Interoperabilitätsverzeichnis

Umstrittene Standards

Im Sommer wird das Interoperabilitätsverzeichnis starten. Ziel: Die Systeme sollen künftig besser miteinander kommunizieren.

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Mehr Einheitlichkeit bei den IT-Schnittstellen im Gesundheitswesen: Das will die Politik mit dem Interoperabilitätsverzeichnis erreichen, das im Sommer 2017 startet. Dadurch sollen die Systeme künftig besser miteinander kommunizieren können. Auf der Gesundheits-IT-Messe conhIT wurde darüber heftig diskutiert. Gleichzeitig macht ein ganz neuer Standard von sich reden. von Philip Grätzel

Einheitliche IT-Standards sind eine Grundvoraussetzung für ein digital vernetztes Gesundheitswesen. Aus Sicht der Unternehmen sollten die Standards aber nicht nur einheitlich, sondern möglichst auch noch international sein. Denn das mache es deutlich leichter, eine innovative Gesundheits-IT-Lösung, die in Deutschland entwickelt wurde, auch außerhalb des Heimatmarkts anzubieten.

Im deutschen Gesundheitswesen sieht es mit den offenen, einheitlichen, internationalen Standards bislang allerdings nicht so gut aus – aus unterschiedlichen Gründen. Es gibt Körperschaften wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die eigene Standards definieren, von denen außerhalb Deutschlands niemand je gehört hat. Es gibt Unternehmen, die ihre IT-Systeme abschotten oder mit der Öffnung ihrer marktdominanten Systeme Geld verdienen. Und es gibt in der Informatikbranche Einzelpersonen, die Standards entwickeln und damit reich werden wollen.

Interoperabilitätsverzeichnis: Wer bekommt wieviel Einfluss?

Da die Politik im deutschen Gesundheitswesen keine Standards anordnen kann, wurde mit dem E-Health-Gesetz das Interoperabilitätsverzeichnis geschaffen. Es ist als Liste von geeigneten Standards gedacht, die für E-Health-Anwendungen genutzt werden sollten. Jeder kann dort Standards einreichen. Begutachtet werden sie von Experten. Letzlich entscheidet die für die Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitswesen zuständige Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (Gematik), was ins Verzeichnis aufgenommen wird oder nicht.

Mittelfristiges Ziel sei es, die GKV-Vergütung von Leistungen wie dem E-Arztbrief daran zu koppeln, sagte Stefan Bales vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf der conhIT 2017. Das begrüßen viele Beteiligte. Trotzdem gibt es wenige Wochen vor dem Start des Interoperabilitätsverzeichnisses heftige Diskussionen. Kritisiert wird vor allem, dass die Statements der (unbezahlten) Experten lediglich empfehlenden Charakter haben sollen. Die Befürchtung ist, dass dadurch die Gematik – und damit die Selbstverwaltung – das letzte Wort haben wird und am Ende doch jeder Sektor seine eigenen Standards durchdrückt. Das würde die Interoperabilität letzlich in der Sache nicht voranbringen.

Zu den Befürchtungen zählt auch, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) benachteiligt werden könnten, weil es Konzernen und Institutionen wie der KBV leichter fällt, Experten für eine Mitarbeit freizustellen. Das ruft auch die Wirtschaftsminister der Länder auf den Plan. „83 Prozent der Unternehmen in der Gesundheits-IT sind KMU und keine Global Player“, sagte Wiebke Zielinski vom Brandenburger Ministerium für Wirtschaft und Energie stellvertretend für die AG „Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft“ der Wirtschaftsressorts der Bundesländer. „Aus unserer Sicht muss es eine Verständigung auf internationale, offene Standards geben. Wir glauben, dass die Entscheidung nicht allein den Gremien der Selbstverwaltung überlassen bleiben sollte“, so Zielinski.

All diese Debatten sollen in der Geschäfts- und Verfahrensordnung des Interoperabilitätsverzeichnisses berücksichtigt werden. Sie befindet sich derzeit in einer revidierten Fassung im BMG zur Genehmigung. Christof Greife von der Gematik betonte auf der conhIT, dass dieses Dokument nicht in Stein gemeißelt sein müsse. Schon Ende diesen Jahres soll es eine erste Zwischenbilanz geben, auf deren Basis dann entschieden wird, ob Änderungen am Verfahren nötig sind. „In jedem Fall werden wir ab dem 30. Juni Anträge entgegennehmen“, so Greife.

FHIR: Es brennt im Hause Healthcare-Standards

Spannend ist das Thema Interoperabilität in der Gesundheits-IT derzeit nicht nur wegen der üblichen Grabenkämpfe im deutschen Gesundheitswesen, sondern vor allem, weil mit „FHIR“ ein ganz neuer Gesundheits-IT-Standard international Furore macht. FHIR – ausgesprochen wie Englisch Feuer – steht für Fast Healthcare Interoperability Resources. Auch hierzu gab es auf der conhIT 2017 in Berlin ausführliche Informationen.

Grundsätzlich ist der wichtigste internationale Healthcare-IT-Standard „HL7“ in der Version 2. Das ist die Sprache, die die meisten Klinikinformationssysteme sprechen, wenn sie mit anderen IT-Systemen im Krankenhaus kommunizieren. HL7 in der Version 3 zielt stärker auf die einrichtungsübergreifende Kommunikation, ist aber sehr komplex. Das macht es insbesondere für Start-ups nicht gerade leicht, IT-Lösungen zu entwickeln, die mit den großen Kliniksystemen kommunizieren können.

Thomas Pettinger, Thieme Compliance; Stoyan Halkaliev, NursIT Institute; Dr. Bettina Lieske, SAP; Andreas Hempel, Helios Kliniken; Dr. Frank Oemig, HL7 (v.l.n.r.)

Quelle: conhIT2017/Messe Berlin GmbH

Hier setzt FHIR an, das von der Organisation des HL7 entwickelt und 2014 in einer sehr frühen Version erstmals veröffentlicht wurde. FHIR eigne sich unter anderem für die Anbindung mobiler Apps an Klinik-IT-Systeme, für digitale Patientenservices aller Art, außerdem für viele IT-gestützte Kommunikationsszenarien, die im Rahmen regionaler Versorgernetzwerke relevant sind, sagte der Standardisierungsexperte Frank Oemig von HL7 Deutschland.

Dass FHIR einer der am besten dokumentierten Standards sei, die derzeit am Markt seien, sagte Stoyon Halkaliev von dem Start-up NursIT Institute auf der conhIT. Bettina Lieske von SAP konnten das nur bestätigen. Sie betonte, dass selbst junge Entwickler ohne Erfahrungen im Gesundheitswesen mit Hilfe von FHIR relativ schnell funktionierende Schnittstellen programmieren könnten.

Trotz dieser positiven Einschätzungen: Verglichen mit den USA, wo FHIR ursprünglich entwickelt wurde, nähern sich die deutschen IT-Unternehmen FHIR bisher noch mit angezogener Handbremse. Doch das soll sich ändern: So plant der Branchenverband bvitg in den nächsten Monaten mehrere so genannte Connectathons, also Veranstaltungen, bei denen Programmierer ihre auf FHIR basierenden Softwareentwicklungen anhand von Testszenarios erproben können.

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