Logistik

Bestellt und abgeholt – Lieferwege im Wandel

Im rechten Bildvordergrund blickt man auf ein Tablet, das jemand in seinen Händen hält. Auf dem Bildschirm sind Pakete zu sehen. In grauen Feldern steht die Versandzeit. Im linken Bildhintergrund ist das Gesicht eines Mannes zu sehen, de reine Schutzbrille trägt. Vor dem Gesicht schweben Produkt-Icons in einem wabenförmigen Muster.

Im Zuge der Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft werden auch die Lieferprozesse von Medizinprodukten zunehmend digital.

Quelle: zapp2photo/Fotolia

Die Logistik-Branche befindet sich wie viele andere Branchen durch die digitale Transformation im Wandel. Überdies wirken sich so unterschiedliche Trends wie Globalisierung, E-Commerce und wachsende regulatorische Anforderungen im Gesundheitswesen auf die Lieferprozesse von Medizinprodukten aus. Nicht zuletzt geht es im Logistik- und Transportwesen immer darum, Zeit und damit Kosten zu sparen, ohne dass dabei die Qualität – der sichere Transport – auf der Strecke bleibt. von Lisa Kempe

Eine aktuelle Supply-Chain-Management-Studie zeigt: In Sachen Leistungsfähigkeit von Lieferketten schneiden Medizintechnikhersteller deutlich schlechter ab als Konsumgüterhersteller.

Die Unternehmensberater von A.T. Kearney haben die Entscheider von 34 führenden Medizintechnikunternehmen zu ihren Supply-Chain-Kennzahlen befragt. Insbesondere die Lieferzuverlässigkeit, die Lagerbestände und die Kosten für die Lieferkette schnitten bei Medizintechnikfirmen deutlich schlechter ab als bei Konsumgüterherstellern. Nur ein Beispiel sind die Lagerzeiten für das fertige Produkt: Rund 17 Tage harren die Waren der Konsumgüterindustrie im Lager aus, durchschnittlich 124 Tage sind es bei den Medizintechnikherstellern. „Für Medizintechnikhersteller, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Lieferkette auf den Prüfstand stellen wollen, kann sich ein Blick über den Tellerrand lohnen, um von anderen Unternehmen zu lernen. Denn in anderen Branchen hat die Transformation der Lieferketten längst stattgefunden“, berichtet Dr. Christian Weitert, der als Supply-Chain-Experte bei der Managementberatung A.T. Kearney für den Healthcare-Bereich zuständig ist.

Agile Lieferketten haben den Kunden im Fokus

Die Unternehmensberater von A.T. Kearney raten den Medizintechnikunternehmen zu einem radikalen Umbau ihrer Lieferketten. „Die Zukunft liegt auch für Medizintechnik-Produkte in agilen, effizienten und rund um den Kunden organisierten Lieferketten. Auch klein- und mittelständische Medizintechnikunternehmen können sich so Wettbewerbsvorteile durch den schnellen und sicheren Transport ihrer Produkte zum Kunden sichern“, erklärt Weitert.

Blick in eine Lagerhalle. Vorn rechts stehen zwei Männer zwischen hohen Regalen, auf denen sich Pakete türmen. Links im Bild transportiert ein Gabelstapler eine große Kiste.

Die Deutsche Post DHL gehört zu den Marktführern in Sachen Logistik.

Quelle: Deutsche Post AG

Auf knapp 80 Milliarden US-Dollar haben die Marktforscher der Beratungsfirma Technavio aus Großbritannien den globalen Healthcare-Logistik-Markt im Jahr 2016 geschätzt. Bis zum Jahr 2021 prognostizieren sie ein Wachstum um circa 5,6 Prozent auf über 105 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021. So setzen denn auch die weltweiten Branchen-Führer in Sachen Logistik, Kühne und Nagel, DB Schenker oder die Deutsche Post DHL, allesamt auf spezifische Lösungen für die Lieferung von besonders sensiblen Healthcare-Produkten.

