrankenversicherung, die Seguro Popular, weitete die Regierung den öffentlichen Krankenversicherungsschutz auf Selbstständige, Arbeitslose und Unterbeschäftigte aus. Inzwischen sind um die 50 Millionen Mexikaner über Seguro Popular versichert. Neben der Seguro Popular existieren zwei weitere staatliche Krankenversicherungen, deren Mitglieder abhängig von ihrer Beschäftigung versichert sind. Insgesamt liegen die Ausgaben für Gesundheit bei 6,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Kritisiert wird allerdings, dass rund zehn Prozent der Gesamtkosten für Gesundheit in die Verwaltung fließen – doppelt so viel wie im OECD-Durchschnitt, sagt Jimenez.

Das Besondere am mexikanischen Gesundheitssystem – und das, was am meisten kritisiert wird –ist, dass Patienten abhängig von ihrer Versicherung ausschließlich Zugang zu bestimmten Einrichtungen haben. Versicherte können also nicht in jedem Krankenhaus behandelt werden. „Mexiko braucht dringend eine Trennung von Versicherungsleistung und behandelndem Krankenhaus im Gesundheitswesen“, betont Jimenez von BBraun. Vor Ablauf der Regierungszeit Ende 2018 sei eine solch umfassende Reform allerdings unwahrscheinlich.  

KMU haben es schwer

Carlos Jimenez, BBraun: „Mexiko braucht dringend eine Trennung von Versicherungsleistung und behandelndem Krankenhaus.“

Quelle: Privat

Ein gut erschlossener Markt bedeutet nicht automatisch, dass viele deutsche Unternehmen ihn bereits für sich entdeckt haben. So ist Deutschland in Mexiko hinter den USA und China zwar die drittstärkste Importnation in Sachen Medizintechnik. Es sind jedoch nicht die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die nach Mexiko exportieren. Es sind große Firmen wie BBraun, Siemens, Draeger, Karl-Storz und Zeiss, die nach Mexiko liefern. „Sie sind mit dem Markt gewachsen“, beschreibt es Florian Steinmeyer, Direktor des Mexiko Büros der GTAI. Ansonsten, sagt Carlos Jimenez, Geschäftsführer von BBraun in Mexiko, gebe es fast nur US-Firmen vor Ort.

Steinmeyer hält den Preis von Produkten für entscheidend für die Auswahl der Mexikaner. „Es ist schwierig, mit einem Produkt hier zu landen, da sich alles um den Preis dreht.“ Dennoch, berichtet Dr. Roberto Fritzler von der Firma Vacuubrand aus eigenen Erfahrungen, werde für qualitativ hochwertige Produkte auch ein anständiger Preis bezahlt.

Ohne Zulassungsinhaber im Land geht nichts

Grundsätzlich sind Produkte aus den USA und aus EU-Ländern frei von Zöllen. Innerhalb des mexikanischen Gesundheitsministeriums wurde im Jahr 2000 eine Abteilung etabliert, die für Medizintechnikimporte, Exporte, die Kontrolle von Einrichtungen des Gesundheitswesens und für die Kontrolle von Gesundheitsprodukten zuständig ist – Cofepris (Comison Federal para la Protection contra Riesgos Sanitarios). Falls ein Unternehmen keine Vertriebsstelle oder Niederlassung in Mexiko hat, muss es einen Zulassungsinhaber als Inlandsvertretung in Mexiko benennen. Dieser Zulassungsinhaber ist dann für Koordinierung, Einrichtung und Verwaltung der Medizinprodukte-Registrierung bei Cofepris zuständig. Es gibt reine Registrierungsdienstleister wie die Firma Emergo, denen der Hersteller die Verfügungsgewalt seiner Marke im Land überträgt. Jimenez von BBraun betrachtet es als Nachteil, dass ein solcher reiner Dienstleister immer bezahlt werden muss, unabhängig von Registrierungszeit und Markterfolg. Zudem gebe es keine Garantie, dass der Dienstleister ausreichend Fachwissen habe, um Nachfragen von Cofepris umfassend beantworten zu können.

Cofepris hat die Prozesse vor fünf Jahren dadurch erleichtert, dass sie 2.200 so genannte unbedenkliche Erzeugnisse von der Registrierungspflicht befreit hat. Dadurch laufen Zulassungsverfahren weitaus schneller ab. Ansonsten gibt es vier Risikoklassen bei Medizinprodukten: low risk sowie class 1, class 2 und class 3. Registrierungsdokumente sind fünf Jahre gültig und können entweder bei der Zulassungsbehörde selbst oder bei einem Drittprüfer – einem Unternehmen, das von Cofepris autorisiert wurde – eingereicht werden. Pro Antrag erhebt die Zulassungsbehörde eine Registrierungsgebühr. Deren Höhe ist abhängig von der Klassifizierung des Medizinprodukts.

Wichtig: mit Kultur vertraut machen
Experten sind sich einig: Wer mit einem andere Land Geschäfte machen möchte, muss sich mit der fremden Kultur vertraut machen. „Sie ist ganz anders als die amerikanische Gesellschaft. Eine, die sehr viel Wert auf formale Dinge legt. Und Formen zu wahren braucht Zeit“, sagt beispielsweise Florian Steinmeyer von der GTAI.

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Steinmeyer von der GTAI hält allerdings die Regulierung über die Behörde allein für nicht maßgeblich. Entscheidend sei vielmehr, dass innovative Produkte aufgrund des Preises schwer auf den Markt zu bringen seien, weil öffentliche Einrichtungen chronisch knapp bei Kasse seien. Um die öffentlichen Budgets zu entlasten, suchten Krankenhäuser und Regierung ständig nach billigeren Einkaufspreisen. Jimenez beobachtet seit Jahren die Tendenz, die Produktspezifikationen des staatlichen Einkaufskataloges (Cuadro Basico) zu generalisieren, um mehr Wettbewerb zu schaffen und damit billiger einzukaufen. Dieser Einkaufskatalog ist eine Auflistung von Produkten, die der öffentliche Sektor hinzukauft. Zudem gibt es zentrale Ausschreibungen, über die mehr als 800 Krankenhäuser ihren Bedarf an Medikamenten und Verbrauchsgütern gebündelt einkaufen.

Mehr im Internet:

OECD Reviews of Health Systems 2016: Mexiko
GTAI: Lateinamerika im Fokus – Geschäftschancen trotz knapper Haushalte
GTAI Branche kompakt: Schwächerer Ausblick auf mexikanischem Markt für Medizintechnik

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