Post nimmt „letzte Meile“ in den Blick

Die Deutsche Post DHL hat jüngst eine eigene Logistiklösung für Krankenhäuser entwickelt, die dort den Just-in-time-Zugriff auf medizinische Geräte ermöglichen soll. „DHL hat sich dafür ,die letzte Meile‘ auf dem Weg zu den Endkunden der Medizintechnikhersteller vorgenommen. Es geht darum, die Prozesse im Außenlagerbereich effizienter zu gestalten“, erklärt Sabine Hartmann, Sprecherin der Deutsche Post DHL Group. Das Problem: Ein hoher Lagerbestand garantiert zwar Versorgungssicherheit, führt aber zu hohen Lagerhaltungskosten und bindet Kapital. Eine intelligente Lagerhaltung, die den Bestand optimiert und Zugriffsschwankungen berücksichtigt oder gar vorhersieht, kann den Balanceakt zwischen Verfügbarkeit und Kosten möglich machen. „Unser System erlaubt eine bessere Kontrolle und Verfolgung der Medizinprodukte, die Bestände in den Außenlagern und im Krankenhaus lassen sich besser steuern. Dringend benötigte Produkte können noch am selben Tag ins Krankenhaus geliefert werden – wenn nötig, bis auf die Station“, sagt Hartmann.

Direct-to-Hospital kann Wettbewerbsvorteil werden

Weitert verweist ebenfalls auf die steigende Bedeutung des „Direct-to-Hospital“-Vertriebskanals: „Dienstleistungen wie ,Just-in-time‘-Anlieferungen auf die Stationen oder Produktspender am Verbrauchsort können zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren werden, setzen allerdings massive Eingriffe in die Supply Chain voraus.“ Vor dem Hintergrund der zunehmenden Individualisierung in der Medizin und dem steigenden Bedarf an Dienstleistungen, die weit über das Produkt hinaus gehen, werde die agile und auf den Kunden fokussierte Supply Chain von wachsender Bedeutung sein. „Neue Lieferorte, kurze Reaktionszeiten oder komplett gebündelte ‚End-to-End‘-Lösungen mit neuen Services erhöhen allerdings die Komplexität der Supply Chain und erfordern effiziente Lösungen, um diese auch steuern zu können. Smarte Lösungen können darüber hinaus dazu beitragen, regulatorische Hürden zu überwinden. Insgesamt bietet sich den Medizintechnikherstellern derzeit noch viel Raum für Verbesserungen“, resümiert Weitert.

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Ein Praxisbeispiel: Olympus Europa ist in Sachen Logistik sehr gut aufgestellt. Mit einem digitalen Transportmanagementsystem wahrt der Endoskophersteller den Überblick über seine Lieferkette.

Ein Mann Mitte 30 mit braunen Haaren blickt selbstbewusst in die Kamera.

Alexander Nibbe, Department Manager im Medical-Supply-Chain-Management bei Olympus Europa

Quelle: Olympus

„Die heutigen Kundenanforderungen gehen immer stärker in die Richtung individualisierter Lösungen. Diesem Trend müssen wir uns stellen. Das erfordert auch von der Logistik, immer wieder neue Antworten auf die sich wandelnden Anforderungen zu finden“, erklärt Alexander Nibbe, Department Manager im Medical-Supply-Chain-Management bei Olympus Europa. Als weltweiter Marktführer bei medizinischen Endoskopen hat der japanische Olympus-Konzern in Hamburg seine Zentrale für das Marketing und den Vertrieb in der Region Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA). Gleichzeitig produziert Olympus in der Hansestadt empfindliche Instrumente, beispielsweise für die Elektrochirurgie, Laparoskopie oder Endoskopie, und bereitet dort viele Instrumente wieder auf.

Versand vom kleinsten Paket bis zur voll beladenen Palette

Sowohl das Distributionszentrum, von dem aus Olympus seine Medizintechnik weltweit auf die Reise schickt, als auch das Zentrallager des regionalen Produktionszentrums liegen in der Hand des Logistikdienstleisters Arvato, der in Hamburg vor gut einem Jahr beide Zentren unter einem Dach vereint hat. „Das ermöglicht uns nun eine differenzierte Behandlung unserer Bestände aus der Produktion und für den Vertrieb, da beide jetzt einen eigenen Lagerbereich haben. Dies führt im Ablauf zu einer sauberen Trennung der Produkte und Auslieferungen“, erklärt Nibbe.

Der Standort ist für den Umgang mit Medizintechnik nach der ISO 13485 zertifiziert und verfügt über ein eigenes Zolllager. Mehr als 6.000 Medizinprodukte und 6.000 Ersatzteilartikel lagern dort auf über 10.000 Quadratmetern Hallenfläche. Die Palette reicht von wertvollen medizintechnischen Großgeräten bis hin zu kleinsten Ersatzteilen. Von hier aus erfolgt zum einen die Feindistribution der Artikel an Ärztezentren und Krankenhäuser in ganz Europa. Zum anderen kommen hier große Lieferungen an die weltweiten Olympus-Distributionszentren zum Versand. Das stellt besondere Anforderungen an die logistischen Prozesse: Unterschiedliche Artikel müssen in stark variierenden Versandmengen auf den Weg gebracht werden. Dazu verspricht Olympus seinen Kunden schnelle Lieferzeiten von maximal 24 Stunden in Deutschland und 48 Stunden in ganz Europa.

Tracking und Tracing sind die Zauberworte

Da heißt es, den Überblick zu wahren über die gesamte Versorgungskette –vom Hersteller bis hin zum Abnehmer der Produkte. Das gelingt den Hamburgern mithilfe eines digitalen Transportmanagementsystems. Tracking und Tracing lauten die Zauberworte, um Sendungen vom Transport bis zum Besitzerwechsel kontinuierlich verfolgen und dokumentieren zu können (Tracking) und darüber hinaus noch die Rückverfolgung der Produkte vom Kunden zurück zum Hersteller zu ermöglichen (Tracing). Arvato setzt auf eine belastbare IT-Infrastruktur auf der Basis von SAP. Aufträge können damit für den Warenausgang optimal gebündelt werden. Sogar die Bedienungsanleitungen für die Olympus-Produkte werden auf Abruf gedruckt und den Geräten erst kurz vor dem Versand je nach Bestimmungsort in der jeweiligen Sprache beigefügt – wenn gewünscht, auch mit den entsprechenden Verbrauchsmaterialien für das Gerät.

Bessere Verknüpfung von Marketing und Vertrieb

Auch auf anderer Ebene lohne es sich, über Veränderungen der Logistikprozesse und neue Wege für die Supply Chain nachzudenken, sagt Nibbe – beispielsweise, um Marketing und Vertrieb besser zu verknüpfen und in die Supply Chain einzubinden: „Der Ausbau der Halle in Hamburg erlaubt es uns auch, die Demoware und Messeartikel in das Lager einzubringen. Die räumliche Nähe zwischen Verkaufsware und Demoware ermöglicht einen schnelleren Übertrag und das Nutzen von bewährten Prozessen. Darüber hinaus arbeiten wir nun mit der Demoware in einer Umgebung, die speziell auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist, was viele Vorteile mit sich bringt.“

Die Bertelsmann-Tochter Arvato avancierte vom reinen Buchlieferanten zu einem internationalen Dienstleister für Customer-Relationship-Management (CRM), Supply-Chain-Management (SCM) und Informationstechnologie. Mit ihrem Geschäftsbereich Healthcare-Logistik konzentriert sich der Versandriese auf Europa. Dr. Sebastian Verhoeven, Vice President der STOK Europe, Healthcare – Arvato SCM Solutions, erläutert im Interview, welche Chancen und Herausforderungen in Sachen Logistik auf die Medizintechnikhersteller zukommen werden.

Vor dem Hintergrund der Digitalisierung sowie der Individualisierung im Healthcare-Bereich: Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen im Bereich Logistik für Medizintechnik?

Ein Mann um die 40 lächelt in die Kamera. Er hat ein rundes, freundliches Gesicht und trägt eine Brille.

Dr. Sebastian Verhoeven, Vice President der STOK Europe, Healthcare – Arvato SCM Solutions

Quelle: Arvato Distribution

Dr. Sebastian Verhoeven: Mit der zunehmenden Digitalisierung werden die Bedürfnisse des Patienten zum Dreh-und Angelpunkt aller Akteure im Gesundheitswesen. Medizintechnikhersteller stehen somit vor der Herausforderung, direkt mit dem Patienten zu kommunizieren. Deshalb hat Arvato auch Patient-Relationship-Management-Programme sowie Webshops für Projekte im Healthcare-E-Commerce im Programm. In diesem Umfeld wird die Anbindung an europäische E-Ordering und E-Invoicing-Systeme, wie zum Beispiel GHX, einem Anbieter von elektronischen Zahlungslösungen, zu einer wichtigen Herausforderung. Damit befassen wir uns als Dienstleister seit Jahren.

Wann lohnt sich ein eigener Webshop? Können Sie konkrete Tipps geben?

E-Commerce ist nicht nur ein kommender Trend, sondern bereits ein kontinuierlich wachsendes Geschäft, sowohl im Healthcare-Umfeld als auch in anderen Branchen. Wir glauben, dass bei Medizinprodukten eigentlich für alle Unternehmen ein Direktvertrieb an Krankenhäuser, Labore und Apotheken sinnvoll ist. Um einen Webshop selber aufzubauen, sollte man eine starke Marke und vor allem eine klare Channel-Strategie haben. Wir nutzen unser Know-how aus dem Kosmetik- und Fashion-Bereich auch im Healthcare-Bereich, wo wir bereits einen E-Commerce-Shop für ein innovatives Blutzuckermesssystem aufgesetzt haben.

Wird UDI zum Treiber der Digitalisierung in der Logistik? Haben Sie und Ihre Kunden damit schon Erfahrungen?

Für unsere Konsignationslösungen – also dort, wo wir die Waren bei Kunden lagern – arbeiten wir bereits mit allen verfügbaren Barcodes und Seriennummern und beobachten das Thema Digitalisierung am Point-of-Care intensiv. Es ist sehr wahrscheinlich, dass beide Systeme, sowohl UDI für Medizintechnik als auch FMD für Pharmazeutika, zu etablierten und viel genutzten Konzepten werden. Darauf richten wir uns ein.

Gibt es einen Trend, Lagerflächen auszuweiten?

Die Zentralisierung von Lagerflächen ist seit einigen Jahren eine Grundtendenz. Darüber hinaus steigt die Nachfrage an unseren Forward Stocking Locations, um die Herausforderungen der Zentralisierung optimal zu meistern. Bei Arvato SCM Solutions verzeichnen wir einen ständig wachsenden Bedarf an Lagerflächen und der Bereich Healthcare als Dienstleister für Pharma- und Medizintechnikunternehmen wächst sogar überproportional. Erst kürzlich haben wir die Lagerfläche an unserem Standort in Gennep, Niederlande, für die Distribution von Medizintechnik um 20.000 Quadratmeter Fläche erweitert.

Wo besteht insbesondere bei den klein- und mittelständischen Medizintechnikherstellern in Sachen Logistik der größte Optimierungsbedarf?

Im Rahmen von Zentralisierungsprojekten muss die Aufrechterhaltung von Verfügbarkeiten direkt am Point-of-Care gesichert sein. Hier besteht das Risiko, dass Bestände in Konsignationslagern in die Höhe schnellen, beispielsweise wenn Verfügbarkeitsunsicherheiten durch die Zentralisierungen entstehen. Hieraus ergibt sich eine weitere Herausforderung, die sich im optimalen Management von Konsignationslagern darstellt. Hersteller haben oftmals nicht die volle Transparenz über den Produktverbrauch am Point-of-Care und somit kein vollständiges Wissen über den aktuellen Bestand. Diese Unsicherheit kann schnell zu Über- oder Fehlbeständen und daraus folgend zu Produktverfall führen. Damit geht das Risiko einer unangemessen hohen Kapitalbindung in den Konsignationslagern sowie von Abschreibungen durch Verlust oder Verfall einher. In diesem Bereich kann ein Anbieter wie Arvato mit speziellen Dienstleistungen unterstützen. Unser modulares Konzept reicht von der Bestandsauffassung auf der Station, über Nachbestellungen bis hin zur Umlagerung von zeitnah ablaufenden Produkten.

Was wären die ersten Schritte, die Sie den Herstellern zur Optimierung logistischer Prozesse empfehlen?

Aus langjähriger Erfahrung können wir sagen, dass vor allem die saubere Pflege von Stammdaten, wie zum Beispiel die eigenen Materialstammdaten, saubere Kundendaten und zum Beispiel Bestandsdaten aus Konsignationslagern von sehr großer Bedeutung sind. Die Unterstützung mit geeigneten Business Intelligence Tools zur Datenanalyse kann hier ein Erfolgsgarant sein. Nach wie vor ist eine ausgiebige Analyse der eigenen Prozesse und damit der Prozesskosten wichtig, um eine optimale Effizienz und ein ausreichendes Wissen über die Supply Chain zu erlangen. Hier kann es oft sinnvoll sein, einen Outsourcing-Partner zu identifizieren, der die zuvor genannten Anforderungen als eine seiner langjährigen Kernkompetenzen anbietet.

Vielen Dank für das Gespräch!

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